Wahlen in Ägypten

04. Dezember 2011 21:45; Akt: 05.12.2011 07:58 Print

Der unheimliche Aufstieg der Salafisten

von Kian Ramezani - Die islamischen Fundamentalisten gehen aus den Wahlen als zweitstärkste Kraft hervor. Ein beachtlicher Erfolg für eine Gruppierung, die Politik eben noch als «westlich» verteufelte.

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Ein ägyptischer Salafist protestiert Anfang Mai in Kairo gegen die Tötung von Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden. (Bild: Keystone/Khaled Elfiqi)

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Spektakulär unzuverlässig: Anders lassen sich die Wählerumfragen verschiedener US-Institute im Vorfeld der ägyptischen Parlamentswahlen nicht bezeichnen. Das International Peace Institute und das renommierte Meinungsforschungsinstitut Gallup sahen die Muslimbrüder zwischen 12 und 15 Prozent. Laut inoffiziellen Ergebnissen haben sie in der ersten Runde dreimal so viele Stimmen auf sich vereinen können. Al Jazeera und das ägyptische Al-Ahram Centre for Political and Strategic Studies hingegen sagten den Islamisten – korrekt, wie sich nun herausgestellt hat - zwischen 35 und 46 Prozent voraus.

Einzig Al Jazeera schätzte zudem den grossen Rückhalt der radikalen Salafisten richtig ein, deren gutes Abschneiden – sie kommen auf 20 Prozent – viele Beobachter überrascht hat. Zusammen mit den Muslimbrüdern kämen sie theoretisch auf eine Mehrheit im neuen Parlament und könnten eine Regierung bilden. Saad al-Katani, Generalsekretär der mit den Muslimbrüdern verbandelten Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, dementierte allerdings am Donnerstag Pläne für ein Zusammengehen der beiden Parteien. Die einzige Koalition bestehe mit der elf Parteien umfassenden Demokratischen Allianz, der die Salafisten nicht angehören. Meldungen über eine «islamistische Regierung» tat er als «Erfindung der Medien» ab.

Inhaltlich kaum Berühungsängste

Die Beschwichtigungen der Muslimbrüder sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Die salafistische Al-Nur-Partei war bis im September Teil der Demokratischen Allianz gewesen, gründete dann aber mit anderen islamistischen Parteien ein eigenes Wahlbündnis. Die Salafisten hatten sich bei der Verteilung der Listenplätze übergangen gefühlt. Ihr Entscheid, ohne die Muslimbrüder anzutreten, war angesichts ihres guten Resultats offensichtlich die richtige. Trotzdem zeigt die frühere Allianz, dass inhaltlich keine Berührungsängste zwischen den beiden Kräften bestehen. Ängste vor einer islamistischen Regierung in Ägypten sind daher nicht ganz unbegründet.

Mit ihrer unverhofften Machtoption bemühen sich die Salafisten plötzlich um einen liberaleren Anstrich. Ein Sprecher versicherte etwa am Donnerstag, dass die christlich-koptische Minderheit von ihnen nichts zu befürchten hätte. In anderen gesellschaftlichen Belangen geben sie sich allerdings weniger fortschrittlich: An einer Pressekonferenz im Oktober zum Thema «Die Rolle der Frauen» erklärte einer ihrer Referenten, nur deshalb Kandidatinnen für die Parlamentswahlen aufzustellen, weil es das Gesetz verlangt. «Kein Land wird erfolgreich sein, wenn es von Frauen regiert wird», fügte ein anderer an.

Narrenfreiheit unter Mubarak

Der Erfolg der Salafisten an der Urne entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Eigentlich lehnen sie westliche Erfindungen wie Verfassungen, Parlamente und Politik ganz allgemein ab. Im Gegensatz zu den Muslimbrüdern wurden sie unter Hosni Mubarak kaum verfolgt, eben weil sie keine politischen Ambitionen hegten und damit dem Regime nicht gefährlich werden konnten. Wie die Muslimbrüder konzentrierten sie ihre Ressourcen in wohltätigen Organisationen und erarbeiteten sich so Respekt und Ansehen in den ärmeren Bevölkerungsschichten. Die freien Wahlen erlauben ihnen erstmals, dieses riesige Wählerreservoir anzuzapfen.

Ihr plötzliches Interesse an der früher verschmähten Politik begründen sie mit dem Umstand, dass das neue Parlament auch die 100 Mitglieder der verfassungsgebenden Versammlung ernennen wird. Bei der Ausarbeitung wollen sie sicherstellen, dass Ägypten nicht plötzlich ein laizistischer Staat wie die Türkei wird. Angesichts des sich abzeichnenden Siegs der islamistischen Kräfte ein zunehmend unwahrscheinliches Szenario.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • maria am 04.12.2011 21:49 Report Diesen Beitrag melden

    Vom Regen in die Traufe

    Wir erwarteten Demokartie und haben die Nachfolger von Ben Laden bekommen!

