Betancourt-Befreiung

03. Juli 2008 15:27; Akt: 03.07.2008 15:51 Print

Die FARC hat ihre Trümpfe verloren

Die Befreiung von Ingrid Betancourt ist der bislang schwerste Schlag gegen die FARC. Die einst mächtige Guerilla hat in letzter Zeit bereits mehrere Anführer und zahlreiche Kämpfer verloren.

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Die kolumbianische Zeitung «El Tiempo» brachte ihre Begeisterung unverblümt zum Ausdruck: Die Befreiung von Ingrid Betancourt und ihren Mitgefangenen habe der FARC-Guerilla «einen moralischen Tiefschlag ohnegleichen» verpasst, schrieb das Blatt in seinem Kommentar. Die Unterwanderung durch die Behörden zeige, «wie angeschlagen die Bewegung ist, die für ihren undurchdringlichen und geschlossenen Charakter bekannt war».

Die spektakuläre Aktion ist in der Tat nur der letzte in einer Reihe von schweren Rückschlagen, welche die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) in den letzten Monaten einstecken musste. Anfang März kam Raúl Reyes, die Nummer zwei der Organisation, bei einem Bombenangriff auf sein Lager im Nachbarland Ecuador ums Leben. Kurz darauf wurde mit Iván Rios ein weiterer Anführer von seinem Leibwächter für das von der Regierung ausgesetzte Kopfgeld von einer Million Dollar getötet.

Im Mai musste die FARC bekannt geben, dass ihr Gründer und charismatischer Anführer Manuel Marulanda alias Tirofijo im Alter von 78 Jahren gestorben war, angeblich an einem Herzinfarkt. Im gleichen Monat stellte sich Nelly Avila Moreno, eine weitere Kommandantin, den Behörden. Sie war als besonders grausam bekannt, ihr werden mehrere Massaker an der Zivilbevölkerung zur Last gelegt. Nach dem Verlust ihrer wertvollsten Geiseln steckt die Guerilla endgültig in der tiefsten Krise ihrer Geschichte.

Hunderte Kämpfer getötet oder desertiert

Die 1964 von Bauern gegründete, marxistisch orientierte FARC hatte einst rund 17 000 Kämpfer. Heute dürften es weniger als 10 000 sein. Verteidigungsminister Juan Manuel Santos sprach im Januar von 6000 bis 8000 Männern und Frauen. Seither sollen mehrere hundert getötet worden oder übergelaufen sein. Denn die Regierung des konservativen Präsidenten Álvaro Uribe wendet eine Strategie von Zuckerbrot und Peitsche an. Zum einen bedrängt die mit Hilfe der USA hochgerüstete Armee die FARC, zum anderen werden die Kämpfer mit Amnestieangeboten zur Desertion verleitet.

Die FARC und ihr neuer Anführer Alfonso Cano reagieren darauf mit verstärkten Zwangsrekrutierungen auch von Kindern. Sie hat zudem immer noch mehrere hundert Geiseln in ihrer Gewalt (die Angaben divergieren stark). Die meisten hält sie zwecks Erpressung von Lösegeld fest, der wichtigsten Einnahmequelle neben dem Drogenhandel.

Wie stark oder schwach die Organisation heute ist, wird von Experten unterschiedlich beurteilt. Mit der Befreiung von Ingrid Betancourt und den drei Amerikanern aber hat sie «auf einen Schlag alle Trümpfe verloren», so die britische BBC. Präsident Uribe habe nun keinen Grund nachzugeben, weder in den Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch noch bei der Forderung nach einer entmilitarisierten Zone im Südwesten des Landes.

(pbl)