Fall Aschtiani

30. Januar 2011 20:35; Akt: 31.01.2011 15:04 Print

Des einen Freud, des anderen Leid

Die weltweite Aufmerksamkeit hat Sakineh Aschtiani bisher das Leben gerettet. Dissidenten beklagen jedoch, der Fall lenke vom Schicksal anderer Inhaftierter ab.

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Die Anteilnahme am Schicksal Aschtianis ist gross. Gleichzeitig sitzen hunderte Dissidenten in den iranischen Gefängnissen, über die kaum berichtet wird. (Bild: Keystone; Montage: 20 Minuten Online)

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Der Fall der zum Tod durch Steinigung verurteilten Iranerin Sakineh Mohammadi Aschtiani bewegt seit Monaten die Gemüter auf der ganzen Welt. Hollywood-Stars und westliche Regierungen forderten ihre Freilassung, in Europa und Nordamerika gingen die Menschen für sie auf die Strasse. Zwei deutsche Journalisten wurden bei einem Versuch, ihren Sohn im Iran zu interviewen, festgenommen und sitzen seither in Haft.

Die immense Anteilnahme habe seiner Mutter das Leben gerettet, sagte Sajjad Ghaderzadeh einmal und drängte die internationale Gemeinschaft, den Druck auf die iranische Führung aufrechtzuerhalten. Bisher scheint dieses Kalkül aufzugehen, denn Aschtiani ist immer noch am Leben.

Ein erfreuliches Lehrstück über die Macht öffentlichen Drucks? «Ja, aber...», melden sich nun prominente iranische Dissidenten zu Wort, wie die «Washington Post» berichtet. Der Fall Aschtiani absorbiere die ganze Aufmerksamkeit des Westens und lenke so indirekt vom Schicksal vieler inhaftierter Dissidenten ab.

«Nicht zuoberst auf der Prioritätenliste»

«Unsere politischen Gefangenen sind das eigentliche Thema hier», sagte Leili Raschidi, eine bekannte iranische Schauspielerin, die bei der Präsidentschaftswahl 2009 Mahmud Ahmadinedschads Gegenspieler Mir Hossein Mussawi unterstützte. «Ich bin traurig, dass Aschtiani zum Tod verurteilt wurde, aber in der aktuellen Situation in meinem Land steht ihr Fall nicht zuoberst auf meiner Prioritätenliste.»

Andere zeigen sich weniger zurückhaltend und weisen darauf hin, dass Aschtiani tatsächlich schuldig sein könnte: «Warum gibt es einen solchen Fokus auf den Fall einer möglichen Mörderin, wenn es gleichzeitig offensichtliche Fälle der Unterdrückung im Iran gibt?», fragte Fakhrossadat Mohtaschami. Ihr Ehemann Mostafa Tadschzadeh ist ein prominenter Regierungskritiker und befindet sich in Haft. Sinnigerweise endet sein Wikipedia-Eintrag mit der Meldung, er sei am 10. März 2010 freigelassen worden. «Es gibt viele Fälle von Frauen, die hundertprozentig unschuldig sind und trotzdem im Gefängnis sind. Warum liegt der internationalen Gemeinschaft so viel an jemandem, dessen Fall so unklar ist?»

Doppeltes Spiel der iranischen Regierung?

Schahindocht Molaverdi, die früher für die iranischen Regierung arbeitete und heute einer Frauenrechtsgruppe angehört, vermutet, dass sich die iranische Führung dieser ambivalenten Wirkung des Falls Aschtiani durchaus bewusst ist: «Ihr Fall ist eine internationale Angelegenheit geworden, und unsere Regierung spielt mit, indem sie Interviews und Dokumentationen über sie am Fernsehen zeigt. Es ist unklar, ob und - wenn ja - welche Verbrechen sie begangen hat, aber es gibt viele offensichtliche Fälle von unschuldig Inhaftierten, die vom Ausland einfach ignoriert werden.»

Viele im Iran verweisen auf das Schicksal der prominenten Anwältin Nasrin Sotudeh. Sie wurde Anfang Januar unter anderem wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit zu elf Jahren Haft sowie 20 Jahren Berufs- und Reiseverbot verurteilt. Zuvor hatte sie sich mit der Verteidigung von Kinder- und Frauenrechtsaktivisten, regierungskritischen Dissidenten und Journalisten einen Namen gemacht. Zu ihren Mandantinnen zählte auch die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, die inzwischen im Exil lebt. «Sotudeh sollte das Symbol des Schicksals der iranischen Frauen sein», sagte die Schauspielerin Raschidi.

(kri)