Libyen

26. Februar 2011 08:26; Akt: 21.03.2011 17:17 Print

Die Flagge der Freiheit

von Ronny Nicolussi - Die Flagge der libyschen Regimegegner hat es weltweit in die Medien geschafft. Sie ist ein geeignetes Symbol zur Einigung der Aufständischen.

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Die Regimegegner in Libyen verwenden als Symbol ihres Protestes die Flagge des Vereinigten Königreichs Libyen, das von 1951 bis 1969 unter König Idris I. existierte. Für manche Vexillologen stellen die drei Streifen die drei historischen Provinzen Libyens dar. Der schwarze Querstreifen in der Mitte mit weissem Halbmond und Stern steht demnach für die Kyrenaika, der rote Streifen für Fessan und der grüne für Tripolitanien. Tatsächlich finden sich in historischen Flaggen Anlehnungen, die diese These stützen. So wurde in der Kyrenaika bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine schwarze Flagge mit weissem Halbmond und Stern verwendet. Die Flagge war eine Anlehnung an jene des Osmanischen Reichs, zu dem Libyen bis 1911 gehörte. Auch die grüne Farbe für Tripolitanien ist historisch überliefert. Pierre C. Lux-Wurm hielt in seinem Buch «Les drapeaux de l'islam» fest, dass in Tripolis im 19. Jahrhundert eine Flagge mit fünf grünen und vier weissen, horizontalen Streifen verwendet wurde. Günter Mattern, Chefredaktor des Schweizer Archivs für Heraldik, weiss zudem: «Später war für Tripolitanien eine grüne Flagge mit drei weissen Halbmonden in Gebrauch.» Laut Mattern gibt es aber noch andere Interpretationsmöglichkeiten: «Die vier Farben könnten die Familienfarben der arabischen Kalifen darstellen; schwarz für die Abbasiden, weiss für die Umayyaden, grün für die Fatimiden und rot für die Haschimiten aus Mekka.» Andere Forscher sehen in den vier Farben schliesslich Symbole für Sunniten, Schiiten, Araber und Kurden. Gaddafi hielt von der historischen Flagge nicht viel. Nach seinem Putsch 1969 und der Gründung der «Arabischen Republik Libyen» ersetze er sie mit einer Flagge, die an die damalige Vereinigte Arabische Republik angelehnt war. Ab 1972 änderte Gaddafi das Seitenverhältnis der Flagge und ein Falke kam dazu. Grund war der Beschluss Ägyptens und Libyens einen Staatenbund einzugehen. Im November 1977 änderte der libysche Revolutionsführer die Flagge erneut. Neu bestand sie nur noch aus grünen Farbe. Grund für die Änderung war ein Besuch des damaligen ägyptischen Präsidenten Sadat in Israel gewesen. Den Besuch Empfand Gaddafi als Verrat, weshalb er nicht mehr dieselbe Flagge wie Ägypten haben wollte.

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Auf den wenigen Bildern der Proteste aus Libyen ist sie allgegenwärtig: die Flagge der Regimegegner. Manchmal verkehrt herum, manchmal mit ungenauen Dimensionen, aber immer mit der gleichen Botschaft: das verhasste Gaddafi-Regime mit seiner unifarbenen, grünen Flagge muss weg.

Das Symbol, das die Aufständischen dafür verwenden, ist nicht neu. Im Gegenteil. Es ist die Flagge des Vereinigten Königreich Libyens, das von 1951 bis 1969 unter König Idris I. existierte. Bis vor wenigen Wochen lediglich von monarchischen Exil-Libyern verwendet, hat die Flagge auf den Strassen Bengasis, Tobruks und überall auf der Welt, wo Menschen gegen das Gaddafi-Regime protestieren, innert kürzester Zeit rege Verbreitung gefunden. Mittlerweile weht sie bereits vor mehreren libyschen Botschaften – bisweilen auch vor jener in Bern.

Besinnung auf historische Wurzeln

Damit wiederholt sich in Libyen, was bei politischen Umstürzen immer wieder beobachtet werden kann. Die Besinnung auf historische Wurzeln. Bereits vor dem Zerfall der Sowjetunion schwenkten Menschen auf dem Baltikum Flaggen in ihren historischen Farben. Ähnliche Bilder gab es auch, als die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien im Begriff war auseinanderzubrechen und danach während der Balkankriege.

Dass die Regimegegner sich gerade unter dieser Flagge, die in den letzten vier Jahrzehnten beinahe in Vergessenheit geraten ist, vereint fühlen, ist nicht weiter verwunderlich. Es war die erste des unabhängigen Libyens und die letzte vor den drei Flaggen, die Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi seit seiner Machtergreifung dem Land gab. Und sie hat, je nach Deutung, einen verbindenden Charakter, wie Günter Mattern, Chefredaktor des Schweizer Archivs für Heraldik auf Anfrage von 20 Minuten Online sagt.

Symbole für die Kyrenaika, Fessan und Tripolitanien

Eine einheitliche Erklärung für die Farben der königlichen Flagge gebe es unter Vexillologen zwar nicht. «Eine mögliche Definition ist aber, dass die Flagge aus drei Teilen zusammengesetzt wurde, welche die historischen Provinzen Libyens darstellen sollten», erklärt Mattern. Der schwarze Querstreifen in der Mitte mit weissem Halbmond und Stern stünde demnach für die Kyrenaika, der rote Streifen für Fessan und der grüne für Tripolitanien.

Tatsächlich finden sich in historischen Flaggen Anlehnungen, die diese These stützen (s. Diashow). Andere Theorien wirken indes nicht weniger verbindend. Manche
Vexillologen sehen in den vier Farben Symbole für Sunniten, Schiiten, Araber und Kurden. Andere interpretieren diese als Familienfarben der arabischen Kalifen.

Symbol der Freiheit

Für die Regimegegner dürften solche Definitionsdifferenzen jedoch sekundär sein. Für sie hat die Flagge in den letzten Tagen eine neue Bedeutung erlangt. Sie steht für das Libyen vor Gaddafi. Sie steht für ein Leben ohne Unterdrückung eines verbrecherischen Regimes. Es ist die Flagge der Freiheit.