Flüchtlinge aus Tunesien

15. Februar 2011 23:02; Akt: 15.02.2011 23:03 Print

Demonstration des Danks

von P. Santalucia/B.Bouazza, dapd - Über 5000 Flüchtlinge sind in Italien gelandet. Sie hoffen auf Arbeit und Sicherheit. Der Insel Lampedusa haben sie jetzt gedankt.

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In dieser Nacht kam kein Boot. Vor Sizilien fing die italienische Polizei einen Kahn mit 32 Menschen vermutlich aus Ägypten ab. Doch an Lampedusa, der winzigen Felseninsel zwischen Sizilien und Tunesien, rollte die jüngste Flüchtlingswelle in der Nacht zum Dienstag vorbei.

Über 5000 Einwanderer ohne die nötigen Papiere hatten die Umwälzungen in Nordafrika in den letzten Tagen an den Vorposten Italiens im Mittelmeer angespült. Das sind fast so viele, wie Lampedusa mit dem gleichnamigen Hauptort an 6.000 Einwohnern zählt. Die meisten wurden bereits nach Sizilien oder auf das italienische Festland verlegt.

Einige Dutzend der noch rund 2000 Tunesier auf der Insel marschierten am Dienstag durch die Strassen, um den Einheimischen für ihre Gastfreundschaft zu danken. «Wir wollen allen Italienern und den Leuten von Lampedusa danken, weil sie 5.000 Menschen Obdach und Essen gegeben haben», erklärte der 32-jährige Zawhir Kermiti. «Und sie waren sehr freundlich zu uns.»

«Sie machen keinen Ärger»

Im Grossen und Ganzen benähmen sich die Neuankömmlinge anständig, sagte Bürgermeister Bernardino Rubeis. Die Lage sei unter Kontrolle. Die Tore des Flüchtlingslagers stünden offen, da nicht genügend Polizisten zur Bewachung da seien, erklärte er der Fernsehnachrichtenagentur AP Television News. Die Einwanderer könnten sich frei auf der Insel bewegen, sich in Geschäften etwas zu Essen kaufen. «Aber sie respektieren unseren Grund und Boden, sie machen keinen Ärger», versicherte er.

«Ich will mein Leben ändern», erklärte ein Tunesier, der seinen Namen nicht nennen wollte, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. «Wir sind hierhergekommen, weil es jetzt in Tunesien nicht sicher ist und es keine Arbeit gibt.»

Der italienische Innenminister Roberto Maroni sprach von einem Exodus von «biblischen» Ausmassen. In Tunesien, Ägypten oder anderswo könnten Zehntausende bereit zum Aufbruch sein, mutmasste er. Binnen fünf Tagen seien 5278 Bootsflüchtlinge in Italien angelandet, fast alle zumindest nach eigenen Angaben aus Tunesien. «Wenn das so weiter geht, kommen wir auf über 80 000 in einem Jahr», sagte er.

Nicht einfach nach Hause schicken

Die Flüchtlingswelle ist eine unbeabsichtigte Folge des Volksaufstands in Tunesien, der den langjährigen Diktator Zine El Abidine Ben Ali aus dem Amt jagte und zum zündenden Funken der Entwicklung in Ägypten und darüber hinaus wurde. Unter Ben Ali war der Ausreiseversuch nach Europa eine Straftat, die mit Geldbusse oder Haft geahndet worden konnte. Das Gesetz existiert pro forma noch. Doch Auswanderungswillige nutzen das derzeitige Machtvakuum aus, um sich über das unruhige Mittelmeer davonzumachen. Lampedusa liegt nur 125 Kilometer weg.

Wer in Italien seinen Antrag auf politisches Asyl nicht ausreichend begründen kann, muss mit Abschiebung rechnen. Italien bot Tunesien vergebens an, bei der Bewachung seiner Küste zu helfen.

Italien könne nicht jeden Ankömmling aufnehmen, sagte Aussenminister Franco Frattini, der am Montagabend in Tunis Gespräche führte. Zugleich müsse es aber Tunesien und anderen nordafrikanischen Ländern helfen, solche Bedingungen zu schaffen, dass junge Leute nicht fliehen zu müssen glaubten. «Wir können sie nicht zusammenpacken und wieder nach Hause schicken», sagte er. «Wir müssen ihnen helfen, sich wieder zu integrieren.»