Umbruch in Ägypten

03. Februar 2011 14:56; Akt: 03.02.2011 18:16 Print

Den «fetten Katzen» stehen dürre Jahre bevor

von Kian Ramezani - Der Westen rätselt über die Identität der Schlägertruppe, die auf ägyptische Regimegegner einprügelte. Fest steht: Wer sie schickte, hat viel zu verlieren.

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Das Kabinett des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak an einer Militärparade 1998. Viele seiner Minister sollen sich in ihrer Amtszeit persänlich bereichert haben. (Bild: Keystone/AP/Norbert Schiller)

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Nachdem Regierungsgegner eine Woche lang die Schlagzeilen aus Ägypten beherrschten, traten bei den blutigen Zusammenstössen am Mittwoch erstmals Anhänger des Noch-Präsidenten Hosni Mubarak in Erscheinung. Inwiefern die Verhältnisse auf dem Tahrir-Platz die Einstellungen der 80 Millionen Ägypter widerspiegeln, ist eine offene Frage. Doch nach 30 Jahren Diktatur ist wenig verwunderlich, dass sich unter den 80 Millionen Ägyptern auch Menschen befinden, die den Status Quo wenn nötig mit Gewalt verteidigen wollen.

«Die Ägypter kennen diese Leute gut», sagte Moataz Salah Eldin, Präsident des ägyptischen Vereins der Schweiz, gegenüber 20 Minuten Online: «Immer wenn sich das Regime in Bedrängnis sieht, etwa vor Wahlen, schickt sie diese bezahlten Schlägertrupps, um Chaos zu stiften.» Das Regime glaubt sich bei solchen Gelegenheiten gleich doppelt profilieren zu können.

Zum einen gibt es den Islamisten die Schuld an den Unruhen und unterlegt so den Daseinszweck seines Regimes als Bollwerk gegen den Extremismus. Zum anderen kann es irgendwann die Sicherheitskräfte aufbieten und so demonstrieren, dass der Staat die Lage im Griff hat. Mubarak hatte diese alte Masche in seiner Rede am Dienstagabend noch einmal aufgegriffen, als er sein Volk vor die Wahl zwischen «Chaos und Stabilität» stellte.

Dichter Filz aus Politik und Wirtschaft

Der berittene Sturmtrupp, der am Mittwoch auf dem Tahrir-Platz auf die Mubarak-Gegner eindrosch, dürfte allerdings nur eine Vorhut viel mächtigerer Interessen gewesen sein. Den oft gehörten Vorwurf, eine kleine Elite teile den immensen Reichtum Ägyptens unter sich auf, bestätigte Salah Eldin, der seit zehn Jahren in der Schweiz lebt: «Damit ist das unmittelbare Umfeld Mubaraks, sein Kabinett, gemeint. Der Verkehrsminister ist zugleich auch Autoimporteur, der Tourismusminister besitzt Hotels, der Gesundheitsminister Spitäler.»

Der Vorwurf ist offensichtlich: Hier nutzen korrupte Politiker ihren Einfluss, um sich persönlich zu bereichern. In der Tat ist der ehemalige ägyptische Verkehrsminister Mohamed Mansour auch Gründer und Eigentümer der «Al-Mansour Automotive Company», dem ägyptischen Generalimporteur der amerikanischen General Motors. Der Gesundheitsminister Hatem El-Gabaly gründete das renommierte «Dar AL Fouad Hospital» in Kairo. Der ehemalige Tourismusminister Zoheir Garranah ist an der «Garranah Touristic Group» beteiligt, die Hotels, Schiffe und Busse betreibt. Auch Samih Sawiris Oroascom ist mit 45 Prozent beteiligt.

Volksmund spricht von «fetten Katzen»

Christian Steiner, Wirtschaftsgeograf und Tourismusexperte erklärte gegenüber dem deutschen Nachrichtenmagazin «Fokus», im ägyptischen Volksmund werde dieser politisch-wirtschaftliche Filz «fette Katzen» genannt. Garranah warf er vor, seine Machtposition und politischen Einfluss ausgenutzt zu haben, um an billiges Bauland oder an Lizenzen für den Betrieb von Tourismusunternehmen zu kommen.

Die erwähnten drei Minister hatte Präsident Mubarak vor einer Woche mit fast allen ihren Kabinettskollegen entlassen und ihre Posten offenbar nicht neu besetzt. Das ägyptische Staatsfernsehen hat am Donnerstag verkündet, dass sie das Land nicht verlassen dürfen, solange eine Untersuchung der Übergriffe auf Protestierende läuft. Ausserdem seien Konten eingefroren worden.