Gene Sharp

18. Februar 2011 15:28; Akt: 21.02.2011 16:22 Print

Der Machiavelli der Gewaltlosigkeit

von Peter Blunschi - Ein stiller Amerikaner lieferte den Leitfaden für den erfolgreichen Aufstand in Ägypten. Gene Sharp ist der Mann, den die Diktatoren fürchten.

Gene Sharp erläutert seine Philosophie. (Video: YouTube)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Venezuelas autokratischer Präsident Hugo Chávez wünschte ihn 2007 ins Pfefferland. Die iranische Regierung beschimpfte ihn in einem Propagandaclip (siehe Auftakt zum Video) als «CIA-Agenten». Gemeint ist ein gebrechlicher 83-jähriger Amerikaner, der Orchideen züchtet und dem das Gehen zusehends schwer fällt. Das «Wall Street Journal» aber bezeichnete Gene Sharp als «amerikanischen Revolutionär», die Website «Politico» als «einflussreichste amerikanische Politpersönlichkeit, von der man noch nie gehört hat».

In der westlichen Welt kennen nur wenige den Namen Gene Sharp, hier wird sein Rat auch nicht benötigt. Für Dissidenten in diktatorisch regierten Ländern hingegen ist er eine Quelle der Inspiration, denn Sharp gilt als wichtigster Theoretiker des gewaltlosen Widerstands. Sein knapp 100-seitiges Buch «Von der Diktatur zur Demokratie», das als einziges seiner Werke auf Deutsch erhältlich ist, liefert eine Art Leitfaden zum Sturz autokratischer Regime. Es wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und ist im Internet als Download erhältlich.

Von Serbien nach Ägypten

Seit der Veröffentlichung 1993 haben sich zahlreiche Befreiungsbewegungen dieser Anleitung bedient, in Burma, Vietnam, Simbabwe oder Serbien, wo die Jugendbewegung Otpor 1999 mit Sharps Ideen wesentlich zum Sturz von Slobodan Milosevic beitrug. Seither veranstalten Otpor-Aktivisten Seminare für gewaltfreien Widerstand. Zu den Teilnehmern gehörten auch Mitglieder der ägyptischen «Jugendbewegung 6. April». Rückblickend war der Einfluss von Gene Sharps Thesen während der Proteste gegen Hosni Mubarak unübersehbar.

Der Politikwissenschaftler verfolgte die Ereignisse via CNN in seinem kleinen Backsteinhaus im Osten von Boston, wo die «New York Times» ihn besuchte. Er sei beeindruckt von der friedfertigen Disziplin der Demonstranten, vor allem aber von ihrer fehlenden Angst. «Das kommt direkt von Gandhi», sagte Sharp, «wenn die Menschen keine Angst mehr vor einer Diktatur haben, ist die Diktatur in grossen Schwierigkeiten».

Gewalt provoziert Gewalt

Mahatma Gandhi, der Führer des gewaltlosen Widerstands gegen die britischen Kolonialherrschaft in Indien, stand stets im Zentrum von Gene Sharps Interesse. Geboren wurde er 1928 in Ohio, als junger Mann sass er neun Monate im Gefängnis, weil er die Einberufung in den Korea-Krieg verweigert hatte. Er lehrte an der Eliteuniversität Harvard und gründete 1983 das Albert-Einstein-Institut, benannt nach dem grossen Physiker, der 1951 das Vorwort zu Gene Sharps erstem Buch verfasst hatte.

Den Erfolg seiner Schriften hat Gene Sharp nie erwartet, wie er bereits 2008 dem «Wall Street Journal erklärte. «Ich bin immer noch ein wenig erstaunt», sagte er in seiner bescheidenen Art. Geleitet wird der Wissenschaftler von der Überzeugung, dass der friedliche Protest das beste Mittel gegen repressive Regime ist, nicht aus moralischen Gründen, sondern weil Gewalt zu Unterdrückung führe. «Wer mit Gewalt kämpft, kämpft mit der besten Waffe des Feindes. Man ist dann vielleicht ein tapferer, aber auch ein toter Held.»

«Denkt nach, bevor ihr handelt»

Man hat Gene Sharp auch schon als «Machiavelli der Gewaltlosigkeit» bezeichnet, was durchaus passt. Ähnlich wie der oft als eiskalter Machtpolitiker missverstandene Florentiner Staatsmann aus dem 16. Jahrhundert ist der Amerikaner durch und durch ein Pragmatiker. Eine erfolgreiche gewaltlose Kampagne müsse sorgfältig geplant werden. «Denkt nach, bevor ihr handelt», lautet sein wichtigster Rat an potenzielle Aktivisten. Für die Planung hat er eine Liste von «198 Methoden des gewaltfreien Vorgehens» entwickelt.

Dazu gehören Hungerstreiks, aber auch öffentliche Entkleidungen und die Bereitschaft, sich verhaften zu lassen. Wenn die Untertanen den Gehorsam verweigern, wird jede Diktatur zusammenbrechen, ist Gene Sharp überzeugt. Ein reiner «Schreibtischtäter» ist er dabei nicht. Er verfolgte 1989 die Proteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking vor Ort, und 1992 überquerte er heimlich die Grenze von Thailand nach Burma, wo er ein Rebellencamp im Dschungel besuchte, das von einem amerikanischen Ex-Offizier betrieben wurde. Aus dieser Erfahrung entstand «Von der Diktatur zur Demokratie».

Das Internet fällt ihm schwer

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Sharps Werk spielt sein einstiger Schüler Peter Ackerman, der als Investmentbanker an der Wall Street ein Vermögen gemacht und sein eigenes Zentrum für gewaltfreie Konflikte gegründet hat. Seinem einstigen Lehrer richtet er eine jährliche Rente aus. Gene Sharp, der nie verheiratet war und keine Kinder hat, führt ein bescheidenes Leben. Der Umgang mit dem Internet, das bei den heutigen Protesten eine so wichtige Rolle spielt, fällt ihm schwer. Beim Versenden eines Mails muss er jedes Mal einen Spickzettel zu Hilfe nehmen, den seine Assistentin verfasst hat.

Die erfolgreiche Vertreibung von Hosni Mubarak hat den diskreten Forscher ins Rampenlicht katapultiert. Und vielleicht scheint es bald noch heller: Sharp wird als möglicher Anwärter auf den Friedensnobelpreis gehandelt. Er wäre nicht der unwürdigste Empfänger.