Libyen-Krise

25. März 2011 22:00; Akt: 26.03.2011 00:09 Print

Der Leitwolf des Westens will nicht mehr

von Tom Raum, AP - Seit Jahrzehnten sind es die USA gewohnt, bei Militäreinsätzen des Westens vorneweg zu marschieren. Jetzt, im Libyen-Krieg, versuchen sie die Rolle des Leitwolfs abzustreifen.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Libysche Luftwaffe ist hoffnungslos veraltet - und von den betagten Maschinen wie hier vom Typ Mig-21 (Nato-Codename Fishbed) sind viele nicht einsatzbereit. Das sowjetische Jagdflugzeug hatte seinen Jungfernflug bereits 1959 und ist mit Exemplaren der meistgebaute Kampfjet weltweit. Die Mig-25 «Foxbat» wurde von der Sowjetunion eigentlich als Abfangjäger und Aufklärer konzipiert, doch Libyen liess sich auch eine Bomber-Variante des Typs liefern. 2006 wurden die letzten fünf Maschinen eingemottet und durch ... ... die Mig-29 «Fulcrum» ersetzt. Die sowjetische Antwort auf die F-15 und F-16 der NATO ist sehr wendig. Libyen bestellte die 1998 modernisierte SMT-Version. Die Mig-23 «Flogger» kann dank schwenkbarer Flügel sehr langsam fliegen und eignet sich für die Bekämpfung von Bodentruppen. Erstflug war 1969. Die Su-24 «Fencer» ist ebenfalls ein Jagdbomber im Dienste Gaddafis. Eine der libyschen C-130 «Hercules»-Transportmaschinen des US-Herstellers Lockheed soll über dem nordafrikanischen Land angeschossen worden sein. Die modernsten Maschinen Libyens sind die französischen Mehrzweckflieger Mirage F-1. Zwei libysche Piloten setzten sich zu Beginn der Libyen-Krise mit zwei dieser Maschinen nach Malta ab. Als Transporthelikopter nutzt die libysche Luftwaffe den Mi-14 «Haze». Und auch die einzige Gefahr für NATO-Flieger kommt von einem Hubschrauber: ... ... Seit 1969 verbreitet der sowjetische Mi-24 «Hind» Angst und Schrecken. Weil die schwerbewaffneten Helikopter unter der Radarhöhe auf ihre Opfer warten und sie mit Luft-Luft-Raketen angreifen können, stellen sie für fremde Piloten die einzige Bedrohung dar. Warum die lybische Luftwaffe nicht den Hauch einer Chance gegen ihre Widersacher hat, kann anhand des US-Standardbombers F-15 «Eagle» erklärt werden. Der Jet wurde zwar schon 1975 in Dienst gestellt, doch die Technik wurde laufend aktualisiert. Und damit sind vor allem Radar und Lenkwaffen gemeint: ... ... Die US-Jets «sehen» ihre Opfer lange, bevor die sie überhaupt bemerken. Durch die hohe Reichweite der Luft-Luft-Raketen hat die F-15 den Widersacher möglicherweise sogar schon abgeschossen, bevor der selbst überhaupt in Schussweite kommt. Ausserdem kann das Flugzeug sehr hoch fliegen, was einen Abschuss weiter erschwert. Als erste im libyschen Luftraum waren die Franzosen. Sie operieren von französischen Stützpunkten und vom Flugzeugträger «Charles de Gaulle» aus. Vom Flugzeugträger aus starten Jets vom Typ Rafale-Marine, der seinen Jungfernflug 1986 absolvierte. Ausserdem ist der Marineflieger Super-Étendard-Modernisé Teil des «Charles de Gaulle»-Waffenarsenals. In Sachen Frühwarnung und elektronische Aufklärung müssen die Franzosen auf ein US-Produkt setzten: Die Grumman E-2 «Hawkeye» kann das gegnerische Radar stören und überwacht den Luftraum. Last but not least hat die «Charles de Gaulle» Helikopter vom Typ AS 565 «Panther» an Bord. Die USA und Grossbritannien haben ihre Angriffe mit «Tomahawk»-Cruise-Missiles begonnen, die von Zerstörern und U-Booten abgeschossen werden. Die Ziele wurden zuvor wahrscheinlich von sehr hoch fliegenden U-2-Aufklärern gesichtet. Auch die bewaffnete Drohne «Global Hawk» kann Marschflugkörper abfeuern. B-2-Tarnkappenbomber (vorne mittig) bringen Bomben und Cruise Missiles nach Nordafrika. Vom Flugzeugträger «USS Enterprise» im Roten Meer können F-18 Kampfbomber (vorne neben der B-2) starten. Die grösste Luftfahrt-Nation neben den USA und Frankreich, die im libyschen Luftraum patroulliert, ist Grossbritannien. Britische Soldaten setzen Tornado-Kampfbomber ein. Auch der Jäger Eurofighter Typhoon kommt am Himmel über Tripolis zum Einsatz. Bei der Royal Air Force kommt auch das Seeaufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeug Nimrod, das auch in Grossbritannien entwickelt wurde, zum Einsatz. Zur Luftüberwachung setzen die Briten auf ihre Sentinel-Flotte. Die niederländische Luftwaffe hilft mit ihrer Luft-Allzweckwaffe F-16, das Flugverbot über Libyen durchzusetzen. Katar hat Mirage-2000-Kampfflugzeuge im Einsatz. Die Arabischen Emirate beteiligen sich ebenfalls: Neben der Mirage 2000 verfügt die Monarchie auch über F-16-Jets. Die NATO mit ihren AWACS-Aufklärern den Luftraum und die meisten Einsätze.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mit jedem Tag wird das US-Militär tiefer in einen möglichen Bodenkrieg gegen die Streitkräfte Muammar Gaddafis hineingezogen. Das wurde deutlich, als sich die NATO nach tagelangem Streit und hartem Ringen der Mitgliedsstaaten am Donnerstag daraufverständigte, mit der Durchsetzung des Flugverbots das Kommando nurfür einen Teil der Operation zu übernehmen.

