Tanja Nijmeijer

31. Januar 2013 15:53; Akt: 01.02.2013 13:42 Print

Das schöne Gesicht der FARC bereut nichts

Sie kam als Lehrerin und wurde Guerillera: Die Holländerin Tanja Nijmeijer ist das Aushängeschild der kolumbianischen FARC. In einem BBC-Interview verteidigt sie den bewaffneten Kampf.

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Tanja Nijmeijer während einer Pressekonferenz am 24. Januar in Havanna. (Bild: Keystone/AP/Franklin Reyes)

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Seit November finden in der kubanischen Hauptstadt Havanna Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und den «Revolutionären Streitkräften Kolumbiens» (FARC) statt. Zuletzt sprachen beide Seiten von Fortschritten, obwohl die FARC kürzlich ihre einseitige Feuerpause für beendet erklärt hat. Für Aufsehen sorgte die Teilnahme von Tanja Nijmeijer auf Seiten der marxistischen Guerillaorganisation an den Gesprächen. Die gebildete, attraktive Holländerin gilt als das «schöne Gesicht» der FARC und soll nach Ansicht von Beobachtern das angeschlagene Image der Rebellen aufpolieren.

Nun hat die 34-Jährige in einem Fernsehinterview mit der BBC ihren Gang in den Untergrund geschildert. Als sie 1998 als Englischlehrerin nach Kolumbien gekommen sei, habe sie «nichts über den Guerillakrieg gewusst». Sie habe davon aus dem Fernsehen erfahren und sei durch einen anderen Lehrer, der sich später als FARC-Mitglied entpuppte, zunehmend radikalisiert worden. Er habe ihr die Slums gezeigt und den Kampf für «soziale Gerechtigkeit» in einem Land mit enormen Ungleichheiten geschildert, sagte Nijmeijer.

Politik und Gewalt

«Ich sah die Armut und war sehr beeindruckt. Ich begann, das kapitalistische System und alles um mich herum zu hinterfragen», erinnerte sie sich. Vorerst aber kehrte sie in die Niederlande zurück. 2002 reiste sie erneut nach Kolumbien und schloss sich der FARC an, die von EU und USA als Terrororganisation eingestuft wird. Tatsächlich unterscheidet sie sich in Sachen Brutalität kaum von der Armee. Zu ihrem Repertoire gehören Anschläge und Entführungen. Prominentestes Opfer war die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die vor fünf Jahren in einer spektakulären Operation befreit wurde.

Mit dem Terrorvorwurf konfrontiert, zeigte sich Tanja Nijmeijer ungehalten: «Ich dachte, dies ist ein Interview und kein Prozess.» Kolumbien will sie wegen zahlreicher Anschläge vor Gericht stellen, und in Amerika wurde die Holländerin angeklagt wegen der Entführung von drei US-Bürgern, die zusammen mit Betancourt befreit wurden. «Ich bin Mitglied einer bewaffneten Bewegung», ist ihr einziger Kommentar zu diesen Vorwürfen: «Ich habe nicht die Gewalt gewählt, ich mache Politik in einem Land, in dem dies mit Gewalt verbunden ist.»

Ein schmutziger Krieg

Die FARC-Guerilleros seien keine Aggressoren, sondern Opfer eines schmutzigen Kriegs. Als Beleg erwähnte Nijmeijer einen Waffenstillstand in den 1980er-Jahren. Damals seien mehr als 2000 Kandidaten, die mit FARC-Unterstützung bei Wahlen antreten wollten, ermordet worden. Doch die Zeiten haben sich wie in vielen Ländern Lateinamerikas auch in Kolumbien geändert. Der britische Historiker Malcolm Deas verwies gegenüber der BBC darauf, dass drei der letzten Stadtpräsidenten von Bogotá aus den Reihen der Linken kamen: «Wie kann man behaupten, die Linke habe in diesem Land keine Perspektiven?»

Seit sich Tanja Nijmeijer der Organisation angeschlossen hat, haben der politische Wandel und eine massive Militäroffensive die FARC stark geschwächt. Die Friedensgespräche werden von Malcolm Deas als Versuch interpretiert, «sich in die Politik einzugliedern». Die holländische Unterhändlerin bestätigte, eine politische Vertretung sei «sehr wichtig» für die FARC. Reue für ihre Beteiligung an einem brutalen Konflikt, in dem Zehntausende getötet und Millionen vertrieben und «umgesiedelt» wurden, zeigte Nijmeijer nicht: «Nach mehr als 48 Jahren Krieg gibt es Opfer. Deshalb verhandeln wir nun über einen Frieden.»

Das verräterische Tagebuch

Ihre Härte könnte aus der Notwendigkeit heraus geboren sein, spekuliert die BBC. 2007 wurde nach einem Angriff auf ein Rebellencamp das Tagebuch der Holländerin entdeckt. Darin zeichnete sie ein wenig schmeichelhaftes Bild des Guerillalebens. Sie beklagte die endlose Langeweile sowie den Machismo und die ideologische Borniertheit der Kommandeure. Damals wurde über eine Bestrafung oder gar Hinrichtung von Nijmeijer spekuliert, denn die FARC pflegt mit «Verrätern» kurzen Prozess zu machen.

