Rassismusvorwurf

06. Januar 2017 10:16; Akt: 06.01.2017 10:16 Print

Die «Nafri»-Debatte hält Deutschland in Atem

von Mareike Rehberg - Seit Tagen diskutiert Deutschland den «Nafri»-Tweet der Kölner Polizei. Der Sprachforscher Anatol Stefanowitsch erklärt, warum der Begriff ein Problem ist.

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Strenge Sicherheitsvorkehrungen an Silvester: Ein Polizeifahrzeug steht in der Kölner Fussgängerzone. (31. Dezember 2016) Polizisten umringen am 31. Dezember 2016 vor dem Kölner Hauptbahnhof eine Gruppe von Männern. Die Bundespolizei habe zuvor gemeldet, dass «hochaggressive» Gruppen nach Köln unterwegs seien. Die Polizei habe dann verstärkt Kontrollen durchgeführt. Ein Leser-Reporter schrieb dazu um 21.30 Uhr: «Schon kurz vor 17 Uhr standen 16 Busse der Polizei beim einen Eingang des Hauptbahnhofs in Köln. Inzwischen sind es 20 und mindestens zwei Polizeihelikopter kreisen am Himmel.» In der Silvesternacht 2015 hatten am Kölner Hauptbahnhof überwiegend aus dem nordafrikanischen Raum stammende Täter massive Übergriffe auf Frauen und Diebstahldelikte verübt. (31. Dezember 2015). Zwei Männer wurden für ihre Taten schuldig gesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass ein Iraker am Kölner Dom eine junge Frau gegen ihren Willen geküsst und ihr Gesicht abgeleckt hatte. Die Behörden sollen laut Medienberichten versucht haben, den Begriff «Vergewaltigung» aus einer Polizeimeldung streichen zu lassen: Einsatzwagen vor dem Kölner Hauptbahnhof. (5.1.2015) Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (l.) hatte die Vorwürfe zurückgewiesen, wonach versucht worden sei, die Vorfälle der Silvesternacht in Köln zu verharmlosen. 153 Tatverdächtige der Vorfälle in Köln waren bekannt geworden. (31. Dezember 2015) Zusätzlich zu den Attacken waren in der Menschenmenge auch Feuerwerkskörper gezündet worden. (31. Dezember 2015) Am Tag nach den massenhaften sexuellen Übergriffen und Diebstählen legten Menschen Protestbriefe und Blumen auf Stufen beim Kölner Hauptbahnhof nieder. (1. Januar 2016)

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In Deutschland ist seit der Silvesternacht eine hitzige Debatte um das Wort «Nafri» – eine Abkürzung für nordafrikanische Intensivtäter – entbrannt. Mit einem Interview vom Donnerstag hat der Verkehrsminister Alexander Dobrindt nun noch mehr Öl ins Feuer gegossen.

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Gegenüber der «Passauer Neuen Presse» verwendete der CSU-Politiker den umstrittenen Begriff und sagte: «Die Menschen wollen klare Antworten auf die Frage, wie der Staat bestmöglich für ihre Sicherheit sorgt und sie zum Beispiel vor Nafris schützt.»

Prompt hagelte es Empörung. Der Minister sei «ein rassistischer Hetzer, für den alles Böse aus dem Ausland kommt», sagte Linke-Chefin Katja Kipping der gleichen Zeitung. SPD-Vize Ralf Stegner warf Dobrindt vor, «mit aufgeladenen Begriffen zu zündeln, um Ressentiments zu schüren», und Grünen-Politiker Volker Beck nannte Dobrindts Äusserung «herabwürdigend, beleidigend und ausgrenzend».

Begriff aus der Funksprache

Losgetreten wurde die Debatte durch einen Tweet der Kölner Polizei, für den sich Polizeipräsident Jürgen Mathies kurz darauf nach massiver Kritik entschuldigte.


Rassismusvorwürfe, wie sie etwa von der Grünen-Chefin Simone Peter kamen, wies Mathies allerdings zurück. Ein Facebook-Eintrag des Ex-Polizisten und Mixed-Martial-Art-Profis Nick Hein, der den Ausdruck «Nafri» als Begriff aus der Funksprache verteidigte und die Kölner Polizei in Schutz nahm, wurde über 90'000-mal gelikt und fast 18'000-mal geteilt.

Pauschalisierung und Doppeldeutigkeit

Der deutsche Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hält die «Nafri»-Debatte dagegen für gerechtfertigt. Der Linguist nahm den Begriff für sprachlog.de auseinander und hält die Abkürzung vor allem wegen ihrer Doppeldeutigkeit für gefährlich.

