Arabischer Frühling

17. Juni 2011 16:11; Akt: 17.06.2011 17:13 Print

Der Märtyrer, der vielleicht gar keiner war

Der gedemütigte Gemüsehändler Mohamed Bouazizi verbrannte sich in Tunesien öffentlich und löste so die Revolutionen im arabischen Raum aus. Doch seine Geschichte weist Lücken auf.

Die Geschichte von Mohamed Bouazizi (Al Jazeera, YouTube)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Jede Revolution erzeugt ihre Mythen, kreiert Helden. Als sich am 17. Dezember 2010 der Gemüsehändler Mohamed Bouaziz auf dem Markt von Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anschliessend anzündete, löste das kleine Streichholz einen ganzen Flächenbrand aus. Der tunesische Präsident Ben Ali wurde 28 Tage später aus dem Land verjagt, die Ägypter, angestachelt durch die Ereignisse in Tunesien, machten es ihnen Wochen später nach. Libyen, Jemen, Syrien, Bahrain – der Arabische Frühling kam ins Rollen. Eine Ikone des Widerstands gegen korrupte Regierungen war geboren. Laut italienischen Medien gibt es für Bouaziz' Geschichte bereits ein Filmprojekt.

Mohamed Bouazizi wurde von der medialen Welt zum Helden erkoren. Der Selbstmord des 26-jährigen einfachen Mannes wurde für die Medien auf der ganzen Welt zum Protest gegen das autoritäre Regime von Ben Ali. Journalisten hatten ihre symbolträchtige Geschichte. Bouazizi verbrannte sich, weil er sich mit der Regierungsbeamtin des Städtchens Sidi Bouzid darüber stritt, wo er sein Gemüse und seine Früchte verkaufen dürfe. Sie wies ihn zurecht, schikanierte ihn angeblich. Dann schlug ihm die Frau ins Gesicht – eine schlimme Beleidigung in einer patriarchalen Gesellschaft.

Eine andere Version der Geschichte

Eine Journalistin des britischen Observers hat die Regierungsbeamtin kürzlich getroffen. Die 46-jährige Fedia Hamdi musste wegen dieser Ohrfeige am 28. Dezember vier Monate ins Gefängnis. Wohl ein Befehl von oben, um die Randalierer im Land zu beschwichtigen. «Ich fühlte mich wie ein Sündenbock», sagt die städtische Inspektorin zur Reporterin. «Ich habe Bouazizi nie geschlagen. Die Ohrfeige war erfunden», sagte sie.

Hamdis Version der Geschichte unterscheidet sich in kleinen, entscheidenden Details, schreibt die britische Journalistin in Der Freitag. Sie habe ihn nur vom Platz vor dem Stadthaus an einen anderen Ort weggewiesen. Bouazizi sei daraufhin so in Rage geraten, dass sie ein paar Bananen und Paprikas beschlagnahmt habe. Der Händler rannte zur Polizei, dann zum Gouverneur und wurde überall abgewiesen. Dann zündete er sich an - wohl aus Frust. Später im Krankenhaus wurde er von Präsident Ben Ali besucht, begleitet von einem Medientross. Das Bild der beiden ging um die Welt. Ben Ali nützte diese Geste nichts mehr. Er musste ins Exil. Bouazizi soll am 4. Januar gestorben sein.

Viele zweifeln die Geschichte des Märtyrertods an

Am 19. April wurde Hamdi in allen Punkten freigesprochen. Es stellte sich heraus, dass es für die Ohrfeige nur einen einzigen Zeugen gab – einen Strassenhändler, der einen Groll auf die Beamtin Hamdi hegte.

Das Heldenepos über den Gemüsehändler bröckelt. In seiner Heimatstadt Sidi Bouzid zweifeln einige Bürger jetzt sogar an, dass sich Bouazizi absichtlich umbringen wollte. Es sei ein fataler Unfall gewesen, er habe sich nur eine Zigarette anzünden wollen. Ein dummes Missgeschick.

Nach der Freilassung von Hamdi wurden die Fotos vom Gemüsehändler in der Stadt abgenommen, Graffitis mit seinem Namen übermalt. Der Place de Mohamed Bouazizi wieder unbenannt. Anders im Ausland, vor allem in Frankreich. Dort wurden zahlreiche Strassennamen auf Bouazizi geändert. Ein Gewerkschaftsangehöriger hat gegenüber der französischen Zeitung Libération ausgesagt, dass die ganze Geschichte vom angeblich diplomierten und arbeitslosen Hochschulabsolventen Bouazizi erfunden sei. «In der Tat, wir haben uns das alles ausgedacht», so der Mann, der nicht namentlich genannt werden wollte. Bouazizi habe kein Diplom und sei ein unpolitischer Mensch. Das tunesische Bildungsbürgertum mit dem fingierten Diplom und die konservative Landbevölkerung mit der schlagenden Beamtin sollen so zu Protesten gegen das Regime motiviert werden.

