Parlamentswahl

12. Dezember 2019 10:55; Akt: 12.12.2019 10:55 Print

So stehen die Chancen für Johnson und Corbyn

Am Donnerstag wird in Grossbritannien ein neues Parlament gewählt. In Realität ist es eine Stellvertreterwahl für den EU-Austritt und «Brexit-Boris» liegt vorne.

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12. Dezember: Es gilt ernst. Die Wahllokale wurden um 8 Uhr früh geöffnet. Johnson nahm zur Stimmabgabe seine Hündin Dilyn mit. In den Tagen vor der Wahl kämpfte der Premierminister um jede Stimme. 11. Dezember. Boris Johnson als Pie-Koch beim Red Olive Catering in Derby. 11. Dezember. Boris Johnson als Milchlieferant in den frühen Morgenstunden in Leeds 10. Dezember. Boris Johnson hilft am Fliessband der The Hut Group in Warrington. 10. Dezember. Baggerfahren bei der JCB Construction Company in Uttotexter. 9. Dezember. Johnson staunt auf dem Grimsby Fish Market. 9. Dezember. Pressekonferenz im Flugzeug in Birmingham. 9. Dezember. Reifenrollen beim Transportunternehmen Ferguson in Washington, Sunderland. 8. Dezember. Boris Johnson himself am Telefon des Callcenters seiner Partei. 7. Dezember. Noch schnell den Weihnachtsmann begrüssen. 5. Dezember. Boris Johnson kämpft an der Nähmaschine bei John Smedley Mill in Matlock. 7. Dezember. Der Ministerpräsident als Torwart beim Fussballspiel in Cheadle Hulme. 4. Dezember. Viel Spass beim Reifenwechsel im Formel 1-Rennstalls Red Bull in Milton Keynes. 4. Dezember. Der Britische Ministerpräsident ganz seriös mit Jens Stoltenberg und Donald Trump auf dem NATO-Gipfel in Watford. 3. Dezember. Small Talk mit Prinzessin Anne und Justin Trudeau auf dem Empfang bei der Queen für die Teilnehmer das NATO Gipfels. 3. Dezember. Boris Johnson hilft auf dem Weihnachtsmarkt in Salisbury. 3. Dezember. Kaffetrinken im Veteranenzentrum in Salsbury. 2. Dezember. Boris Johnson auf einem Sicherheitsboot im Hafen von Southampton.

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Welche Rolle spielt der Brexit?

Das marode Gesundheitssystem, steigende Armut, knappe Kassen in den Kommunen, islamistische Anschläge – Probleme gibt es viele in Grossbritannien. Während die beiden grossen Parteien, die konservativen Tories und die sozialistische Labour, versuchen, sich hier mit Lösungen zu übertreffen, dominiert in Wahrheit ein Thema: Der Brexit.

Umfrage
Soll Grossbritannien den Brexit nochmals überdenken?

Die Fronten sind klar abgesteckt: Wer die EU verlassen möchte, der stimmt am Donnerstag für die Tories (oder die Brexit-Party, die jedoch keine Rolle spielt). Alle, die bleiben wollen, stimmen für eine der übrigen Parteien: Seien es die Grünen, die ebenfalls keine Rolle spielen, die walisische Plaid Cymru (ausgesprochen Pleid Kamri), die Liberaldemokraten (LibDems), die Schottische Nationalpartei (SNP) oder Labour.

Die nordirischen Parteien sind ebenfalls eher Beiwerk – die erzkonservative DUP etwa, die lange die regierenden Tories gestützt hat – sind für den Brexit, die pro-irische Sinn Fein dagegen. Doch die weigert sich aus Prinzip, ihre Sitze im britischen Parlament anzunehmen.

Wer hat die besten Chancen?

In Umfragen lagen die Tories (43 Prozent) zuletzt mit rund zehn Prozentpunkten in Führung, gefolgt von Labour (33 Prozent). Doch der Vorsprung schrumpft seit Ausrufung der Wahlen deutlich. Nicht zuletzt, weil sich viele Wähler von den Liberaldemokraten ab – und zu Labour hingewandt haben. Denn die LibDems haben den taktischen Fehler begangen, den Brexit widerrufen zu wollen, sich also ohne neue Volksbefragung über das Referendum von 2016 hinwegzusetzen – demokratiepolitisch ein Eigentor. Von Umfragewerten über 20 Prozent sind sie mittlerweile auf unter 15 Prozent abgestürzt.

Doch in Grossbritannien funktioniert das Wahlsystem anders als hierzulande: Es geht darum, Wahlkreise zu gewinnen. Das heisst: Derjenige Kandidat, der in einem Wahlkreis die meisten Stimmen hat, gewinnt diesen – selbst wenn er nur eine Stimme Vorsprung hat. Die Zahl der Stimmen der Verlierer werden irrelevant.

