Im Rückstand

27. Dezember 2010 11:44; Akt: 27.12.2010 13:27 Print

Die Probleme des Westens mit dem Cyber-War

Der Westen will in den nächsten Jahren massiv gegen einen möglichen «Cyber-Krieg», den virtuellen Krieg im Internet, aufrüsten. Die Chinesen haben das bereits.

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Die Armeen rüsten auf – im Cyberspace (Bild: Coulourbox.com)

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Die Kriege der Zukunft könnten nicht mehr mit Drohnen und Gewehren geführt werden, sondern im Internet. Das stellt die Armeen und Geheimdienste vor neue Probleme: «Wir sind noch längst nicht gegen Angriffe aus der Cyber-Welt gerüstet», sagte ein Angehöriger der CIA. Die chinesische Armee sei für das «virtuelle Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts» schon hochgerüstet. Jüngste Untersuchungen hätten ergeben, dass die chinesischen Streitkräfte «Tausende von Militärspezialisten für Attacken bei einem Krieg im Netz vorbereitet haben», erläuterten auch deutsche Geheimdienstler.

In Berliner Verteidigungskreisen wurden Presseberichte bestätigt, dass die Bundesregierung plane, eine neue virtuelle «Verteidigungslinie» aufzubauen. Es soll ein eigenes «Cyber-Abwehrzentrum» eingerichtet werden. Die USA hatten im vergangenen Mai ein neues «Cyber-Command» gegründet, das für die «vierte Dimension der Kriegsführung» zuständig ist. Auch Grossbritannien rüstet nach Darstellung seines Geheimdienstes MI 6 «zunehmend digital auf». Nach Angaben von NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen soll sich das Atlantische Bündnis nicht nur gegen die bisher herkömmlichen militärischen Angriffe zu Boden, in der Luft und auf dem Wasser, sondern auch gegen Attacken über das Internet gemeinsam verteidigen.

NATO wappnet sich gegen «Cyber-War»

Die NATO hatte auf ihrem Gipfel von Lissabon im November zum ersten Mal den «Cyber-War» in ihr strategisches Konzept aufgenommen. Sie entschied, dass zu den neuen Bedrohungen neben dem Terrorismus und der wachsenden Fähigkeit von Staaten zur Nutzung ballistischer Raketen auch Internetangriffe auf strategische Netze gezählt werden müssen. Zum Bedauern von Militärs im NATO-Hauptquartier in Brüssel hat das Bündnis aber nicht die Frage des «Bündnisfalles» im Fall des «Cyber-Krieges» geklärt. Das neue NATO-Strategie-Konzept beschränkt die «Artikel-5-Option» auf militärische und terroristische Angriffe.

Für Attacken auf Computernetze beispielsweise der Energieversorgung eines der 28 NATO-Mitglieder soll der «Bündnisfall» noch nicht gelten. «Wir müssen schnellstens eine Definition für den Cyber-Krieg erarbeiten», sagten hohe Generäle dapd in Brüssel. Bei den Terrorangriffen am 11. September 2001 auf die Twin Towers in New York hatte die NATO erstmals den «Bündnisfall» ausgerufen. Nach Artikel 5 des NATO-Vertrages wird ein Angriff auf ein Mitgliedsland des Bündnisses als Attacke auf die gesamte NATO betrachtet und wird dann auch gemeinsam abgewehrt. Die Allianz-Partner können mit allen Mitteln ihrer Wahl reagieren.

Als erster «Cyber-War» gelten die Angriffe im Frühjahr 2007 auf die estnischen Internet-Server. Auf sie ging drei Wochen lang aus dem «Cyberspace» ein Flächenbombardement nieder. Alle Computersysteme von zivilen und staatlichen Einrichtungen wurden lahmgelegt. Ganz Estland war im Ausnahmezustand. Die Angreifer brachten alle estnischen Internet-Adressen unter ihre Kontrolle und liessen massenhaft Spam-Mails herabregnen. Das Chaos war komplett, als die Attacken auch alle Notrufnummern ausgeschaltet hatten. Ausgelöst hatte die Katastrophe eine Anordnung der estnischen Regierung, ein ehemals sowjetisches Kriegerdenkmal aus dem Zweiten Weltkrieg vom Zentrum der Hauptstadt Tallinn an deren Peripherie zu verlegen. Als Drahtzieher der Angriffe «aus Rache» wurde Russland vermutet. Moskau schwieg.

Die NATO nahm den gravierenden Vorfall zum Anlass, in Estland ein Hauptquartier einzurichten, das als «Testfeld» gegen Internetkrieger arbeitet. In der Einrichtung werden ständig internationale Fallübungen veranstaltet und Personal für die Abwehr von Attacken in der virtuellen Computerwelt ausgebildet. Oberst Ilmar Tamm, der Leiter des NATO-Cyber-Verteidigungszentrums in Tallinn, erklärte, Aufgabe seiner Militärspezialisten sei es nicht, die IT-Probleme westlicher Länder zu lösen. Das Zentrum soll untersuchen, wie die Digitalisierung die Arbeit des Militärs im Zeitalter eines möglichen Cyber-Angriffs, bei dem alle Verbindungen eines Staates intern und extern ausgeschaltet werden können, verändert.

(ap)