Doch später zeigte sich, dass sie sogar in den inneren Führungskreis der FARC aufgestiegen war. Zu wertvoll ist die attraktive, weltgewandte Ausländerin wohl für die Organisation mit dem zweifelhaften Ruf. Dieser will sie auch im Falle eines Friedens die Treue halten. Sie werde «höchstens für einige Wochen» nach Holland reisen und dann nach Kolumbien zurückkehren. Die FARC könnte als politische Bewegung weitermachen: «Wir könnten ohne Gewehre für unsere Ideen kämpfen», schilderte sie ihre mögliche Zukunft.

(pbl)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • frhink am 31.01.2013 23:35 Report Diesen Beitrag melden

    beissende Kampfhunde....

    ...werden eingeschläfert! Nicht ohne Grund.«Wir könnten ohne Gewehre für unsere Ideen kämpfen», schilderte sie ihre mögliche Zukunft.

  • virtual am 01.02.2013 00:57 Report Diesen Beitrag melden

    das erste opfer im krieg ist die wahrhei

    hmmm....... die medien stilisieren die einten zu helden, die anderen zu verbrechern. der mob glaubt den "sachlichen" berichten. wacht auf! KRIEG ist schmutzig. auf beiden seiten, sonst wäre es nicht krieg. ein sauberer, wie chirurgischer krieg existiert nicht! westliche armeen haben eine neue psycho waffe in die welt gesetzt. sie haben journalisten direkt an die front gesetzt! es ist sachlich! aber es wird nur eine seite "sachlich" betrachtet. es ist echt und wahr, aber es ist nur die halbe wahrheit. ergo ist es Lüge! das erste opfer im krieg ist die wahrheit!

  • Raphael am 31.01.2013 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Hää?

    Und die darf einfach so wieder in die Niederlanden einreisen?? Ich hoffe mal nicht..

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Eis Bär am 03.02.2013 01:29 Report Diesen Beitrag melden

    Terroristen/Freiheitskämpfer

    In syrischen Medien werden die Rebellen als Terroristen bezeichnet. In britischen Medien wurden IRA und INLA als Terrororganisationen bezeichnet, die UVF als Paramilitärs. Damals im 2. Weltkrieg wurde die Resistance wohl von den Deutschen auch als Terrororganisation bezeichnet... Ich hab nicht die Absicht hier die FARC zu glorifizieren, einzig dazu aufzufordern nicht sofort von Terroristen zu sprechen. In einem Krieg gibt es keine bösen und guten, es gibt nur böse und ev. noch schlimmere. BTW: Und wer im Drogenhandel alles mitmischt will ich gar nicht wissen.

  • Adrian am 01.02.2013 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    ignorieren!

    Ich kann nicht verstehen, warum man solchen Verbrechern noch eine spezielle Plattform bietet. Nur weil sie schön ist? Dabei sieht sie nicht speziell aus. Die FARC ist eine Terrororganisation ohne militärische oder politische Bedeutung, die seit vielen Jahren die Zivilbevölkerung terrorisiert und mit Drogenhandel ihr Geld verdient.

  • Berner Bär am 01.02.2013 09:03 Report Diesen Beitrag melden

    Finanzielle Unterstützung aus Europa

    Hätte die FARC nicht die finanzielle Unterstützung linker europäischer Parteien und Gewerkschaften, wäre ihr Terror schon lange Geschichte. Aber eben, solange linker Terror ungeächtet als "Befreiungskampf" romantisiert werden darf, solange werden solche Organisationen immer noch legal unterstützt. Ohne grosses politisches und mediales Gejaule! Unterstützte eine rechtsstehende Organisation eine rechtsgerichtete Gruppierung oder Paramilitärs, dann wäre der Aufschrei ohne wenn und aber über der Schmerzgrenze. Gleiches ist nicht dasselbe, es kommt darauf an, wer es tut...

  • Der Latino am 01.02.2013 05:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von hier ist einfach beurteilen

    Man soll zuerst dort in Kolumbien leben um solide Argumenten zu geben, von hier alles sieht anderes aus, geh dort und erlebt das aber nicht als Touristen , dann wird die Meinung über die arme FARC ändern.

  • virtual am 01.02.2013 00:57 Report Diesen Beitrag melden

    das erste opfer im krieg ist die wahrhei

    hmmm....... die medien stilisieren die einten zu helden, die anderen zu verbrechern. der mob glaubt den "sachlichen" berichten. wacht auf! KRIEG ist schmutzig. auf beiden seiten, sonst wäre es nicht krieg. ein sauberer, wie chirurgischer krieg existiert nicht! westliche armeen haben eine neue psycho waffe in die welt gesetzt. sie haben journalisten direkt an die front gesetzt! es ist sachlich! aber es wird nur eine seite "sachlich" betrachtet. es ist echt und wahr, aber es ist nur die halbe wahrheit. ergo ist es Lüge! das erste opfer im krieg ist die wahrheit!