22. August 2011 01:09; Akt: 22.08.2011 10:34 Print

Dem «tollwütigen Hund» geht es ans Fell

40 Jahre führte Muammar al Gaddafi Libyen mit eiserner Hand. Jetzt haben seine letzten Stunden als Machthaber geschlagen. Wie der Oberst an die Macht kam.

Bildstrecke im Grossformat »
Der spätere libysche Diktator Muammar al-Gaddafi wurde im in oder nahe der Stadt Sirte geboren. Schon früh legte er einen ausgeprägten Machtinstinkt an den Tag. putschte der ehrgeizige junge Offizier mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen den libyschen König Idris I. vom Thron. Am Radio verkündete der 27-jährige Oberst am den unblutig verlaufenen Machtwechsel und rief die Arabische Republik Libyen aus. Gaddafi wurde Revolutionsführer und unumschränkter Herrscher über die junge libysche Republik. Gaddafi (l.) mit arabischen Führern: PLO-Chef Arafat, der sudanesische Präsident Numeiri, der ägyptische Präsident Nasser, der saudische König Faisal und der Scheich von Kuwait, Al Sabah (v.l.). Gaddafi hätte gern eine panarabische Union geschmiedet, doch seine Anstrengungen scheiterten. Auch der ägyptische Präsident Sadat (l.) und dessen syrischer Amtskollege Assad konnten nicht für das Vorhaben gewonnen werden. Im Westen verfolgte man die Entwicklung im ölreichen Libyen mit Interesse. schaffte es Gaddafi erstmals auf das Cover des amerikanischen Magazins «Time». Die Verstaatlichung von Banken und Ölindustrie entsprach sowohl den arabisch-nationalistischen wie auch den sozialistischen Elementen der «Grünen Revolution» Gaddafis. Bild: Der Revolutionsführer 1975 mit dem jugoslawischen Präsidenten, Marschall Tito. Aber die libysche Spielart der Revolution war auch islamisch inspiriert: Im ab 1973 publizierten «Grünen Buch» formulierte Gaddafi einen dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus. gab Gaddafi sein Amt als Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses ab, blieb als Revolutionsführer aber de facto der allmächtige Herrscher über Libyen. Gaddafi war stets ein Feind Israels. Er liess jüdischen Besitz enteignen und verfügte, dass alle Schulden, die Nichtjuden bei Juden hätten, hinfällig seien. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung verliess Libyen trotz eines Ausreiseverbots. Neben anderen militanten Gruppen unterstützte Gaddafi auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Am besuchte er den bei einer Notlandung in der libyschen Wüste verletzten PLO-Führer Arafat an dessen Krankenbett. Der Diktator hat seine Macht mit den üblichen Mitteln gefestigt: Verbot der Opposition, repressive Polizei und Aufbau eines Personenkults. Genoss Gaddafi anfänglich im Westen noch Respekt wegen seiner anscheinend selbstlosen Lebensweise, wurde er mit seiner Unterstützung des Terrorismus ab Anfang der 1980er-Jahre bald zum Ausgestossenen. Der Bombenanschlag auf die bei Amerikanern beliebte Berliner Diskothek «La Belle» 1986 ... ... war einer der Gründe für die amerikanische Bombardierung libyscher Städte im April 1986. Rund hundert Menschen kamen dabei ums Leben, Gaddafi selber wurde verletzt. Auch die Residenz des Diktators wurde getroffen; in den Trümmern starb Hanna, die Adoptivtochter Gaddafis (nach anderen Quellen soll er das Kind erst postum adoptiert haben). Ein Mahnmal vor der Ruine erinnert an den Angriff. wurden bei einem Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie 270 Menschen getötet. Der Verdacht fiel schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land geriet international zunehmend in die Isolation. Nach dem Lockerbie-Anschlag verhängte die UNO erfolgreich Sanktionen gegen Libyen. 1999 schwörte Gaddafi dem Terrorismus ab und lieferte die beiden Verdächtigen aus. 2003 übernahm Libyen die volle Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi zahlte hohe Abfindungen an die Hinterbliebenen. Offener Protest gegen das Regime war lange Zeit nur im Ausland möglich. Im Bild eine Demonstration in Paris anlässlich von Gaddafis Staatsbesuch im Als Gaddafi der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abgeschworen hatte, war er auf dem diplomatischen Parkett kurzfristig wieder willkommen. Besonders mit dem italienischen Premier Silvio Berlusconi (r.) verband ihn eine tiefe Freundschaft. Allerdings gab es auch nach der internationalen «Rehabilitierung» immer wieder Misstöne, wenn der Wüstensohn im Westen zu Besuch war. Beispielsweise im Jahr in Frankreich, als Präsident Nicolas Sarkozy für seinen unkritischen Empfang des Diktators harsch kritisert wurde. Den Höhepunkt seiner Rehabilitierung erlebte der Revolutionsführer am G-8-Gipfel im im italienischen L'Aquila, als es zum Handschlag mit US-Präsident Barack Obama kam. Trotz der Normalisierung der Beziehungen blieb Gaddafi unberechenbar und stiess das Ausland immer wieder vor den Kopf. So auch im , als er nach der Verhaftung seines Sohns Hannibal in Genf die beiden Schweizer Max Göldi (r.) und Rachid Hamdani in Tripolis als Geiseln nahm. Die Geiselaffäre zog sich über zwei Jahre hin. Verschiedene diplomatische Initiativen der Schweiz, aber auch der EU blieben erfolglos, und Gaddafi liess Max Göldi erst frei, nachdem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sich am persönlich bei ihm für die Behandlung Hannibals in Genf entschuldigt hatte. Rachid Hamdani konnte Libyen bereits fünf Monate zuvor verlassen. Im erreichte der Arabische Frühling Libyen: Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gingen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Strasse. Gaddafi liess die Proteste brutal unterdrücken. Am verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. In der Folge unterstützten Nato-Jets die Rebellen mit Tausenden Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen. Mit dem Einmarsch der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis schienen die Tage von Gaddafis Herrschaft über Libyen gezählt zu sein. Am gaben die Truppen des Nationalen Übergangsrats bekannt, dass sie Muammar Gaddafi gefasst und seine Geburtsstadt Sirte eingenommen haben. Die Bilder des getöteten Diktators gingen um die Welt.

