Krawalle

12. Dezember 2008 22:30; Akt: 13.12.2008 09:03 Print

Das Internet und der Pflasterstein

Die fast seit einer Woche andauernden Unruhen in Griechenland alarmieren die Regierungen in Europa: Finanz- und Wirtschaftskrise haben genug sozialen Brennstoff angehäuft, dass jederzeit ein Funken gewaltsame Proteste wie in den vergangenen Tagen in griechischen Städten auslösen könnte.

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Am Donnerstag flogen in Dänemark, Italien und Spanien Steine in Schaufensterscheiben und Banken. In Frankreich zogen Demonstranten vor das griechische Konsulat in Bordeaux und steckten Autos in Brand. An Wänden tauchten Graffiti mit der Ankündigung eines Aufstandes auf. Am Freitag beteiligten sich in Italien Tausende an einem Generalstreik, der allerdings nichts mit dem Tod des griechischen Jugendlichen am vergangenen Samstag zu tun hatte. Und in Athen flogen nach einer zunächst friedlichen Kundgebung wieder Steine und Brandsätze.

So deutet inzwischen einiges darauf hin, dass die Rezession in Europa eine Massenbewegung gegen Sparmassnahmen und andere von Politik und Wirtschaft eingeleitete Gegenmassnahmen auslösen könnte. Das hat es in dieser Form jahrelang nicht mehr gegeben, die Durchschnittsbevölkerung hat die ihr auferlegten Bürden bislang getragen.

Die Organisatoren des friedlichen Teils der griechischen Proteste machten aus der blanken Wut autonomer Gruppen aber schnell eine politische Bewegung, die gegen Sparmassnahmen und Arbeitsplatzabbau antreten soll. «Wir ermutigen nicht gewaltsame Aktionen hier und im Ausland», sagte ein 23-jähriger Demonstrant am Athener Polytechnikum, Konstantinos Sakkas. «Was im Ausland passiert sind spontane Ausdrücke der Solidarität mit dem, was hier passiert.»

Grenzübergreifende Kommunikation über das Internet

Zur Plattform der Diskussion unter den diversen Gruppen ist sehr schnell das Internet geworden: Einschlägige Webseiten und Blogs schlagen Aufrufe und Informationen um. Einige griechische Webseiten haben in Konkurrenz zu den etablierten Medien eine Direktberichterstattung von den Zusammenstössen in Athen und anderen Städten geboten. Demonstrationen werden übers Internet, SMS und Handy organisiert.

In Spanien begrüsst eine Webseite der Globalisierungsgegner, Nodo50.org, Besucher mit radikalen Losungen und der Versicherung der Solidarität mit den Demonstranten in Griechenland. Über die Internet-Community Twitter wurden Details von der Konfrontation mit der Polizei aus der Sicht der Demonstranten europaweit verbreitet, ein «Internationales Medienzentrum» hält Fotos und Videos von den Zusammenstössen bereit und informiert über «bevorstehende Aktionen» in Berlin, Edinburgh und London.

«Die Strasse zurückgewinnen»

Ein Autor auf der Webseite london.indymedia.org rief seine Leser auf, dem griechischen Beispiel zu folgen und «die Strasse zurück zu gewinnen». Weiter hiess es: «Verbrennt die Banken, die euch ausraubten... Das ist eine grossartige Gelegenheit, die Revolution auf ganz Europa auszuweiten.»

Ein Sprecher des französischen Innenministeriums, Gerard Gachet, sagte zu dieser Entwicklung: «Was in Griechenland passiert scheint zu beweisen, dass die extreme Linke existiert - im Gegensatz zu den Zweifeln einiger in den vergangenen Wochen.» Es bestehe die Gefahr, «dass die Gefahr der Ansteckung an der griechischen Situation in Frankreich besteht».

Der Präsident des staatlich finanzierten spanischen Jugendrats, Daniel Lostao, wies darauf hin, dass Jugendliche in Spanien vor schwierigen Herausforderungen - steigende Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen und Problemen beim Auszug aus dem Elternhaus stehen, weil die Mieten so hoch sind. Er denke aber nicht, dass sich die Proteste ausweiten. «Hoffen wir, dass ich nicht falsch liege», fügte er hinzu.

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(ap)