Vom Oligarchen zum Häftling

28. Dezember 2010 11:24; Akt: 28.12.2010 11:53 Print

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Auf dubiose Weise wurde Michail Chodorkowski zum reichsten Mann Russlands. Dann wandelte er sich zum Vorkämpfer für Demokratie. Porträt einer schillernden Figur.

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Michail Chodorkowski als Jukos-Chef im Juli 2003, kurz vor seiner Verhaftung (l.), und bei der Urteilsverkündung im zweiten Prozess am 27. Dezember 2010. (Bild: Keystone)

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Michail Chodorkowski hat in seinen 47 Lebensjahren Höhen und Tiefen durchlebt wie eine Romanfigur Tolstois. In den wilden Jahren nach dem Ende der Sowjetunion kam der Unternehmer auf zweifelhaftem Wege zu seinem Vermögen, strebte auch nach politischer Macht. Doch dann traf ihn die eiserne Faust des Systems unter Wladimir Putin. Nun wird der berühmteste Gefangene Russlands weitere Jahre in Haft verbringen müssen.

Wer nach der Rolle Chodorkowskis im Russland in der Umbruchzeit zwischen Ende der 80er Jahre und seiner Verhaftung 2003 fragt, erhält von Anhängern und Gegnern zwei völlig verschiedene Darstellungen ein und desselben Lebens. Für seine Gegner ist Chodorkowski einer der übelsten Oligarchen der Wendezeit, der auf dubiose Weise in den Besitz des ehemaligen Staatsunternehmens Jukos kam.

Nach dieser Darstellung trug er wesentlich zur Aushöhlung der Regierung bei, stets nur an Macht und Milliardengewinnen interessiert. In den Augen seiner Anhänger ist Chodorkowski jedoch ein brillanter Manager, der den maroden Staatsbetrieb Jukos sanierte und sich in der Folgezeit für eine Demokratisierung des Landes einsetzte.

Jukos-Kauf zum Spottpreis

Chodorkowski studierte zu Sowjetzeiten Chemie und Wirtschaft. Als Funktionär der Jugendorganisation Komsomol experimentierte er mit Erlaubnis des Parteichefs Michail Gorbatschow schon in der Endphase des Kommunismus mit dem Kapitalismus. 1988 gehörte er zu den Gründern einer der ersten Privatbanken Russlands. Anfang der 90er stieg Chodorkowski zum stellvertretenden Minister für Brennstoffe und Energie auf.

1995 erwarb er vom Staat die Mehrheit an Jukos, dem zweitgrössten Ölkonzern des Landes. Obwohl der Wert bereits damals nach Schätzung von Experten schon Milliarden Dollar betrug, zahlten Chodorkowski und seine Partner nur 350 Millionen Euro. Von da an galt der Manager als einer der wichtigsten Oligarchen Russlands.

Während der russischen Finanzkrise 1998 baute Chodorkowski seinen Einfluss geschickt aus. Er erwarb sich eine Reputation als Geschäftsmann mit zurückhaltendem Auftreten, aber einem harten bis skrupellosem Vorgehen. Er machte Jukos zu einem Vorzeigeunternehmen, das dank drastisch gesenkter Produktionskosten hochprofitabel arbeitete und westliche Standards übernahm.

Für Demokratie, gegen Korruption

Chodorkowski forderte eine offene Bürgergesellschaft, engagierte sich mit hohen Summen für soziale und gesellschaftliche Projekte, vor allem mit seiner Stiftung «Offenes Russland». Über die Finanzierung von Parteien nahm er politisch Einfluss, ausserdem prangerte er Korruption im Regierungsapparat an. Spätestens seit Anfang des neuen Jahrtausends war der Oligarch anderen politischen Kräften ein Dorn im Auge.

Ab 2003 versuchte Putin, den Einfluss mächtiger Wirtschaftsbosse zurückzudrängen. Manche Oligarchen unterwarfen sich ihm, andere gingen ins Ausland. Chodorkowski tat nichts davon. Am 25. Oktober 2003 wurde er festgenommen. Im Ausland sorgte der Vorgang für Entsetzen, im Land begrüssten aber viele Menschen ein hartes Vorgehen gegen die Oligarchen - nach Ansicht von Beobachtern wurde an Chodorkowski ein Exempel statuiert.

Der geläuterte Oligarch

Im März 2005 veröffentlichte die Wirtschaftszeitung «Wedomosti» einen Aufsehen erregenden Artikel Chodorkowskis, in dem er Liberalen und Grossunternehmern vorwarf, die Bedürfnisse des Grossteils der Bevölkerung während der Privatisierungsphase ignoriert zu haben. Die «Frankfurter Rundschau» bezeichnete ihn damals als «gefallenen Oligarchen», denn der Text galt als Zeichen der Reue über die Ausbeutung des jungen Staates. In der Folgezeit deutete sich Chodorkowski zum Oppositionellen um. Anhänger sehen in ihm einen Märtyrer, manche gar einen möglichen Präsidenten, sollte er je wieder freikommen.

In einem ersten Prozess wurden Chorkowski und sein einstiger Geschäftspartner Platon Lebedew 2005 wegen Steuerhinterziehung und Betrugs verurteilt, das Strafmass in einem Revisionsverfahren auf acht Jahre Haft festgelegt. Der Jukos-Konzern wurde nach hohen Steuernachforderungen in einem dubiosen Verfahren zwangsversteigert und fiel grösstenteils in die Hände eines staatlichen Ölunternehmens.

Im sibirischen Straflager

Chodorkowski kam in ein Straflager nahe der Grenze zu China. Er wurde von Mitgefangenen angegriffen, kam zwischenzeitlich in Isolationshaft, vorübergehend trat er in den Hungerstreik. Er ertrug alle Strapazen, auch die des mehr als 20 Monate langen zweiten Prozesses. Diesmal klagte ihn die Staatsanwaltschaft wegen Geldwäsche und Unterschlagung an und erreichte einen Schuldspruch.

Chodorkowskis letzte Worte im Verfahren Anfang November wurden zur Abrechnung mit dem politischen System. Er wolle zwar nicht im Gefängnis sterben. «Aber wenn ich das muss, werde ich nicht zögern», sagte Chodorkowski in einem Monolog, wie ihn sich auch ein Shakespeare oder Tolstoi nicht dramatischer hätten ausdenken können: «Die Dinge, an die ich glaube, sind wert, dafür zu sterben. Ich glaube, das habe ich bewiesen.»

(pbl/ap)