François Hollande

05. Mai 2012 13:35; Akt: 07.05.2012 03:18 Print

Der gefährliche Monsieur Durchschnitt

von Peter Blunschi - Lange verspottete man François Hollande als Caramelpudding. Nun hat der vermeintliche «Weichling» an der Urne gesiegt. Die Geschichte eines bemerkenswerten Aufstiegs.

storybild

Das neue Präsidentenpaar? François Hollande mit seiner Freundin Valérie Trierweiler. (Bild: Keystone/AP/Jacques Brinon)

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Hollande, c'est Flamby!» lästerte der Linkssozialist Arnaud Montebourg vor einigen Jahren über seinen damaligen Parteichef. Ein Pudding sei er, oder vielmehr das, was man hierzulande gemeinhin als Caramelchöpfli bezeichnet. Denn darum handelt es sich bei dem vom Nestlé produzierten Fertigdessert, das eigentlich Flanby heisst. Montebourgs Polemik war doppeldeutig gemeint, wie es die Franzosen lieben: Sie zielte einerseits auf François Hollandes Neigung zu Fettpölsterchen, in erster Linie aber auf sein Image als weicher Typ ohne Rückgrat.

Umfrage
Wer soll Frankreich als Präsident regieren?
39 %
32 %
29 %
Insgesamt 1582 Teilnehmer

Spätestens seit der Fernsehdebatte mit Nicolas Sarkozy haben viele ihre Meinung revidiert. Der Präsidentschaftskandidat der Sozialisten präsentierte sich keineswegs als Weichei. Er konterte die Angriffe des Amtsinhabers souverän und ging selber immer wieder in die Offensive. Höhepunkt war Hollandes Monolog, in dem er 15 Mal die Wendung «Moi, Président de la République» verwendete. «Das war das erste Mal, dass sich jemand an einem Flamby die Zähne ausgebissen hat», zitierte Spiegel Online einen Twitter-Kommentar.

Die Spötter sind verstummt. Heute sorgt der Kandidat für ganz andere Schlagzeilen. Als «ziemlich gefährlichen Monsieur Hollande» bezeichnete ihn das britische Magazin «The Economist». Die Wahl des Sozialisten wäre «schlecht für sein Land und für Europa», warnte das Wirtschaftsblatt und zielte damit auf Hollandes umstrittenes Wahlprogramm. Dieses sei «eine sehr armselige Antwort» auf die Reformen, die Frankreich «dringend» benötige. Tatsächlich will Hollande lieber die Steuern erhöhen und den EU-Fiskalpakt aufweichen.

Drei Eliteuniversitäten absolviert

Wie gefährlich aber ist dieser Pudding wirklich? Auf den ersten Blick wirkt der 1954 in Rouen geborene François Hollande wie ein biederer Prokurist. In Sachen Charisma kann es der Sohn eines Arztes, der in der Region Corrèze im südwestlichen Landesinneren verwurzelt ist, nicht mit einem De Gaulle, Mitterrand oder selbst einem Sarkozy aufnehmen. Dennoch trieb er seine politische Karriere zielstrebig voran. Angeblich hatte er schon in jungen Jahren erklärt, er wolle einmal Präsident werden.

Dabei überliess er nichts dem Zufall. Er absolvierte gleich drei jener Eliteuniversitäten, aus denen Frankreichs Polit-Nachwuchs in der Regel rekrutiert wird: die SciencesPo, die Handelsschule HEC und die Verwaltungshochschule ENA. Schon als 20-Jähriger gehörte Hollande zum Wahlkampf-Team seines Vorbilds François Mitterrand. Der Sozialist machte den Jungpolitiker nach dem Einzug in den Elysée-Palast 1981 zum Wirtschaftsberater. Auch seine Lebensgefährtin Ségolène Royal arbeitete im Präsidialbüro.

Als «Monsieur Royal» belächelt

Lange stand François Hollande im Schatten der glamourösen Politikerin, mit der er mehr als 20 Jahre ohne Trauschein zusammenlebte und vier Kinder hat. Als sie vor fünf Jahren für die Präsidentschaft kandidierte, wurde er als «Monsieur Royal» belächelt. Die Beziehung bestand damals jedoch nur noch zum Schein. Nach Ségolène Royals Niederlage gegen Nicolas Sarkozy kam es zur Trennung. François Hollande war bereits damals mit seiner heutigen Partnerin liiert, der 47-jährigen Magazin- und Fernsehjournalistin Valérie Trierweiler.

Als sich Hollande um die Präsidentschaftskandidatur 2012 bewarb, sorgte sie dafür, dass er sein Äusseres aufpolierte, mit korrektem Haarschnitt, schickerer Brille und gut sitzenden Anzügen. Ausserdem speckte der «Flamby» zehn Kilo ab. Dennoch galt er anfangs innerhalb der sozialistischen Partei als Aussenseiter, vor allem wegen seines bescheidenen Leistungsausweises. Er war nie Minister, und während seiner Zeit als Parteichef von 1997 bis 2008 konnten die Sozialisten keine Parlaments- oder Präsidentschaftswahl gewinnen.

