Vom Handkuss zur Kritik

28. Februar 2011 21:36; Akt: 21.03.2011 16:27 Print

Das Ende einer Freundschaft

Bis vor kurzem galten sie als enge Freunde: Der italienische Premier Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi. Die Entwicklungen in Libyen haben dem ein Ende gesetzt.

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Füt Italien steht viel auf dem Spiel, wenn das libysche Regime fallen sollte, denn Italien und Libyen haben enge Verbindungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. (Bild: Keystone/AP)

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Ein oft bizarres Temperament, Vorliebe für hübsche Frauen und ein ausgeprägter Geschäftssinn verbanden den italienischen Regierungschef und den hochumstrittenen libyschen Machthaber. Ein Foto Berlusconis, der vor einem Gipfeltreffen der Arabischen Liga Gaddafi die Hand küsst, wurde in internationalen diplomatischen Kreisen mit Befremdung und Ironie aufgenommen.

Doch diese Tage sind längst vorbei. Die dramatischen Entwicklungen in Libyen zwingen Berlusconi, sich von seinem Vertrauten zu distanzieren und Kritik an der Regierung des unberechenbaren Machthabers vom anderen Rand des Mittelmeeres zu üben.

Berlusconis Sinneswandel

«Es sieht so aus, als ob Gaddafi die Situation in Libyen nicht mehr unter Kontrolle hat. Wenn wir uns alle einig sind, können wir dieses Blutbad beenden und das libysche Volk unterstützen», sagte Berlusconi am Samstag und schlug sich damit erstmals auf die Seite der Protestbewegung.

Italien hatte sich bisher trotz des gewaltsamen Vorgehens der libyschen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten mit Kritik an Gaddafi zunächst auffällig zurückgehalten. Die Regierung in Rom zeigte sich lediglich besorgt über mögliche illegale Einwanderer aus Libyen, falls Gaddafi stürzen sollte.

In den vergangenen Tagen war Berlusconi intern arg unter Druck geraten, weil er nicht ausdrücklich das Massaker in Libyen verurteilt hatte. Als es im Zuge der Proteste der Bevölkerung gegen das Regime in Tripolis die ersten Opfer in dem nordafrikanischen Land gab, erklärte der Mailänder Medientycoon, er wolle Gaddafi «nicht stören».

Wichtiger Investor in Libyen

Für Italien steht viel auf dem Spiel, sollte die Regierung in Libyen stürzen. Italien und Libyen haben enge Verbindungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, Berlusconi und der libysche Revolutionsführer gelten seit Jahren als enge Vertraute.

Im August 2008 hatten beide einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet, mit dem Rom Libyen für die italienische Kolonialherrschaft von 1911 bis 1942 entschädigen wollte. Seitdem ist Italien Libyens wichtigster Handelspartner.

Aufträge im Wert von vier Milliarden Euro haben italienische Firmen von Tripolis zuletzt erhalten: Eine 1700 Kilometer lange Autobahn sollen Italiener in Libyen bauen. Der italienische Erdölkoloss Eni plant in Libyen ausserdem Investitionen in Höhe von 23 Milliarden Euro.

Flüchtlinge als Druckmittel

Doch umgekehrt ist auch Libyen für Italien wichtig geworden. «Italien braucht Gaddafi mehr als er die Italiener», analysierte ein Politologe jüngst den Stand der Beziehungen zwischen Italien und seiner Ex-Kolonie. Vor allem bei der Abwehr illegaler Immigranten, die von Libyens Küsten aus nach Europa streben.

Der Chef der ausländerfeindlichen Lega Nord, Umberto Bossi, brachte es auf den Nenner: «Gaddafi stoppt die Einwanderung, er hilft Italien.» Daher konnte sich Gaddafi in Italien bisher einiges erlauben.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Die brutale Wende in Libyen zwingt den widerspenstigen Berlusconi umsichtige Kritik an seinem Partner zu üben. Wider Willen erklärte sich der Medienzar bereit, EU- Sanktionen gegen die einstige italienische Kolonie zu unterstützen. Ein Kapitel in den komplizierten italo-libyschen Beziehungen geht zu Ende.

(sda)