Trauer am Jahrestag

11. Juli 2013 20:05; Akt: 11.07.2013 20:06 Print

Das jüngste Opfer von Srebrenica war ein Baby

18 Jahre nach dem Massaker in Srebrenica sind 400 Tote exhumiert und neu beigesetzt worden – darunter ein nur wenige Stunden altes Baby. Am Jahrestag kam auch neue Bewegung in den Prozess gegen Karadzic.

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Tausende haben am Donnerstag – genau 18 Jahre nach dem blutigen Massaker – der Opfer des Völkermordes in Srebrenica gedacht. In der Gedenkstätte Potocari vor den Toren der Stadt wurden mehr als 400 Opfer beigesetzt, die vergangenes Jahr aus den mehr als 70 Massengräbern exhumiert und inzwischen identifiziert worden waren.

Unter den Opfern waren 44 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sowie ein nur wenige Stunden altes Baby. Das Mädchen, das den Namen Fatima erhalten sollte, ist das jüngste Opfer des Massakers von Srebrenica im Juli 1995. Amor Masovic, seit über zwei Jahrzehnten in der Führung des Instituts für Vermisste, berichtete am Donnerstag in Sarajevo der Zeitung «Dnevni avaz» über seine Erschütterung bei der Exhumierung der Gebeine.

Er habe gedacht, es gäbe nichts Schlimmeres als das, was er bisher gesehen hatte: «Kinder, Zivilisten, Menschen mit verbundenen Augen, mit Handschellen. Menschen in Steinbrüchen, in Brunnen, Körper an Bäume gebunden und angezündet. Dann war ich direkt dabei, als man das Baby gefunden hat, das bei seinem Tod erst wenige Stunden alt war. Ich habe persönlich die sterblichen Überreste des Babys eingesammelt, dessen Knochen dünn wie Nadeln waren», sagte Masovic.

8000 Opfer

Das Baby sei in einer Plastiktüte gefunden worden. «Schrecklich, seine Füsschen und Händchen waren nur wenige Zentimeter lang. Wenn die Tüte nicht gewesen wäre, hätten wir sie nie gefunden.» Der Familie konnten nichts weiter als ein paar Gramm Knochen im Reagenzglas übergeben werden.

Der Bürgermeister von Srebrenica, Camil Durakovic, rief die Trauernden auf, trotz des unermesslichen Leids nicht die Zukunft zu vergessen.«Helfen Sie, dass Srebrenica ein Ort der Prosperität, des Friedens und der Toleranz wird, damit es ein Beispiel dafür wird, dass sich das niemals mehr wiederholt», sagte Durakovic.

In der Gedenkstätte wurden bislang 5137 Opfer des Massakers beerdigt. Am 11. Juli 1995 hatten serbische Einheiten unter Führung des damaligen Generals Ratko Mladic die Schutzzone überrannt. Die niederländischen UNO-Blauhelmsoldaten waren dabei machtlos.

Schätzungsweise 8000 muslimische Jungen und Männer wurden damals ermordet. Es war der erste Völkermord in Europa nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

Neue Anklagepunkte gegen Karadzic

Am Jahrestag wurde auch die Anklage gegen einen mutmasslichen Hauptschuldigen des Massakers, Radovan Karadzic, deutlich erweitert. Der ehemalige Serbenführer muss sich nun doch für weitere Völkermord-Anklagen verantworten. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien hob am Donnerstag in Den Haag einen Teilfreispruch des Serbenführers auf. Der 68-Jährige muss sich nun sowohl für das Massaker in Srebrenica 1995 als auch für Völkermord in ehemaligen Gefangenenlagern im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 verantworten.

In erster Instanz hatten die Richter mehrere Anklagepunkte im vergangenen Jahr aus Mangel an Beweisen gestrichen. Nur die Anklage wegen Völkermordes in der damaligen UNO-Schutzzone Srebrenica 1995 blieb bestehen. Die Anklage hatte daraufhin Berufung eingelegt und bekam nun Recht. «Das vorliegende Beweismaterial kann zeigen, dass Karadzic Völkermord-Absichten hatte», erklärte der Vorsitzende Richter der Berufungskammer, Theodor Meron.

Der ehemalige Psychiater ist nun wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Punkten angeklagt. Die Anklage will beweisen, dass auch bosnische Muslime und Kroaten in den Lagern Omarska, Keraterm und Trnopolje Opfer von Völkermord wurden. Karadzic war 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Belgrad festgenommen worden.

(jbu/sda)