Kontakte von Anis Amri

22. Dezember 2016 13:48; Akt: 22.12.2016 15:54 Print

Der Attentäter und der «Prediger ohne Gesicht»

Inwieweit agierte der mutmassliche Attentäter von Berlin allein? Kontakte zu führenden Köpfen der deutschen Salafistenszene lassen vermuten, dass Anis Amri kein «einsamer Wolf» war.

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Seinen Geburtstag verbringt der Terrorverdächtige Anis Amri auf der Flucht: Der Mann, der den LKW in den Berliner Weihnachtsmarkt gefahren haben soll, wird heute 24 Jahre alt – zumindest gemäss den Informationen auf seinem Duldungsausweis, den man unter dem Fahrersitz des Lastwagens gefunden hat.

Amri war im Sommer letzten Jahres in Deutschland eingereist, so die deutschen Ermittler. Sie hatten ihn bereits seit längerem im Visier. Wie Spiegel.de berichtet, heisst es in einem Eintrag zur verdeckten Fahndung vom 5. Februar 2016, dass der Tunesier einen «mutmasslichen Bezug zum IS» habe. Der Grund: Amri hatte Kontakt zur radikalislamischen Szene, stand offenbar in Verbindung mit dem Mann, der als «Prediger ohne Gesicht» bekannt wurde: Ahmad Abdulaziz Abdullah A. – genannt Abu Walaa.

Ehetipps, Hasspredigten und 25'000 Follower

Der irakischstämmige Hassprediger wurde letzten Monat in Niedersachsen festgenommen, ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Abu Walaa lebt seit rund 15 Jahren in Deutschland und gilt als einer der wichtigsten IS-Rekrutierer im Land. Er weiss um die Rolle der sozialen Medien, verbreitet seine Botschaften über Chatgruppen und hat sogar eine eigene App. 25’000 Personen folgten ihm auf Facebook, wo er Ehetipps gab und sich offen zum IS bekannte. In seinen Videopredigten inszenierte er sich, indem er sich meist von hinten zeigte. Dazu trug der 32-Jährige, angelehnt an die Darstellung des Propheten Mohammed in der islamischen Ikonografie, einen schwarzen Umhang.

Abu Walaa predigte seit Jahren in der Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises Hildesheim (DIK), einem Zentrum der safalistischen Szene Deutschlands. Im DIK wurden junge Muslime radikalisiert: Gemäss deutschen Medien schlossen sich um die 75 Männer aus Niedersachsen dem IS im Irak und in Syrien an, 20 allein aus dem Raum Hildesheim. Ein Verbotsverfahren gegen den DIK ist noch immer hängig, das in mehreren Razzien sichergestellte Beweismaterial brachte bislang offenbar wenig Handfestes zutage. Man sei noch an der Auswertung, hiess es von Behördenseite im November.

«Oberster Repräsentant des IS in Deutschland»

Gegen Abu Walaa aber hatte die Polizei genug Belastendes für eine Festnahme in der Hand – vor allem Aussagen von Syrien-Rückkehrern, die auf eine Strafminderung hoffen. Abu Walaa sei der «oberste Repräsentant des IS in Deutschland», gab etwa Anil O. zu Protokoll, nachdem er im September auf dem Flughafen Düsseldorf verhaftet worden war. Der deutsche Staatsangehörige war einige Monate in Syrien gewesen und dann angewidert vor dem IS geflohen, wie er sagt.

Die Moschee, in der Abu Walaa predigte, sei «Platz Nummer 1» für alle, die zum IS wollten, so Anil O. Jeder in der islamistischen Szene wisse, dass Abu Walaa einer von wenigen Predigern in Deutschland sei, der den IS unterstütze und der Reisen nach Syrien organisiere. Ausreisewillige bekamen im DIK eigens Arabischunterricht und wurden in radikal-islamischen Inhalten geschult. «Der Unterricht diente dazu, die ideologischen und sprachlichen Grundlagen für eine zukünftige Tätigkeit beim IS, insbesondere für die Teilnahme an Kampfhandlungen, zu schaffen», so die Bundesanwaltschaft diesen November.

Kein Lone Wolf

Zum Netzwerk des «Predigers ohne Gesicht» gehörte laut Bundesanwaltschaft auch der serbischstämmige Boban S. Dieser soll Islamisten in Dortmund ideologisch geschult und wiederholt auch den mutmasslichen Berliner Attentäter Anis Amir empfangen haben.

Die Kontakte zur radikalsalafistischen Szene und ihren führenden Köpfe legen nahe, dass Anis Amri kein von sich aus agierender Einzeltäter, kein Lone Wolf, war. Inwieweit er von einer deutschen IS-Zelle instruiert wurde, ist indes unklar. Dass Direktiven für diesen Anschlag aus Syrien oder dem Irak gekommen sind, ist hingegen wenig wahrscheinlich: Der IS bekannte sich gestern Abend zwar zu dem Attentat am Berliner Breitscheidplatz, lieferte aber keine Einzelheiten zur Tat oder zum Attentäter.

(gux)