Nachtwache in Athen

13. Dezember 2008 22:54; Akt: 14.12.2008 07:59 Print

Demonstration bei Kerzenschein

Hunderte Schüler haben in Athen mit einer Nachtwache des vor einer Woche erschossenen 15-jährigen Jugendlichen gedacht.

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In Athen trauern am 13. Dezember Hunderte um den getöteten 15-jährigen Alex.

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Mit Kerzen in den Händen versammelten sie sich am Samstagabend vor dem Parlament und an der Stelle, an der Alexandros Grigoropoulos von einer Polizeikugel tödlich getroffen worden war. Vor den Bereitschaftspolizisten, die das Parlament bewachten, formierten die Demonstranten mit Kerzen den Namen Alex.

Nach dem friedlichen Protest kam es jedoch am späteren Abend wieder zu Ausschreitungen. Die Beamten gingen am Sonntag gegen 1.00 Uhr früh gegen Teilnehmer einer Mahnwache auf dem zentralen Syntagma-Platz vor, wo sich auch das Parlamentsgebäude befindet. Einige Jugendliche besetzten daraufhin die nahegelegene Technische Universität und bewarfen die Polizei mit Steinen. Die Beamten setzten Tränengas ein. Kleine Gruppen von Gewalttätern griffen nach Angaben der Behörden eine Polizeiwache im Stadtzentrum sowie mindestens drei Banken und mehrere Geschäfte mit Brandsätzen an.

Tagsüber hatten sich etwa 1000 überwiegend jugendliche Demonstranten auf dem Syntagma-Platz in der Athener Innenstadt zu einem friedlichen Sitzstreik zusammengefunden. In Saloniki demonstrierten ebenfalls etwa 1000 Menschen.

Auch in der kommenden Woche wollen die Demonstranten jeden Tag auf die Strasse gehen. Sie protestieren nicht nur gegen Polizeigewalt, sondern erheben zunehmend auch politische Forderungen unter dem Eindruck einer unpopulären Regierung und einer sich verschärfenden Wirtschaftskrise. Im Internet schrieb ein Nutzer: «Wir wollen eine bessere Welt. Wir sind keine Hooligans oder Terroristen.»

Eine der jugendlichen Demonstrantinnen erklärte, ihre Generation fühle sich unverstanden. «Wir haben das Gefühl, dass unsere Eltern und Lehrer uns nicht zuhören», sagte die 16-jährige Veatriki. Offenbar finde man erst Gehör, wenn eine Schaufenster- oder Autoscheibe zu Bruch gehe. Sie betonte, dass Grigoropoulos' Tod nur der Auslöser für die Proteste gewesen sei. Die Jugendlichen seien beispielsweise mit dem Schulsystem unzufrieden.

«Regierung hat niemandem etwas zu bieten»

Von einer «zunehmenden sozialen Krise, verbunden mit einem geschwächten Staat», sprach in diesem Zusammenhang der Zeitungsherausgeber Giorgos Kyrtsos. Die Regierung habe sich sowohl die rebellierenden Jugendlichen als auch die gesetzestreue Mehrheit zum Feind gemacht, sagte Kyrtsos. «Sie hat niemandem etwas zu bieten.» Es gebe «etwa 500, ganz sicher weniger als 1.000» Anarchisten, zu denen sich bei den gewaltsamen Ausschreitungen Hooligans gesellt hätten, ebenso wie Jugendliche auf der Suche nach einem Abenteuer oder einem Ventil für ihren Frust.

Seit Beginn der Unruhen vor einer Woche wurden Hunderte Geschäfte geplündert. Mindestens 70 Menschen wurden verletzt, mehr als 200 festgenommen. Die Proteste begannen nach dem Tod des 15-Jährigen, der am Samstag vergangener Woche von einem Polizisten erschossen wurde. Die beiden beteiligten Beamten sitzen in Untersuchungshaft.

(ap)