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  • Angela am 05.12.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz Adieu

    Leider gibt es keine Toleranz mehr unter allen Völkern. Egal ob Westen , Ostern, Christen oder dem Islam. Jeder ist sich am nächsten. War immer so, ist immer so und wird immer so bleiben. Jedes Land ist verschieden und ist auch gut so. Die Demokratie mag für uns DIE Lösung sein. Aber wir sollten diese niemandem aufdrängen.

  • Nase Voll am 05.12.2011 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    Für uns ist klar

    keine Urlaube in Ägypten, solange solch menschenverachtende Subjekte die Regierung bilden. Wir fühlen uns auch in Europa wohl.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • C.L. am 06.12.2011 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    Lasst die Länder Fehler machen!

    Unsere Geschichte ist voller Dummheiten und Fehlentscheidungen. Wir haben daraus gelernt und genau dadurch konnten wir uns zu jenem freien Land entwickeln, das wir heute sind. Lasst die Ägypter konservativ-religiös wählen und sehen, was sich daraus für Konsequenzen ergeben! Erst wenn die Regierung gegen bestimmte Volksgruppen (z.B. die Kopten) vorginge, ist es Zeit, diplomatisch zu intervenieren.

  • S.Paulus am 06.12.2011 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Demokratie - Wahn

    wir muessen einfach mal weg in unseren Koepfen von diesem Demokratie ist gut Dogma- und ein bisschen mehr geistige beweglichkeit an den Tag legen. Eigentlich geht es nicht umn Staaten und Regierungformen, sondern darum dass die Menschen genug zu essen haben und eine Perspektive finden. Darum lieber eine gute Diktatur, als eine schlechte Demokratie !

  • wurzel am 06.12.2011 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts gelernt

    Anscheinend müssen auch die Ägypter wie zuvor die Iraner das ganze Leiden und Blutvergiessen einer islamistischen Revolution zuerst über sich ergehen lassen, bevor der Irrweg erkannt wird und das Volk reif für eine säkulare demokratische Ordnung ist.

  • Angela am 05.12.2011 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz Adieu

    Leider gibt es keine Toleranz mehr unter allen Völkern. Egal ob Westen , Ostern, Christen oder dem Islam. Jeder ist sich am nächsten. War immer so, ist immer so und wird immer so bleiben. Jedes Land ist verschieden und ist auch gut so. Die Demokratie mag für uns DIE Lösung sein. Aber wir sollten diese niemandem aufdrängen.

  • Hanibal am 05.12.2011 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Demokratisch gewählt

    Warum ist man verwundert? Die Leute in Ägypten haben diese Parteien demokratisch gewählt. Was ist den nun das Problem? Die Politik dieser Parteien mag uns nicht gefallen. Aber muss sie das? Was passt und denn nicht? Weil sie radikale standpunkte haben? Aber die Leute wollen das.

    • I. IL am 05.12.2011 11:54 Report Diesen Beitrag melden

      Klar

      Aber dann gleichzeitig in Deutschland über ein NPD Verbot nachdenken... Wir im Westen müssen schauen, dass wir uns nicht aus Versehen selbst wegdemokratisieren.

    • Ga3bScH am 05.12.2011 15:37 Report Diesen Beitrag melden

      Augen auf!

      Die Christliche Kopten in Ägypten stellen immerhin 10-15% der Bevölkerung.Das sind 8-10 Millionen. Diese werden jetzt wahrscheinlich noch mehr vom Staat und Regierung unterdrückt. Wir sollten und dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn ganze Völker, Millionen von Menschen unterdrückt werden. Stellt euch doch mal vor, wir würden die Muslimische oder Jüdische Minderheit hier in Europa so unterdrücken. Die Geschichte hat gezeigt, das der Anfang jedes Genozids mit der Unterdrückung begann. So war es beim Völkermord an den Armeniern, an den Juden, in Jugoslawien und auch in Ruanda.

    • Tommy am 05.12.2011 16:08 Report Diesen Beitrag melden

      Grenzen der Demokratie

      Diktatoren wurden auch demokratisch gewählt. Das macht sie aber noch lange nicht akzeptabel! Auch die Demokratie hat Grenzen und zwar dort wo eine anti-demokratische Person/Partei gewählt wird.

    • t.ruther am 06.12.2011 09:48 Report Diesen Beitrag melden

      @ I.IL

      Wir haben uns schon laaaange wegdemokratisiert! Oder wer wurde in der EU noch gewählt? praktisch niemand. Barosso, Rompuy, Lagarde, Monti, Papademos alles Bilderberger die NICHT gewählt wurden! Oder in der USA.. eine zwei Parteien Diktatur. Oder ist Obama WIRKLICH besser als Bush? nüchtern betrachtet..?

    • Thomas am 06.12.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

      wir sind nicht besser

      wir verbieten den Muslimen ja auch ihre Minarette zu bauen.

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