Fataler Fortschritt

02. März 2011 11:59; Akt: 02.03.2011 12:10 Print

Der grosse Krieg der kleinen Völker

von Daniel Huber - Früher galten sie als Kannibalen, noch heute empfangen sie Besucher teilweise mit einem Pfeilhagel: Ihren härtesten Kampf führen die indigenen Stämme auf den Andamanen aber gegen ihr Aussterben.

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Volk mit ungewisser Zukunft: Jarawa-Mädchen (Bild: Survival)

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Im Januar 2010 starb Boa Senior, die letzte Angehörige des Volkes der Bo. Mit ihrem Tod verschwand wieder eines der indigenen Völker auf den Andamanen, einer Inselgruppe im Golf von Bengalen, die zu Indien gehört. Die Nichtregierungsorganisation Survival International schlägt nun Alarm: Die benachbarten Jarawa könnten als nächste aussterben.

Das Volk der Jarawa, das gegenwärtig noch 300-400 Köpfe zählt, wehrte sich bis 1998 heftig gegen jeden Kontakt zur Aussenwelt. Heute jedoch führt eine illegale Strasse durch ihr Gebiet, die zwar schon 2002 vom Obersten Gerichtshof Indiens verboten, aber von der Regierung nicht geschlossen wurde. Somit ist der Weg frei für Wilderer und Touristen, die in das Reservat der Jarawa eindringen und dabei Krankheiten wie etwa die Masern einschleppen, denen das Immunsystem der Jarawa kaum gewachsen ist.

Wehrhafte Sentinelesen

Die Jarawa leben schon seit ungefähr 60 000 Jahren auf der Inselgruppe. Sie gehören wie die anderen Völker des Archipels zur ethnisch vielfältigen Gruppe der Negritos. Diese meist eher kleinen, dunkelhäutigen Menschen sind möglicherweise in der ersten Auswanderungswelle des modernen Menschen aus Afrika nach Süd- und Südostasien gelangt. Später wurden sie auf dem asiatischen Festland von anderen Ethnien verdrängt. Auf den isolierten Inseln zerfielen die Einwanderer danach in eine Reihe von verschiedenen Völkern.

Bei den Seefahrern, die es sporadisch auf den abgelegenen Archipel verschlug, genossen die Bewohner der Andamanen keinen guten Ruf; man sagte ihnen nach, sie seien Kannibalen. Tatsächlich wurden Schiffbrüchige, die an den Küsten des Archipels strandeten, von den Einheimischen oft getötet. Noch heute empfangen die Sentinelesen auf der Insel North Sentinel Island Besucher mit einem Pfeilhagel. Die Sentinelesen sind das letzte andamanische Volk, das sich seine Unabhängigkeit komplett bewahrt hat und bis heute jeden Kontakt mit der Aussenwelt vermeidet.

Dramatischer Bevölkerungsschwund

Die Feindseligkeit der Sentinelesen ist allerdings nicht unbegründet. Seit die Briten 1789 auf dem Archipel Fuss fassten und dort schliesslich eine Sträflingskolonie einrichteten, ist die Zahl der Ureinwohner dramatisch zurückgegangen. Innerhalb der ersten vier Jahre wurden die Heimstätten der Jarawa nahezu vollständig entvölkert; um 1875 herum standen die indigenen Völker der Andamanen bereits knapp vor dem Aussterben.

Nachdem die Jangil schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwunden sind, existieren heute von den ursprünglich fünf Völkern nur noch vier: die Jarawa, die Onge, die Sentinelesen und die Grossen Andamanesen. Letztere zählten bei der Ankunft der Briten rund 5000 Köpfe und gliederten sich in zehn verschiedene Ethnien, darunter die letztes Jahr ausgestorbenen Bo. 1970 wurden die restlichen Grossen Andamanesen von den indischen Behörden auf Strait Island umgesiedelt; heute gibt es nur noch 52 von ihnen.

Ungewisse Zukunft

Die überwältigende Mehrheit der heutigen Einwohner der Andamanen sind Einwanderer vom indischen oder burmesischen Festland. Es wird nicht zuletzt von ihrem Verhalten abhängen, ob die Ureinwohner noch eine Zukunft haben. Die indischen Behörden haben sich immerhin 2004 zu einer neuen Politik verpflichtet, die dem am meisten gefährdeten Volk – den Jarawa – das Recht auf Selbstbestimmung ihrer Zukunft zuspricht. Dazu gehört, dass der äussere Einfluss auf das Leben der Ureinwohner so gering wie möglich ist. Ob diese Politik wirklich umgesetzt wird und den Untergang der andamanischen Völker verhindern kann, wird sich zeigen.