Lockerbie-Attentäter

07. Januar 2010 14:39; Akt: 07.01.2010 14:48 Print

Der Bomber, der nicht sterben will

von Peter Blunschi - Vor fünf Monaten durfte der mutmassliche Lockerbie-Attentäter aus «humanitären Gründen» das Gefängnis verlassen. Abdel Basset al Megrahi habe Krebs im Endstadium, hiess es. Doch er lebt immer noch. Die Angehörigen der Opfer sind empört.

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Der 57-jähriger Libyer sass in Schottland eine lebenslange Haftstrafe ab wegen des Anschlags von Lockerbie. Bei der Explosion einer Boeing 747 der PanAm über dem schottischen Dorf waren am 21. Dezember 1988 270 Menschen ums Leben gekommen. Am 20. August 2009 verfügte der schottische Justizminister Kenny McAskill die Entlassung von Abdel Basset al Megrahi in seine Heimat aus «humanitären Erwägungen». Er berief sich auf den Bericht eines Gefängnisarztes, wonach der Libyer unheilbar an Prostatakrebs erkrankt sei und höchstens noch drei Monate zu leben habe.

Seither sind fast fünf Monate vergangen, und Megrahi lebt immer noch, obwohl er kurz nach seiner Rückkehr nach Libyen auf die Intensivstation eines Spitals gebracht wurde und auf Fotos den Eindruck hinterliess, er liege im Sterben. Die Angehörigen der Lockerbie-Opfer sind empört. «Wir fragen uns, wie die Libyer und vor allem die Schotten damit umgehen», sagte Frank Duggan, Präsident einer Vereinigung, welche die Angehörigen der 190 amerikanischen Opfer repräsentiert, dem US-Blog «Daily Beast».

Rückkehr ins Gefängnis verlangt

Politiker in Washington forderten Konsequenzen: Der New Yorker Senator Charles Schumer verlangte die Rückkehr Megrahis ins schottische Gefängnis. Eliot Engel, ebenfalls ein Demokrat aus New York und Mitglied der aussenpolitischen Kommission im Repräsentantenhaus, sagte: «Es war absurd, den Lockerbie-Bomber freizulassen, vollkommen absurd.» Dabei verwies er auch auf den Nigerianer, der beinahe ein Flugzeug zum Absturz gebracht hätte: «Es gibt viele Terroristen da draussen.»

Wie es Abdel Basset al Megrahi wirklich geht, ist unklar. Mitte Dezember wurde er kurzzeitig als verschwunden gemeldet. Der Sender Sky News meldete kürzlich mit Berufung auf eine ungenannte libysche Spital-Quelle, sein Zustand verschlechtere sich. Schottische Behörden weigerten sich gemäss «Daily Beast», Stellung zu nehmen und beriefen sich auf das Recht eines Patienten auf Vertraulichkeit.

Zweifel an offizieller Version

Der libysche Staat hatte Megrahi 1999 nach Grossbritannien ausgeliefert und den Familien der Opfer eine Entschädigung in Milliardenhöhe ausbezahlt. Allerdings hat das Gaddafi-Regime nie die Schuld am Anschlag eingestanden, und Kritiker stellen die offizielle Version schon lange in Frage. Recherchen der BBC geben ihnen nun neue Nahrung. Demnach gibt es Zweifel an einem zentralen Beweisstück der Anklage, einem angeblichen Fragment des beim Attentat verwendeten Zeitzünders.

Es wurde in Überresten eines Koffers gefunden, zusammen mit in Malta hergestellten Kleidern. Die Ermittler konnten sie bis zum Geschäft zurückverfolgen, in dem sie gekauft worden waren. Der Inhaber identifizierte Megrahi als Käufer, allerdings erst nachdem er sein Bild in einem Magazin gesehen hatte. Laut BBC wurden am Fragment niemals chemische Analysen oder ähnliche Tests vorgenommen, die seine Verwendung beim Anschlag nachgewiesen hätten.

Zeitzünder vollständig zerstört

Der britische Sprengstoffexperte John Wyatt führte ausserdem 20 Tests durch mit Kofferbomben, die exakt nach den Erkenntnissen der Lockerbie-Ermittler rekonstruiert worden waren. Das Ergebnis war eindeutig: Bei jedem der Tests wurde der Zeitzünder vollständig zerstört. «Es ist ziemlich erstaunlich und höchst unwahrscheinlich, dass man ein solches Fragment finden würde, besonders bei einer Explosion in 3000 Meter Höhe, deren Überreste über hunderte Meilen verstreut werden», sagte Wyatt der BBC.