Mord im Konsulat

17. Oktober 2018 15:17; Akt: 17.10.2018 15:17 Print

Die Saudi-Version bröckelt – wegen Männern wie ihm

Kronprinz Mohammed «bestreitet absolut» jede Kenntnis von den Vorgängen im Konsulat in Istanbul. Es spricht einiges dafür, dass diese Verteidigungslinie in sich zusammenbricht.

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«Es ist sehr traurig»: US-Präsident Donald Trump. (18. Oktober 2018) Türkische Ermittler haben die Suche nach Spuren des vermissten saudischen Regimekritikers Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat sowie in der Residenz des Konsuls abgeschlossen . Die Einheiten, begleitet von saudiarabischen Beamten, hatten das Haus des Konsuls am Mittwochnachmittag betreten. Die Suche dort habe neun Stunden gedauert Danach seien die Teams noch einmal in das nahe Konsulat gegangen. Dieses war in der Nacht auf Dienstag schon einmal durchsucht worden. Zu Ergebnissen der Suche gab es zunächst keine Angaben. Auf Aufnahmen von Überwachungskameras vom Flughafen in Istanbul ist Salah Muhammad al-Tubaigy auszumachen. Der Chef-Forensiker des nationalen Sicherheitsdepartements hat gemäss der «New York Times» einen führenden Posten im saudischen Innenministerium inne. Gerichtsmediziner Al-Tubaigy soll die Leiche von Jamal Khashoggi auf einem Pult im Konsulat mit einer Knochensäge zerstückelt haben, wie türkische Medien unter Berufung auf Audioaufnahmen aus dem Konsulat berichten. Auch Maher Abdulasis Mutreb ist bei seiner Ankunft in Istanbul auf Aufnahmen von Überwachungskameras vom Flughafen auszumachen. Mutreb arbeitete 2007 als saudischer Diplomat in London, bevor er .... .... immer häufiger Kronprinz Mohammed auf dessen Reisen begleitete – was Fotos ... ... diverser Staatsbesuche dokumentieren. Diese Nähe zum Kronprinzen lässt es unwahrscheinlich wirken, dass Mutreb ohne dessen Wissen nach Istanbul geflogen ist. Die «New York Times» hat in der angereisten Saudi-«Delegation» auch mindestens neun Männer ausgemacht, die für saudiarabische Sicherheitsdienste, die Armee oder Ministerien arbeiten. US-Aussenminister Mike Pompeo hat am Mittwoch in Ankara den Fall des verschwundenen saudiarabischen Journalisten Jamal Khashoggi erörtert. Direkt nach seiner Ankunft am Flughafen in Ankara traf er dort ... ... den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der US-Aussenminister hatte zuvor mit dem saudiarabischen König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman gesprochen. Saudiarabien habe ihm eine «vollständige» Untersuchung zugesichert, bei der niemand verschont werden solle, sagte Pompeo. Am Dienstag, 16. Oktober, durchsuchte die türkische Polizei das saudiarabische Konsulat. Uniformierte Polizisten und Beamte in Zivil fuhren mit mehreren Fahrzeugen vor und betraten umgehend das Gebäude. Die Ermittler suchten vor allem nach DNA-Spuren des verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi. Die Ermittler erhoffen sich dadurch Aufklärung um den Verbleib des saudischen Regimekritikers. Der türkische Fernsehsender TV 24 veröffentlichte Bilder einer Überwachungskamera, die Khashoggi beim Betreten des Konsulats zeigen sowie ... ... einen schwarzen Van, der zwei Stunden später das Gebäude verlässt. Danach fuhr das Auto zur nahe gelegenen Residenz des Konsuls. Auf den Überwachungsvideos ist Khashoggis Verlobte zu erkennen, wie sie stundenlang und zunehmend nervös vor dem Konsulat wartet. Die regierungsnahe Zeitung «Sabah» veröffentlichte die Namen, Geburtsdaten und Fotos von 15 Männern, die sie als Mitglieder des angeblichen «Anschlagsteams» bezeichnete. Die Fotos stammten demnach von der Passkontrolle am Istanbuler Atatürk-Flughafen und der Rezeption eines Luxushotels, in dem die Saudiaraber nach ihrer Ankunft eincheckten, ohne dort aber die Nacht zu verbringen. Stattdessen kehrten sie bereits am gleichen Abend in Privatjets über Dubai und Ägypten nach Saudiarabien zurück. «Hürriyet» berichtet zudem, neun der Saudiaraber hätten in Istanbul Koffer gekauft, diese aber beim Abflug nicht mitgenommen. Khashoggi war im September 2017 aus Furcht vor einer Festnahme in die USA ins Exil gegangen, wo er unter anderem für die «Washington Post» schrieb. Der Saudi ging ins Konsulat in Istanbul, weil er dort Papiere für seine Hochzeit mit einer Türkin abholen wollte. Er schlug Sicherheitsbedenken aus: «Die Saudis können mir in der Türkei nichts anhaben.» Die türkische Polizei geht davon aus, dass Khashoggi in dem Konsulat ermordet wurde. Nach Angaben türkischer Offizieller zeigen Videoaufnahmen, dass Khashoggi das Konsulat betreten, aber nicht mehr verlassen hat. Die saudische Seite erklärte dagegen, Khashoggi sei erst nach dem Besuch in dem Konsulat verschwunden. Khashoggi ist ein Veteran des Journalismus in Saudiarabien. Wegen seinen kritischen Artikel eckte er bei der Führung immer wieder an. Nachdem er vergangenes Jahr in die USA ins Exil gegangen war, schrieb er Meinungsbeiträge für die «Washington Post» und den britischen «Guardian». In seinen Artikeln kritisierte er immer wieder die Politik von Kronprinz Muhammad und die saudiarabische Militärintervention im Jemen. Am Montag, 8. Oktober, kam es zu Protesten vor dem saudiarabischen Konsulat in Istanbul. Nach Khashoggis Verschwinden haben die türkischen Behörden einem Medienbericht zufolge die Durchsuchung des saudiarabischen Konsulats in Istanbul gefordert. Riad hat dem zugestimmt. Man habe nichts zu verbergen.