Seine Ex, die erneut kandidierte, lästerte öffentlich über ihn: «Können die Franzosen eine Sache nennen, die er in 30 Jahren politischen Lebens geschafft hat?», fragte Ségolène Royal in einem Interview. Doch Hollande machte aus der Not eine Tugend. Er tingelte 2011 durch Frankreich und präsentierte sich bewusst als bescheidener Durchschnitts-Typ, der ein «normaler» Präsident sein wolle. Seine Stunde schlug, als der grosse Favorit Dominique Strauss-Kahn vor einem Jahr Opfer seiner Triebe wurde. In der parteiinternen Vorwahl setzte sich Hollande gegen Royal und die heutige Parteichefin Martine Aubry durch.

Ein pragmatischer Sozialdemokrat

Nun hat der Unterschätzte geschafft, was ihm viele niemals zugetraut hatten. Die Gefahr, die angeblich von ihm ausgeht, dürfte übertrieben sein. Selbst in Berlin, wo man einen Wahlsieg des Sozialisten lange fürchtete, scheint man das so zu sehen, wie die «Süddeutsche Zeitung» mit Berufung auf ein internes Gesprächsprotokoll berichtete. Bei einem Wahlsieg sei der neue Präsident zu einer «pragmatischen Lösung» im Streit etwa über den Fiskalpakt bereit, sollen Mitarbeiter Hollandes der deutschen Regierung versichert haben. Er sei sich bewusst, dass er «gleich zu Beginn seiner Amtszeit harte Wahrheiten» sagen müsse.

Als ehemaliger Mitterrand-Berater hat François Hollande das Desaster miterlebt, das die stramm linke Wirtschaftspolitik von 1981 bis 1983 produziert hat. Er wolle eine pragmatisch-sozialdemokratische Politik betreiben, soll er europäischen Parteifreunden versichert haben. Am Ende gab auch Arnaud Montebourg, den man in der Schweiz durch seine Angriffe auf das Bankgeheimnis kennt, dem Caramelchöpfli seine Stimme.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

An der Realität wird auch Hollande nicht vorbeikommen. Frankreich muss abspecken. Bleiben werden wohl entäuschte Wäher.... – Ezekiel

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Private Banker am 06.05.2012 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Fluchtinstinkt

    Vielleicht sollte man schon mal einen Shuttle-Bus von Paris nach Genf aufstellen damit die reichen Franzosen ihr Geld noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können ^^

    einklappen einklappen
  • Zyniker am 06.05.2012 10:44 Report Diesen Beitrag melden

    Nach den Wahlen

    wird alles besser wie immer, eigentlich gleichgültig wer gewinnt!!!

    einklappen einklappen
  • E.B. am 06.05.2012 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Steuern

    Also 75% Steuern und auf den Rest nochmal 22% Mehwertsteuer beim ausgeben. Naja, solange es "die anderen" betrifft und wir nicht mehr Steuern bezahlen müssen, ist es wohl ok? Illusion zu glauben, dass damit die Steuern von "Normalverdienern" sinken. Diese Reichen haben i.d.R. einen guten Job in internationalen Firmen und können den Arbeitsort und Wohnsitz entsprechend anpassen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alessandro am 07.05.2012 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mit rot wird sicher alles besser...

    wer denkt, dass mit einem neuen Presidenten die marode Wirtschaft in Europa sich zum guten wendet, der lebt nicht in der Realität. Politiker denken in Erster linie an ihrer Wiederwahl in Zeitspannen von wenigen Jahren, was aber Europa braucht sind unabhängige Visionäre die mit leib und seele langfristig diesen Kontinent aus dem Schuldenberg und dem damit verbundenen Schlamassel ziehen.

  • Walter Herger am 06.05.2012 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Renault, Peugeot & Citroën

    Ich hoffe die Französische Autobranche leidet jetzt nicht unter diesem linken Präsidenten!

  • Ezekiel am 06.05.2012 19:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Leben holt alle ein.. früher oder später

    An der Realität wird auch Hollande nicht vorbeikommen. Frankreich muss abspecken. Bleiben werden wohl entäuschte Wäher....

  • E.B. am 06.05.2012 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Steuern

    Also 75% Steuern und auf den Rest nochmal 22% Mehwertsteuer beim ausgeben. Naja, solange es "die anderen" betrifft und wir nicht mehr Steuern bezahlen müssen, ist es wohl ok? Illusion zu glauben, dass damit die Steuern von "Normalverdienern" sinken. Diese Reichen haben i.d.R. einen guten Job in internationalen Firmen und können den Arbeitsort und Wohnsitz entsprechend anpassen.

    • Gigi am 07.05.2012 10:47 Report Diesen Beitrag melden

      z.B.

      in die Schweiz kommen.

    einklappen einklappen
  • Private Banker am 06.05.2012 18:43 Report Diesen Beitrag melden

    Fluchtinstinkt

    Vielleicht sollte man schon mal einen Shuttle-Bus von Paris nach Genf aufstellen damit die reichen Franzosen ihr Geld noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können ^^

    • Mj am 06.05.2012 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Exakt!

      Haha - das hat was! Steuerkrieg vorprogrammiert und bankgeheimnis adieu..

    • Jan Genähr am 06.05.2012 23:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Kommt nicht gut!! 

      Von nun an geht es noch steiler berg ab!

    einklappen einklappen