Anzeige wegen Vergewaltigung

11. April 2019 19:31; Akt: 11.04.2019 19:31 Print

Julian Assange und das geplatzte Kondom

Vom Verfechter der Meinungsfreiheit zum mutmasslichen Vergewaltiger. Dazwischen spielen zwei Schwedinnen und ein Kondom die Hauptrolle.

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Wikileaks-Mitgründer Julian Assange ist am 11. April 2019 in den USA wegen «Hackerangriffen» angeklagt worden. Doch der Australier steht eigentlich schon seit Jahren im Konflikt mit der Justiz. Julian Assange flieht im Juni 2012 in die Botschaft Ecuadors in London und beantragt erfolgreich politisches Asyl. Hintergrund dafür ist eine Anzeige wegen Vergewaltigung in Schweden. Zwei Schwedinnen, Anna Ardin (links) und Sofie Wilén, erstatteten am 14. August 2010 eine Anzeige gegen Assange wegen sexueller Gewalt. Ardin hatte an der Universität Uppsala ein Seminar unter dem Titel «Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit» organisiert und Assange dazu eingeladen, seine Plattform zu präsentieren. Ihm wird vorgeworfen, dass er beim Sex mit der schwedischen Aktivistin Anna Ardin das Kondom mit Absicht platzen liess. Monate nach der Anzeige gerieten Bilder des verhängnisvollen Gummis an die Öffentlichkeit. Eine forensische Analyse ergab «kleine Kratzer in der Umgebung des Risses». Der Schaden am Material zeige aber «keine Spur einer Anwendung von Gegenständen». Nachdem die schwedische Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet, reist Assange nach London. Dort stellt er sich der Polizei. Täglich um 18 Uhr meldet sich der Wikileaks-Frontmann beim Polizeiposten in Beccles, Suffolk. Ausserdem muss er eine elektronische Fessel tragen und ein Ausgehverbot einhalten. Seit seiner Freilassung wohnt Julian Assange zunächst beim Journalisten Vaughn Smith, dem Gründer des Frontline Club, in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert mit zehn Schlafzimmern und 250 Hektar Land. Der Australier fechtet aber eine Auslieferung nach Schweden an. Er fürchtet, von dort in die USA abgeschoben zu werden. In wenigen Wochen war der Hacker zur Kultfigur avanciert: Diverse Webseiten verkaufen T-Shirts mit seinem Konterfei. Während seiner wochenlangen Flucht, weckte Assange bei Frauen regelrechte Mutterinstinkte: Sie brachten ihm Hemden und T-Shirts mit, wenn er ohne zu schlafen tagelang am Computer sass. Sie bereiteten ihm das Essen vor - das er meistens nicht einmal anrührte -, oder sie buchten seine Flüge und kümmerten sich ums nächste geheime Quartier. Interpol hatte am 30. November 2010 Assange auf seine Liste der meistgesuchten Verdächtigen gesetzt. Julian Paul Assange ist am 3. Juli 1971 in Townsville, Queensland, Australien, geboren. Assanges Eltern waren Betreiber eines Wanderzirkus. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Assange bei seiner Mutter auf. Seine Mutter Christine wollte ihn nicht auf Schulen schicken, damit Julian kein falsches Verhältnis zu Autoritäten bekommt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr zog die Familie 37 Mal um. Mutter Christine befand sich damals auf der Flucht vor Julians jähzornigem Ziehvater. Erste Programmmiererfahrungen sammelte Assange auf einem Commodore 64, den ihm seine Mutter im Alter von 13 Jahren geschenkt hatte. 1987 beschaffte er sich ein Modem. Unter dem Pseudonym «Mendax» begann er erste Hacker-Aktivitäten. Gleichzeitig studierte Assange Mathematik und Physik an der University of Melbourne. Während seiner Hacker-Zeit lernte er seine spätere Frau kennen. 