«Der eigentliche Aufreger ist, dass die Polizei ihre eigene Definition nicht zu kennen scheint», sagt Stefanowitsch zu 20 Minuten. Ein «Nafri» bedeute für die Polizei einen nordafrikanischen Intensivtäter, der zwischen 15 und 25 Jahre alt sei und aus Ägypten, Algerien, Libanon, Libyen, Marokko, Syrien oder Tunesien komme. In dem Tweet der Kölner Polizei seien aber klar alle Nordafrikaner gemeint gewesen, denn vor der Überprüfung hätten die Beamten ja nicht wissen können, ob es sich um Straftäter handelte.

Problematisch seien ausserdem die Pauschalisierung und die Unschärfe des Begriffs. Syrer und Libanesen seien etwa keine Nordafrikaner, der Begriff «Nafri» suggeriere die Einheit unterschiedlicher Gruppen einfach aufgrund ihres Aussehens. «Eine präzisere Sprache hätte vielleicht dazu geführt, dass sorgfältiger kontrolliert worden wäre. Dann hätten vielleicht nicht Türken, die in dritter Generation hier leben, stundenlang im Polizeikessel ausharren müssen, statt Silvester zu feiern», ist der Wissenschaftler überzeugt. Sei der Begriff einmal in der Öffentlichkeit etabliert, entwickle er zudem ein Eigenleben und werde von rechten Gruppen instrumentalisiert und mit neuen Bedeutungen aufgeladen.

Wusste Dobrindt, was er sagte?

Den Tweet der Polizei hält der Forscher für unglücklich, glaubt aber nicht, dass dahinter Absicht steckte. «Minister Dobrindt dagegen hat den Begriff sicher nicht unreflektiert verwendet», glaubt Stefanowitsch. Das Wort komme beim rechten Rand gut an und es sei möglich, dass Dobrindt damit ein Signal an potenzielle CSU-Wähler habe senden wollen.

Eine gesellschaftliche Diskussion über den Ausdruck hält Stefanowitsch für notwendig, auch im Hinblick auf künftige polizeiliche Massnahmen. Allerdings, so der Wissenschaftler, sei «die Heftigkeit der Diskussion dem Austausch von Ideen nicht zuträglich».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Karl der Kühne am 06.01.2017 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Goodbye Deutschland

    Hand aufs Herz: Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird am Ende beides verlieren. Und wenn man die Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf, ist das der Anfang vom Ende.

  • namh am 06.01.2017 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?

    Als hätten die Deutschen keine anderen Probleme als wie man die Leute jetzt bezeichnet. Das Ziel war Silvester 15/16 nicht zu wiederholen und das wurde erreicht. Ich denke das sollte man feiern und dann so stehen lassen.

  • Martin am 06.01.2017 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Mann oh Mann....

    Man kann aber auch aus jeder Mücke einen Elefanten machen und auf solchen Unwichtigkeiten herumreiten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus Neumann am 06.01.2017 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    voila

    das ist der Hauptgrund wieso in der EU nichts funz.... man erfindet Probleme, lenkt so von der richtigen Problematik ab und verliert den Blick um was es wirklich geht! Verliert Zeit und es werden Ausgaben generiert und anstatt die Probleme zu lösen ist man mit diesen Hirnge-spinster beschäftigt!

  • Zyniker am 06.01.2017 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine wunderbare Welt...

    ...in der wir doch leben, wenn Politiker aller Couleur tatsächlich nichts Wichtigeres zu tun haben, als über ein einziges Wort debattieren. Allerdings bleibt die Frage offen, ob die Herren Politiker im Hintergrund von islamischem Terror bzw. den Vorfällen am letzten Silvester nicht ganz einfach die Political correctness vorschieben, um von ihrer eigenen offensichtlich eklatanten Ratlosigkeit gegenüber echten Problemen abzulenken...

  • Frank Meier am 06.01.2017 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Darf man das? Darf man überhaupt noch?

    Schön, wenn man die eigentlichen Probleme dahinter verstecken kann.

  • Rico Traminn am 06.01.2017 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Hört doch auf

    Und wem tut man jetzt weh mit dieser Abkürzung ? Wäre es nicht besser solche Attentate zu verhindern statt sich in Wortsetzierungen zu verlieren ? Behörden die solche Subjekte frei rumlassen haben anderes zu tun...

  • Peter Keller am 06.01.2017 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist das Problem?

    So ein Schwachsinn, mir fehlen (fast) die Worte. Da brennt der Dachstock und die überaus Korrekten (die, die den Schreibtischen nie verlassen) verlangen, zuerst die Kerze im Keller zu löschen. Geht es um eine Begrifflichkeit / Bezeichnung / Abkürzung oder um das eigentliche Problem. Im Jahr zuvor hat es in Köln fast ausschliesslich Übergriffe von Menschen dieser 'Volksgruppe' gegeben. Hätten in diesem Jahr vermehrt alte Frauen und Kinder kontrolliert werden sollen?