Warum wählen viele Wähler taktisch?

Die Partei, die mindestens 326 Wahlkreise gewinnt, holt die absolute Mehrheit im Parlament. Ansonsten muss koaliert werden, was in Grossbritannien erst drei Mal in der Geschichte passiert ist. Daher wollen viele Brexit-Gegner taktisch wählen, also den Kandidaten (egal welcher Partei), der die besten Chancen im Wahlkreis hat, einem Tory den Sieg wegzuschnappen.

Labour und LibDems sowie einige andere Kandidaten haben etwa im Vorfeld ausgemacht, in bestimmten Wahlkreisen nicht gegeneinander anzutreten, um sich nicht gegenseitig Stimmen wegzunehmen und so einen Sieg der Tories zu ermöglichen.

Dabei hat Labour-Chef Jeremy Corbyn offiziell gar keine Position zum Brexit (auch wenn er 2016 dafür gestimmt hat). Er verspricht im Falle eines Wahlsiegs eine neue Abstimmung, um das Volk erneut entscheiden zu lassen. Er versucht damit nicht nur das tief gespaltene Land zu einen, sondern auch den Fehler der LibDems zu vermeiden – auch wenn der Grossteil der Labour-Basis für einen EU-Verbleib ist.

Wie beliebt sind Corbyn und Johnson?

Sein grösstes Problem ist aber, dass er grosse Sympathiedefizite hat: Einerseits gilt er als linker Hardliner, andererseits wird ihm vorgeworfen, Antisemitismus in seiner Partei zu dulden – sogar das Wiesenthal-Zentrum warnt vor ihm. Er stellte vor Jahren das Existenzrecht Israels infrage und besuchte sogar einmal das Begräbnis eines Hamas-Terroristen. Selbst viele traditionelle Labour-Wähler finden Corbyn unwählbar – auch weil er den Atomausstieg fordert, der Hunderttausenden Menschen den Job kosten würde.

Premierminister Boris Johnson pflegt trotz des Besuchs einer teuren Privatschule und entsprechenden Seilschaften das Image des Mannes von der Strasse. Doch er fällt immer wieder durch Ignoranz, Halbwahrheiten, sogar Lügen und Halbwissen zu wichtigen Themen auf. Seine Nähe und Bewunderung für US-Präsident Donald Trump stösst ebenfalls vielen Briten sauer auf.

Somit ist es die Wahl zwischen Corbyn und Johnson für viele weniger eine Wahl für sondern gegen den jeweils anderen. Johnson hat aber noch ein Problem, nämlich die SNP in Schottland: Traditionell ist die ebenfalls konservative Partei ein natürlicher Verbündeter der Tories. Doch das arme Schottland, das stark von EU-Förderungen profitiert, ist mit überwältigender Mehrheit gegen einen Brexit. Diese Position vertritt auch die SNP, die zudem ein neues Unabhängigkeitsreferendum von Grossbritannien fordert. Somit laufen viele konservative schottische Wähler von den Tories zur SNP über.

(heute.at/vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 12.12.2019 11:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Boris wird das Rennen machen

    und hoffentlich klappts mit dem Brexit.

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  • Troll am 12.12.2019 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Brexit

    Warum bauen die anderen Ländern nicht einfach eine neue Organisation auf? Das dürfte schneller gehen, als der Brexit.

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  • Typhoeus am 12.12.2019 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glüchlicherweise

    muss die Schweiz nicht über einen Chexit abstimmen. Das würde bis ins Jahr 3000 gehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Glaskugel am 12.12.2019 17:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wird Sommer....

    .......und der Brexit wird noch lange nicht entschieden sein.

  • abwarten am 12.12.2019 16:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wozu streiten

    Heute um 23.15 Uhr, nach Schliessung der Wahllokale werden wir ALLE mehr wissen.

  • Dinivateres am 12.12.2019 15:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kleiner Fehler

    "Selbst viele traditionelle Labour-Wähler finden Corbyn unwählbar auch weil er den Atomausstieg fordert, der Hunderttausenden Menschen den Job kosten würde." Da ist wohl eine Null dazu gekommen ^^ (Es sind ca. 60'000 Jobs.)

  • Gruss aus Bern am 12.12.2019 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Werde heute Abend entspannt

    auf den Sieg der Tories und den definitiven Austritt von GB aus der EU anstossen, die sich einen andern Financier als die CH suchen darf. Wer immer noch nicht begriffen hat, was es heisst, sich mit diesem Club näher einzulassen, dem ist schlicht nicht zu helfen.

    • Einhornjäger am 12.12.2019 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gruss aus Bern

      Auch wenn die Tories gewinnen, das Problem Brexit ist damit noch lange nicht gelöst.

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  • Pragmatiker am 12.12.2019 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nicht Corbyn!

    Der Rest ist nebensächlich...