Wahl in Thailand

30. Juni 2011 21:53; Akt: 01.07.2011 08:16 Print

Die «perfekte Kandidatin»

von Peter Blunschi - Die attraktive Schwester des umstrittenen Ex-Premiers Thaksin hat beste Chancen, erste Regierungschefin von Thailand zu werden - wenn das Militär nicht eingreift.

Yingluck Shinawatra im Wahlkampf. (Video: YouTube/Al Jazeera)
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Noch vor wenigen Wochen war Yingluck Shinawatra nicht viel mehr als die unbekannte kleine Schwester eines ebenso verehrten wie gehassten Mannes. Jetzt hat die 44-Jährige beste Chancen, am Sonntag die Parlamentswahl zu gewinnen und erste Ministerpräsidentin in der Geschichte Thailands zu werden. Ihre Partei Pheu Thai (Für die Thais) liegt in den Umfragen klar in Führung. Mit Hilfe einiger Provinzparteien könnte Yingluck wohl eine Koalition bilden.

Dabei hat die attraktive Frau noch nie ein öffentliches Amt bekleidet. Sie hat in Thailand und den USA Politikwissenschaften studiert und arbeitete danach als Managerin im Telekom-Imperium ihres Bruders Thaksin, der 2006 als Regierungschef auf einer Auslandreise vom Militär gestürzt wurde. Heute lebt er in Dubai im Exil, von wo aus er nach wie vor die Fäden bei der Pheu-Thai-Partei zieht. Es ist kein Geheimnis, dass er es war, der die Nominierung seiner 18 Jahre jüngeren Schwester, die er als «mein Klon» bezeichnete, durchgesetzt hat.

Marionette des Bruders

Für Yinglucks Gegner ist klar, dass sie nicht mehr ist als die Marionette ihres Bruders, dem sie mit einer Amnestie zur Rückkehr in die Heimat verhelfen wolle. Sie bestreitet die Nähe keineswegs. Zweimal pro Woche spreche sie «zur Ermutigung» mit ihm. Ebenso unbestritten ist, dass sie von Thaksins enormer Beliebtheit bei der armen Landbevölkerung im Norden und Nordosten Thailands profitiert. Ihr hatte er während seiner Regierungszeit von 1999 bis 2006 unter anderem zu einer Krankenversicherung und billigen Krediten verholfen.

Und doch wäre es falsch, Yingluck zu unterschätzen. Sie sei «die perfekte politische Kandidatin für das frühe 21. Jahrhundert», schwärmt der ansonsten eher nüchterne britische «Economist». Ihre Jugendlichkeit komme bei der Facebook-Generation gut an, auch verstehe sie es, die Frauen zu mobilisieren. Ihre Modernität unterstreicht sie im Wahlkampf mit dem Versprechen, dass alle Schulkinder einen Gratis-Tablet-Computer erhalten sollen.

Armeechef ermahnt das Volk

Yingluck sei «zu heiss für die Generäle», so der «Economist» in einem Wortspiel, das sich sowohl auf ihr blendendes Aussehen bezieht wie auf die Tatsache, dass sie für das Militär ein «heisses Eisen» darstellt. Die Uniformierten haben in der thailändischen Geschichte mehrfach gegen zivile Regierungen geputscht. Der Populist und Emporkömmling Thaksin ist ihnen besonders verhasst. Armeechef General Prayuth Chan-ocha gelobte in einem Fernsehinterview Neutralität, er ermahnte das Volk aber auch, «gute Leute» zu wählen.

Beobachter interpretieren dies als versteckte Drohung, dass das Militär einen Wahlsieg von Pheu Thai nicht akzeptieren könnte. Dabei ist das «Land des Lächelns» seit dem Putsch gegen Thaksin tief gespalten. Die Eliten des Landes und die Bangkoker Mittelschicht auf der einen und die Thaksin-Anhänger auf der anderen Seite stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ihr militanten Vertreter sind die Gelbhemden und die Rothemden, die sich in den vergangenen Jahren heftige und teilweise blutige Machtkämpfe geliefert haben.

Thaksin will «keine Rache»

Den Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung im Mai 2010, als die Armee das von den Rothemden besetzte Geschäftszentrum von Bangkok gewaltsam räumte. 92 Menschen kamen ums Leben. Eine Rückkehr zur Gewalt scheint jederzeit möglich. Die Parteien allerdings bemühen sich um versöhnliche Töne. Die Entscheidung des Volkes werde respektiert, versicherte der amtierende Regierungschef Abhisit Vejjajiva in einem Interview mit der BBC. Und Thaksin Shinawatra erklärte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», er werde im Fall eines Siegs seiner Schwester «keine Rache nehmen und allen vergeben».