18. April 2005 18:29; Akt: 18.04.2005 18:30 Print

Die Papstwahl beginnt

Die katholische Kirche wählt den ersten Papst des 21. Jahrhunderts: In der Sixtinischen Kapelle in Rom hat das bisher grösste Konklave zur Wahl des neuen Pontifex begonnen.

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115 Kardinäle aus aller Welt entscheiden in den kommenden Tagen über den Nachfolger von Johannes Paul II. und damit über die Zukunft der Weltkirche mit mehr als einer Milliarde Gläubigen.

In feierlicher Prozession zogen die Purpurträger aus 52 Ländern am Nachmittag vom Apostolischen Palast in die Sixtinische Kapelle mit den prächtigen Fresken Michelangelos.

Noch nie waren so viele Kardinäle zu einem Konklave versammelt. Die Kirchenmänner müssen während der Wahl alle Kontakte zur Aussenwelt einstellen. In der Kapelle haben Mobiltelefone keinen Empfang.

Fernsehkameras aus aller Welt und die Augen von vielen tausend Gläubigen in Rom richten sich nun auf den Schornstein der Kapelle. Weisser Rauch signalisiert die Wahl eines neuen Pontifex.

Ein erster Wahlgang wurde noch am Abend erwartet. Wenn erwartungsgemäss niemand schon bei der ersten Abstimmung die nötige Mehrheit erzielt, gibt es an den folgenden Tagen jeweils vier Abstimmungen.

Kurzes Konklave erwartet

Beobachter in Rom gehen davon aus, dass das Konklave nur wenige Tage dauert. Zunächst ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit von 77 Stimmen notwendig. Wird diese verfehlt, steigt schwarzer Rauch auf. Die Stimmzettel sollen jeweils um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr verbrannt werden.

Nach erfolgreicher Wahl tritt der 265. Papst auf die Loggia des Petersdoms und spricht den Segen «Urbi et Orbi» (Der Stadt und dem Erdkreis). Dazu werden auf dem Petersplatz zehntausende Menschen erwartet.

Ratzinger: Doktrin hoch halten

Mit der prunkvollen Messe «pro eligendo papa» (zur Papstwahl) hatte am Vormittag um 10 Uhr das Zeremoniell zur Wahl des neuen Papstes begonnen. Vor Kardinälen und Würdenträgern aus aller Welt erbat Kurienkardinal Joseph Ratzinger die Hilfe Gottes bei der Entscheidung über den nächsten Pontifex.

Ratzinger erinnerte in seiner Predigt daran, dass sich die katholische Kirche zu Beginn des neuen Jahrtausends in schwieriger Lage befinde. Der Glaube vieler Christen werde durch «derart viele Strömungen, Ideologien und verschiedene Denkweisen» erschüttert.

Die Kirche müsse aber eine «Diktatur des Relativismus» zurückweisen. Zudem stünden die Katholiken vor einer ungewissen Zukunft, da ihre Kirche durch aufkommende christliche Sekten bedroht sei.

Wer angesichts dieser Umstände einen klaren Glauben vertrete, werde aber oft mit dem Etikett eines Fundamentalisten versehen, sagte Ratzinger. Ratzingers Schlüsselrolle im Konklave wurde durch seinen Auftritt als Kardinaldekan bei der Messe im Petersdom erneut unterstrichen.

Weichen für die Zukunft

Mit der ersten Papstwahl des Jahrhunderts stellt die katholische Kirche die Weichen für die Zukunft. Nach dem gut 26-jährigen Pontifikat von Johannes Paul II. geht es auch darum, ob ein Europäer oder ein Lateinamerikaner oder gar Afrikaner an die Spitze gelangt.

Mit Spannung wird erwartet, ob die Wahl auf einen Reformer, einen Bewahrer oder einen Mann der Mitte fällt. Ein klarer Favorit zeichnete sich zu Beginn des Konklaves nicht ab.

(ap)