Totenkult

20. Dezember 2011 16:06; Akt: 20.12.2011 16:36 Print

Der Diktator ist tot, lang lebe der Diktator!

In bester stalinistischer Tradition bleibt Kim Jong-Il seinem Volk noch lange erhalten. Wie Lenin und Mao erwarten seinen Körper Einbalsamierung und ewige Ruhe im monströsen Mausoleum.

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am 20. Dezember aufgebahrt in einem Glassarg in Pjöngjang. Experten gehen davon aus, dass sein Leichnam wie jener seines Vaters (im Bild) einbalsamiert... ...und in ein Mausoleum überführt wird. Im Bild der in Pjöngjang, letzte Ruhestätte Kim Il-Sungs. Das stalinistische Nordkorea folgt damit der kommunistischen Tradition, verstorbene Diktatoren für die Nachwelt zu konservieren. Berühmtestes Beispiel: Wladimir Iljitsch Uljanow, Kampfname . Auch , Gründer der Volksrepublik China, ruht bis heute in seinem Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Der vietnamesische Revolutionär und Politiker in Hanoi. Personenkult beschränkt sich aber nicht nur auf kommunistische Staaten. Auch der Begründer der modernen Türkei, , wurde für die Nachwelt konserviert. Die Sichtung seines Leichnams in seinem Mausoleum Anıtkabir bei Ankara ist dem Armeechef und dem zuständigen Konservator vorbehalten. Der Leichnam des philippinischen Diktators ist auf einem Familiengrundstück im äussersten Norden der Hauptinsel Luzon für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Behörden verweigern ihm bis heute ein Begräbnis. Auch der Vatikan praktiziert Einbalsamierungen. Im Bild das Grab von Papst in der Krypta der Petersdoms. Nach dessen Tod 1958 kam eine neue Konservierungsmethode zum Einsatz, die aber spektakulär versagte. Während seiner Aufbahrung verweste der Leichnam langsam. Der Gestank war offenbar so stark, dass die Schweizergarde im Viertelstundentakt ausgewechselt werden musste. Die Einbalsamierung des 2005 verstorbenen Johannes Paul II. verlief hingegen problemlos.

Einbalsamierte Diktatoren, Landesväter und Päpste.

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Kim Jong-Il ist tot, doch sein posthumes Leben als stalinistische Ikone hat eben erst begonnen. Zu Lebzeiten weigerte er sich, Statuen von sich aufstellen zu lassen, da dies das Ende seiner Herrschaft symbolisiert hätte. Als im Juli 2010 eine erste Bronzestatue von ihm eingeweiht wurde, spekulierten Beobachter bereits über sein nahes Ableben. Inzwischen ist dieser Fall eingetreten und die Ikonenbildungsmaschinerie seines Propaganda-Apparats angelaufen.

Nach den hysterischen Trauerbekundungen am Montag sind alle Augen auf die offizielle Beisetzung am 28. Dezember gerichtet. Bilder vom Begräbnis seines Vaters Kim Il-Sungs aus dem Jahr 1994 (siehe Video unten) lassen auf ein grandios inszeniertes Spektakel schliessen. Details sind bisher keine bekannt, doch Experten gehen davon aus, dass auch Kim Jong-Il wie sein Vater einbalsamiert und in ein Mausoleum überführt wird.

Feierliche Beisetzung Kim Il-Sungs 1994. (Video: YouTube)

Seit jeher werden die Leichen kommunistischer Diktatoren konserviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – meistens gegen ihren ausdrücklichen Wunsch. Lenin, Mao und Ho Chi Minh etwa hatten sich zu Lebzeiten für eine Kremierung ausgesprochen. Doch ihre Nachfolger nutzten das Andenken stets zur Sicherung der eigenen Herrschaft. Die Einbalsamierung diente somit gleichsam der Konservierung der Leiche und des Systems.

Schattenseiten der Unsterblichkeit

Doch je länger ein künstlich verlängertes «Leben» andauert, desto grösser die Gefahr, zum Spielball der Geschichte zu werden, wie das Schicksal der wohl berühmtesten kommunistischen Mumie veranschaulicht: Die Grabesruhe des Gründers der Sowjetunion, Wladimir Iljitsch Uljanow, Kampfname Lenin, wurde in den Jahrzehnten seit seinem Tod 1924 immer wieder gestört.

1941 verlegte Lenins Nachfolger Stalin dessen Leichnam nach Sibirien, weil er eine Invasion Moskaus der Nazis fürchtete. Nach seinem Tod 1953 liess er sich ebenfalls einbalsamieren und neben seinen alten Kamfgenossen betten. Doch acht Jahre später war bereits Schluss mit der Grabesruhe, denn Nikita Chruschtschow beschloss im Rahmen seiner Politik der Entstalinisierung, Stalins Leichnam aus dem Lenin-Mausoleum zu entfernen und in der Nekropolis ausserhalb der Kremlmauer zu begraben. Für die Pflege von Lenins Leichnam müssen inzwischen Private aufkommen, da der Staat nach dem Ende der Sowjetunion 1991 seine Zahlungen einstellte.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans am 21.12.2011 04:27 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker Schrecken

    Für jeden Politiker ist so ein Diktator ein Tod. Für das Volk hingegen lebt nur einer auf die Staatskosten und Steuergelder.

  • Marie am 21.12.2011 08:09 Report Diesen Beitrag melden

    Krank

    Ich finde diese Einbalsamierungs-Manie krank. Wozu soll das gut sein? Der Tod ist ein Teil des Lebenszyklus'. Ein Mensch stirbt, verlässt seinen Körper, der damit nicht mehr gebraucht wird. Er soll vergehen, wie die Natur es vorgesehen hat. In den USA wird der Kult um die Einbalsamierung ja immer noch sehr aktiv betrieben. Die Körper werden für die Ewigkeit erhalten, begraben in einem sog. Casket, der der Natur wahrscheinlich auch ca. 100 Jahre trotzen wird, ausgeschlagen mit Seide, oft besser gepolstert als eines armen Bürgers Bett. Wozu? Wovor haben die eigentlich Angst?

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  • Marie am 21.12.2011 08:09 Report Diesen Beitrag melden

    Krank

    Ich finde diese Einbalsamierungs-Manie krank. Wozu soll das gut sein? Der Tod ist ein Teil des Lebenszyklus'. Ein Mensch stirbt, verlässt seinen Körper, der damit nicht mehr gebraucht wird. Er soll vergehen, wie die Natur es vorgesehen hat. In den USA wird der Kult um die Einbalsamierung ja immer noch sehr aktiv betrieben. Die Körper werden für die Ewigkeit erhalten, begraben in einem sog. Casket, der der Natur wahrscheinlich auch ca. 100 Jahre trotzen wird, ausgeschlagen mit Seide, oft besser gepolstert als eines armen Bürgers Bett. Wozu? Wovor haben die eigentlich Angst?

  • Hans am 21.12.2011 04:27 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker Schrecken

    Für jeden Politiker ist so ein Diktator ein Tod. Für das Volk hingegen lebt nur einer auf die Staatskosten und Steuergelder.