Der libysche Revolutionsführer ist einer der dienstältesten und skurrilsten Diktatoren der Welt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Schlinge um den libyschen Machthaber zieht sich zu. Wo sich Muammar al Gaddafi derzeit aufhält, ist unklar. Noch ist er offiziell nicht entmachtet. Noch hält er sich an der Macht, die er ohne offizielles Staatsamt ausübt. Der 68-Jährige wurde im September 1942 in einem Zelt in der Wüste geboren. Seine Eltern waren arme Beduinen. Nur Gaddafi genoss als einziger Sohn und jüngstes von vier Kindern eine Schulausbildung. Anfang der 60er Jahre konnte er sogar Geschichte und Jura studieren, bis ihn eine Militärakademie als Offiziersanwärter aufnahm.

1965 gründete Gaddafi den «Bund der freien Offiziere», der den Sturz der 1951 mit der Unabhängigkeit ausgerufenen Monarchie anstrebte. Mithilfe dieser Organisation setzte er 1969 König Idris ab, der sich gerade in der Türkei aufhielt. Gaddafi beförderte sich selbst zum Oberst, übernahm den Befehl über die Streitkräfte sowie den Vorsitz des Revolutionsrats und war bis 1972 auch Regierungschef.

1979 letztes Amt niedergelegt

Gaddafi verschrieb sich der arabischen Einheit, dem Sozialismus und dem Kampf für die Verbreitung des Islams in der Welt. Er verbot Alkohol, liess christliche Kirchen schliessen und erklärte den Koran zum Kodex allen Lebens. 1973 leitete er jedoch eine Abkehr von diesem Konzept ein und entwarf in seinem Grünbuch eine Anleitung zur Umsetzung der direkten Demokratie. Mit der Ausrufung der «Grossen Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija» 1977 wurde das Allgemeine Volkskomitee, vergleichbar mit einer Regierung, eingesetzt. 1979 legte Gaddafi formal sein letztes politisches Amt, das des Staatspräsidenten, nieder. De facto blieben aber er und seine langjährigen Weggefährten die bestimmenden politischen Persönlichkeiten des Landes.

Verbindungen zum internationalen Terrorismus und der Lockerbie-Anschlag führten Libyen in die internationale Isolation. Dies änderte sich erst um die Jahrtausendwende, als Gaddafi unter anderem dem Terrorismus abschwor, die Opfer des Anschlags von Lockerbie entschädigte und sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit erklärte. Danach begann Gaddafi, um westliche Investitionen zu werben und bekannte sich zum Prinzip der Privatwirtschaft.

Kinder international in den Schlagzeilen

Seinem exzentrischen Auftreten blieb Gaddafi aber treu. Der «tollwütige Hund des Nahen Ostens», wie Ronald Reagan ihn einst nannte, provozierte immer wieder und lieferte sich diplomatische Rangeleien mit dem Ausland. Auch seine Kinder - der Staatschef hat sieben Söhne und eine Tochter - gerieten international immer wieder in die Schlagzeilen.

Der älteste Sohn, Mohammed Gaddafi, leitet das olympische Komitee Libyens und ist Chef des staatlichen Telekommunikationsunternehmens. Sein zweitältester Sohn, Saif el Islam Gaddafi, wird als Nachfolger gehandelt. Er trat international als Vermittler in Erscheinung. Der 36-Jährige wird von den Libyern «der Ingenieur» genannt und hat Wirtschaft und Architektur studiert.

Der dritte Sohn, El Saadi Gaddafi, ist Vorsitzender des libyschen Fussballverbandes. Zudem kaufte er sich bei seinem Lieblingsteam, dem italienischen Club Juventus Turin ein, und versuchte sich in Italien selber als Fussballprofi. Der 34-Jährige nimmt ebenfalls grössere öffentliche Auftritte wahr.

Hannibal Gaddafi sorgte für Aufsehen

Durch rabiate Auftritte bekannt wurde Hannibal Gaddafi. Er wurde 2005 von einem französischen Gericht verurteilt, weil er seine schwangere Begleiterin in einem Pariser Hotel geschlagen hatte. Im Jahr zuvor hatten seine Leibwächter mehrere Polizisten attackiert, nachdem diese ihn auf den Champs-Elysees wegen schnellen Fahrens angehalten hatten.

Während über seine weiteren drei Söhne nicht viel bekannt ist, ist seine einzige Tochter Aicha Muammar el Gaddafi bereits mehrfach in Erscheinung getreten. Sie war im Anwaltsteam des gestürzten irakischen Staatschefs Saddam Hussein vertreten und widmet sich seitdem der Entwicklung des Tourismus in ihrer Heimat.

(ap)