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Agenten hätten auf eigene Faust gehandelt, als sie den saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat von Istanbul verschleppten, verhörten und dabei «versehentlich» töteten.

So lautet die Version des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, kurz MbS. Diese Version tischte er dem US-Präsidenten Donald Trump auf, und es ist auch diese Version, auf die sich ein erwarteter offizieller Ermittlungsbericht aus Riad stützen könnte. Nur weist diese Version einige Widersprüche auf.

Personen aus dem engeren Umfeld des Kronprinzen

So haben die «New York Times» oder die «Washington Post», für die Khashoggi mitunter schrieb, mit Software zur Gesichtserkennung, einer Datenbank mit saudiarabischen Handy-Nummern, öffentlich gewordenen saudiarabische Regierungsdokumenten, Zeugenaussagen und türkischen Medienberichten Folgendes nachweisen können: Mitglieder der «Delegation», die am Tag von Khashoggis Verschwinden aus Riad in Istanbul angekommen waren, sind eindeutig dem engeren Umfeld von Kronprinz Mohammed zuzurechnen. Einige von ihnen haben dabei eine so hohe Position inne, dass nur eine noch höher stehende Person ihnen habe Aufträge erteilen können, folgern die beiden Zeitungen.

In der angereisten Gruppe findet sich etwa Maher Abdulasis Mutreb. Er arbeitete 2007 als saudischer Diplomat in London, bevor er immer häufiger Kronprinz Mohammed auf dessen Reisen begleitete – was Fotos diverser Staatsbesuche dokumentieren. Diese Nähe zum Kronprinzen lässt es unwahrscheinlich wirken, dass Mutreb ohne dessen Wissen nach Istanbul geflogen ist.

Ein Pionier auf dem Gebiet Schnellautopsien

Auf Aufnahmen von Überwachungskameras vom Flughafen in Istanbul ist auch Salah Muhammad al-Tubaigy auszumachen. Al-Tubaigy soll Khashoggi bei lebendigem Leib mit einer Knochensäge zerstückelt haben, wie türkische Medien unter Berufung auf Audioaufnahmen aus dem Konsulat berichten.

Der Chef-Forensiker des nationalen Sicherheitsdepartements hat gemäss «New York Times» einen führenden Posten im saudischen Innenministerium inne. Er ist Mitglied der Saudi Association für Forensic Pathology und gilt als Pionier auf dem Gebiet mobile und schnelle Autopsien. Von ihm stammen auch zahlreiche Berichte und Studien über das Sammeln von DNA-Spuren und das Zerlegen menschlicher Körper.

Die «New York Times» hat in der angereisten Saudi-«Delegation» auch mindestens neun Männer ausgemacht, die für saudiarabische Sicherheitsdienste, die Armee oder Ministerien arbeiten.

«Saudis wären extrem naiv»

Kronprinz Mohammed hat gemäss US-Präsident Donald Trump jede Kenntnis von den Vorgängen im Konsulat in Istanbul «absolut bestritten». Sollten die Angaben der «New York Times» und «Washington Post» sich aber bewahrheiten, bricht diese Verteidigungslinie sich zusammen.

«Die türkischen Anschuldigungen zu Khashoggis Tod basieren grösstenteils auf Material des türkischen Geheimdienstes», schreibt die «New York Times». Dieser geniesse unter westlichen Geheimdiensten einen sehr guten Ruf. «Der türkische Geheimdienst ist sehr fähig, gerade was die innere Sicherheit und Bedrohungslage angeht», bekräftigt ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter. «Es wäre extrem naiv, wenn die Saudis denken, dass sie in Istanbul mit so einem Mord davonkommen.»

(gux)