Washington hatte gehofft, dass das Bündnis die Verantwortung auch für Angriffe auf Gaddafis Bodentruppen und andere Ziele zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Unterstützung humanitärer Hilfe übernehmen würde. Doch das hängt noch in der Luft.

So bleibt der härteste und umstrittenste Teil der Aktion Sacheder «Koalition der Willigen» mit den USA als Führungsmacht. Das ist eine Verantwortung, die Washington absolut nicht auf sich nehmen will. Das letzte, was Präsident Barack Obama braucht, ist Libyen am Hals zu haben.

Der Irak und Afghanistan stellen finanziell und personell bereits eine solche Belastung dar, dass er sich noch einen Krieg in noch einem muslimischen Land kaum leisten kann. In knapp einer Woche hat der Libyen-Einsatz die USA schon beinahe eine Milliarde Dollar gekostet und Kritik beider Parteien im Kongress ausgelöst.

Überlegenheit der Supermacht

Die Regierung beharrt darauf, keine Bodentruppen nach Libyen zu entsenden. Doch es könnte schwierig werden, dabei zu bleiben. Weil die USA von Anfang an dabei gewesen seien, seien sie auch für das Ergebnis mitverantwortlich, sagt der aussenpolitische Experte Michael O'Hanlon vom Brookings-Institut. Wenn sich das Szenario so entwickle, dass Entscheidungen und weitergehende Massnahmen erforderlich seien, wären auch sie gefragt.

«Wenn also künftig weitere Militäroperationen notwendig sind, etwa zur Bewaffnung der Aufständischen, müssten wir vielleicht mit Spezialeinheiten eingreifen und dabei helfen. Ich kann mir alle möglichen Varianten vorstellen, wie wir in Zukunft mehr tun müssen, selbst wenn das jetzt nicht der Fall ist», meint O'Hanlon.

Die US-Streitkräfte haben derzeit nicht nur mit dem Irak, mit Afghanistan und Libyen zu tun. Auch vor Japan wurden nach dem Erdbeben und Tsunami 14 Kriegsschiffe mit Flugzeugen und 17 000 Seeleuten und Marines zusammengezogen. Ob es um Katastrophenhilfe in Japan geht oder um das Kommando bei Luftangriffen in Libyen - für ihre Verbündeten gelten die USA seit langem als unersetzliche Führungsmacht.

Schliesslich hat die einzig verbliebene Supermacht «einzigartige Fähigkeiten», wie es das Pentagon formuliert, weltweit einzugreifen. Die jährlichen Rüstungsausgaben sind zehn Mal höher wie die Chinas, das an nächster Stelle steht. Kein anderes Land verfügt über die Bomber, die Marschflugkörper, die Flugzeugträger, die Tankflugzeuge und die Kommandoeinrichtungen, wie sie die USA besitzen.

Keine Alleingänge mehr

Daher das Selbstvertrauen, mit dem Obama bei den Luftangriffen in Libyen die Führungsrolle übernahm. Doch er tat sich schwer, die westlichen Verbündeten zu überzeugen, der NATO die Führung zu übertragen, zumal auch über das eigentliche Ziel Verwirrung herrschte. Alleingängen wie unter seinem Vorgänger George W. Bush abgeneigt, setzte Obama zwei strenge Bedingungen für ein Eingreifen der USA in Libyen: keine US-Soldaten am Boden und kein Engagement ohne Beteiligung anderer Länder.

In letzter Zeit betont er, dass der Einsatz der Verbündeten den Schutz der Zivilbevölkerung bezweckt und nicht den Sturz des Despoten Gaddafi. Das allerdings passt nicht recht zu dem, was er anfangs gefordert hat: Gaddafi muss weg.