Ein zweiter Bouazizi

Unterdessen hat ein Fernsehteam von France 24 enthüllt, dass Bouazizis Facebook-Einträge nach seiner Selbstverbrennung und vor seinem Tod nicht von ihm selber stammen sollen, schreibt BBC Online. Die Gedichte und revolutionären Slogans seien von einem jungen Aktivisten, einem Namensvetter, gepostet worden.


(France 24-Bericht zum falschen Bouazizi)

Die Familie des wahren Bouazizi hat indessen aus dem weltweiten Medienrummel Kapital geschlagen. Für die zahlreichen Interviews wird sie bezahlt. Kritisiert - sicher auch von vielen Neidern - wurde im besonderen, dass die Familie von Ben Ali 10 000 Euro als Entschädigung erhielt. Die Familie ist dank des Geldes in eine schöne Wohnung in La Marsa umgezogen, einem edlen Vorort von Tunis.

Was auch immer vom Heldenepos von Mohamed Bouazizi bleibt, eines hat sich in seiner Heimatstadt Sidi Bouzid geändert. Die Gemüsehändler können ihre Karren nun vor städtischen Gebäuden abstellen. Sie haben keine Angst mehr. «Es ist illegal, aber seit der Revolution behelligt uns niemand mehr», sagte ein Händler.

(kub)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fatima am 17.07.2011 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nach vorne schauen

    Wir werde nie die Wahrheit erfahren wer wo was, das Wichtigste jetzt ist jedoch, dass Tunesien eine Politik einschlägt ohne Korruption. Ich bin skeptisch, dass das gelingt, aber möge das Volk seinen Weg finden......

  • Mazhar am 17.06.2011 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch

    Durch selbstmord wird man kein Märtyrer..

  • Michael Gygax am 19.06.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    distanz

    er wollte sich nur eine zigarette anzünden, genau. und vorher hatte er sich völlig aus versehen mit benzin übergossen. was für ein zufall. vielleicht sollte man diese geschichte noch nicht sofort beurteilen. zuerst muss man eine gewisse distanz dazu gewinnen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fatima am 17.07.2011 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nach vorne schauen

    Wir werde nie die Wahrheit erfahren wer wo was, das Wichtigste jetzt ist jedoch, dass Tunesien eine Politik einschlägt ohne Korruption. Ich bin skeptisch, dass das gelingt, aber möge das Volk seinen Weg finden......

  • ILOVENOUR am 19.06.2011 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Selbstmord kein Märtyrertod

    Da Selbstmord im Islam verboten ist, ist es nicht mit dem Titel "Märtyrertod" vereinbar. Selbstverbrennung und Islam passen schon mal überhaupt nicht zusammen.

    • Wilibald am 18.12.2011 08:11 Report Diesen Beitrag melden

      Und?

      Märtyrertum ist keine exklusivität von Islam

    einklappen einklappen
  • Michael Gygax am 19.06.2011 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    distanz

    er wollte sich nur eine zigarette anzünden, genau. und vorher hatte er sich völlig aus versehen mit benzin übergossen. was für ein zufall. vielleicht sollte man diese geschichte noch nicht sofort beurteilen. zuerst muss man eine gewisse distanz dazu gewinnen.

  • 807687 am 19.06.2011 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt Belege und Hinweise...

    ...dass der Arabische Frühling vom CIA losgetreten wurde. Es begann mit der Ermordung eines einfachen Gemüsehändlers... Nein, das sind keine Verschwörungstheorien. Jene, die das herausbrachten, haben auch die Entwicklung vorhergesagt, wie sie schliesslich eintraf und noch, da bin ich sicher, weiterhin eintreffen wird (Libyen, Syrien, Jemen, Bahrain, usw). Das Wichtigste: Die Nato und die Amis in Libyen. Die Amis werden auch gelegentlich in Syrien mitmischen, es läuft jetzt chon gleich wie bei Libyen. Obama, der Friedensnobelpreisträger braucht dafür kein OK vom Kongress, ist ja kein Krieg!

    • Schläpfer Andreas am 17.12.2011 19:33 Report Diesen Beitrag melden

      Schwachsinn!

      So ein Schwachsinn!Belege und Hinweise?Wo denn? Quelle?Die USA werden auch nicht in Syrien mitmischen. Ganz sicher nicht, aus dem Grund weil Russland und China zu Syrien hält.

    einklappen einklappen
  • will am 19.06.2011 02:28 Report Diesen Beitrag melden

    hach ja

    wär der typ ne frau gewesen, niemand würde wagen an ihrer selbstaufopferung zu zweifeln. wie im iran wo 1000 männer erschossen wurden aber als eine frau erschossen wurde und des gefilmt wurde wurde sie natürlich zur absoluten heldin auf der ganzen welt hochgejubelt