1989 zogen beide zusammen, der gemeinsame Sohn Daniel (Bild) wurde 1990 geboren. Ein Jahr später trennte sich das Paar. Die Auseinandersetzung um das Sorgerecht des kleinen Daniel setzte dem Vater Julian so zu, dass sich sein brauner Haarschopf in dieser Zeit aschfahl färbte. Bevor Vater Julian in die Wikileaks-Welt abtauchte und Australien verliess, fragte er seinen damals 16-jährigen Sohn, ob er mitkommen wolle. Der lehnte ab. Seitdem ist der Faden gerissen. Daniel Assange verfolgt seitdem die Aktivitäten seines Vaters aus derselben Distanz wie andere auch. Sein Vater sei «sehr intelligent» und habe «die charakteristischen Probleme, die mit hoher Intelligenz einhergehen», beschrieb Daniel im September 2010 seinen Vater. Papa werde offenbar schnell wütend - vor allem auf Leute, «die nicht in der Lage sind, sein Arbeitslevel zu erreichen und seine Ideen intuitiv zu verstehen». Wenn Assange einen Raum betritt, so berichten Zeugen, suche er als Erstes eine Steckdose für seinen kleinen Computer; ein 300 Dollar billiges Notebook, das er immer bei sich trägt. Erst danach wendet er sich der menschlichen Umgebung zu. Die Internetplattform Wikileaks hatte es sich im Jahr 2007 zur Aufgabe gemacht, geheime und damit oftmals brisante Informationen zu veröffentlichen. Wikileaks beschreibt seine Arbeit dabei selbst als journalistisch. Wikileaks verbreitet aus anonymen Quellen stammendes Material. Unklar ist bis heute, wer genau hinter der Organisation steht. Öffentlich bekannt ist lediglich der 39-jährige Australier und Gründer der Plattform, Julian Assange. Genauso unklar wie die Struktur der Organisation ist auch ihre Finanzierung. So scheint Wikileaks auf Spenden angewiesen zu sein. Woher aber die Summen kommen, die nötig sind, um die aufwendigen Recherchen zur Überprüfung der zahlreichen Unterlagen und Dokumente zu finanzieren, ist nicht bekannt. Aufgrund seines Führungsstils innerhalb der Organisation gilt der Wikileaks-Gründer als umstritten. Er sei kritikunfähig und ein Mensch mit selbstherrlichem Verhalten. Sein ehemaliger Pressesprecher, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg, würde «niemandem raten, mit ihm zusammenzuarbeiten». In der Schweiz sorgte Wikileaks erstmals im Januar 2008 für Aufsehen, als auf dessen Server mehrere Dokumente veröffentlicht wurden, die detailliert Auskunft über Geldflüsse von Julius-Bär-Kunden im Offshore-Paradies der Cayman-Inseln gaben. Dabei handelte es sich um zwölf mit Klarnamen genannte Personen. Ein Ex-Mitarbeiter von Julius Bär auf den Cayman Islands hatte die Daten entwendet und im Jahr 2005 dem Wirtschaftsmagazin «Cash» eine CD-Rom mit 169 Megabyte Datenmaterial aus den Jahren 1997 bis 2003 zugespielt. Die Anwälte von Julius Bär konnten für kurze Zeit mittels einer Verfügung die Webadresse wikileaks.org sperren lassen. Die pikanten Daten waren aber bereits weltweit verbreitet. Ende 2009 stellten in Berlin Wikileaks-Aktivisten den Plan vor, in Island einen sogenannten «Datenhafen» zu errichten. Im November wurde zu diesem Zweck eine Gesellschaft mit dem Namen Sunshine Press Productions gegründet. Doch das Vorhaben hielt nicht lange: Im Frühling 2010 musste Wikileaks seine Server nach Schweden verfrachten. Die US-Regierung hatte es geschafft, im Zuge der Wirtschaftskrise den Druck auf die Isländer zu erhöhen und ein speziell zugeschnittenes Pressefreiheitsgesetz wieder rückgängig zu machen. Ausdrücklich beruft sich die Plattform auf Artikel 19 der von den UN verabschiedeten Erklärung der Menschenrechte. Demnach hat jeder «das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten». Zum ersten Mal sorgte Wikileaks für grosses internationales Aufsehen, als es Anfang April 2010 ein Video zu den Luftangriffen in Bagdad vom 12. Juli 2007 veröffentlichte. Darin war zu sehen, wie US-Militärhelikopter auf eine Menschengruppe auf einem Platz in Bagdad schoss. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben. Das brisante Material soll ein US-Soldat, Bradley Manning, an die Enthüllungs-Webseite weitergegeben haben. Der 22-Jährige wurde nach der Veröffentlichung der Videoaufnahmen aus dem Apache-Helikopter verhaftet. Am 28. November 2010 sorgte Wikileaks ein weiteres Mal für internationales Aufsehen, als 250 000 diplomatische US-Berichte über zahlreiche Regierungen und deren Mitglieder in aller Welt veröffentlicht wurden. Das Projekt Wikileaks wurde allerdings mehrmals ausgezeichnet: 2008 erhielt es den «Index on Censorship Award» des renommierten US-Magazins «The Economist». Ein Jahr später zeichnete Amnesty International das Projekt mit dem «New Media Award» aus. Im gleichen Jahr erhielt es an der Ars Electronica den «Award of Distinction» in der Kategorie «Digital Communities».

Zum Thema
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Die britische Polizei hat am Donnerstag den Wikileaks-Gründer Julian Assange in der Botschaft Ecuadors in London festgenommen. Seine Flucht im Jahr 2012 in die diplomatische Vertretung hat mit einer fragwürdigen Anzeige wegen Vergewaltigung in Schweden zu tun. Wie es dazu kam:

Juni 2010
Bedrohliches Wikileaks

Vier Jahre nach der Gründung von Wikileaks veröffentlicht die Enthüllungsplattform von Juni bis Oktober 2010 rund 470'000 als geheim eingestufte Dokumente, die mit diplomatischen Aktivitäten der USA und mit den Kriegen in Afghanistan und im Irak zu tun haben.

Juli 2010
So kommt Assange nach Schweden

Im Sommer 2010 lädt die Schwedin Anna Ardin den Wikileaks-Frontmann ein, an einer Konferenz an der Uni Uppsala zum Thema Informationsfreiheit teilzunehmen. Ardin, Mitglied der Christlichen Schwedischen Bruderschaft, hat nachweislich Kontakt zu antikubanischen Organisationen in den USA, die von CIA-Agenten geleitet werden.

August 2010
Die «Vergewaltigung»

Während des Aufenthalts in Stockholm wohnt Assange bei Ardin. Der Wikileaks-Mitgründer wird zudem von der jungen Fotografin Sofie Wilén kontaktiert, die angibt, Regierungsmitarbeiterin zu sein.

In der Nacht zum 14. August 2010 kommt es zwischen Assange und Ardin zum einvernehmlichen Sex. Nach dem Akt bemerkt Ardin, dass das Kondom geplatzt ist. Kurz nach der Veranstaltung an der Uni Uppsala trifft sich Assange auch mit Wilén. In ihrer Wohnung kommt es zunächst zum einvernehmlichen Sex mit Kondom. Am nächsten Morgen haben die beiden wieder Sex – diesmal ohne Kondom.

Die beiden Frauen erzählen einander von der Affäre mit Assange und entscheiden, gemeinsam zur Polizei zu gehen. Dabei will nur Wilén Anzeige erstatten, Ardin begleitet sie lediglich. Ardin erwähnt vor der Polizistin, dass sie ebenfalls Sex mit Assange gehabt habe. Dabei erzählt sie, dass das Präservativ gerissen sei – und beschuldigt erstmals den Australier, es mit Absicht zerrissen zu haben. Die Polizei will Assange am 21. August 2010 für eine Vernehmung festnehmen, doch der Australier ist bereits nach London ausgereist.

Juni 2012
Die Flucht in die Botschaft

Nachdem die schwedische Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitet, stellt sich Assange der Polizei in Grossbritannien. Er kommt unter Auflagen wieder frei, beantragt aber dann im Juni 2012 Asyl in der ecuadorianischen Botschaft.

Ab 2017
Wegen Hackerangriffen gesucht

2017 stellt die Staatsanwaltschaft in Schweden die Ermittlungen gegen Assange ein. Die britische Polizei nimmt ihn allerdings fest, weil er seine Kautionsauflagen verletzt hat. In den USA wird er noch am gleichen Tag wegen Hackerangriffen angeklagt.


(kle)