IS-Terror

10. Januar 2016 23:08; Akt: 11.01.2016 07:38 Print

Die Schwulenszene im Kalifat

Mit brutalen Hinrichtungen inszeniert der IS seinen Hass auf Schwule – während seine Offiziere Sex mit Männern haben.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat einen 15-Jährigen vom Dach eines Hochhauses in den Tod geworfen. Er habe eine homosexuelle Beziehung zu einem hohen IS-Offizier namens Abu
Zaid al-Jazrawi gehabt – ob im gegenseitigen Einvernehmen ist nicht klar, einige Quellen sprechen von Vergewaltigung.

Die öffentliche Exekution in der syrischen Stadt Deir al-Zor ist laut «Independent» nur einer von mindestens 25 Fällen, in denen der IS in Syrien Schwule durch Steinigung, Kopfschuss oder den Stoss vom Dach eines hohen Gebäudes getötet hat.

Traditioneller Missbrauch

Kurios am jüngsten Fall ist, dass der mutmassliche Vergewaltiger al-Jazrawi verschont wurde. Laut dem US-Portal «Daily Beast» liess ihn die IS-Führung auspeitschen und schickte ihn dann an die Front im Nordwesten des Iraks – obwohl ihn das Scharia-Gericht in Deir al-Zor zuvor zum Tode verurteilt hatte.

Dass der Vergewaltigte getötet wurde, während der Vergewaltiger verschont blieb, könnte kulturelle Gründe haben, sagt der homosexuelle Syrer Subhi Nahas, dem selbst vor einem Jahr die Flucht aus Syrien in die USA gelang: «Schon vor der Entstehung des Islam gab es die Tradition, dass sich erwachsene Männer mit vorpubertären Jungen und Zwittern amüsierten», so Nahas zu «Daily Beast». Auch nachdem sich der Islam etabliert hatte, wurde solcher Missbrauch weiter praktiziert.

Vergewaltiger gelten als männlich

Im Fall des getöteten 15-jährigen Jungen könnte der Offizier al-Jazrawi von seinen Kollegen beim IS Schutz erhalten haben, mutmasst Nahas: «Vielleicht denken sie: ‹Er ist wichtig für uns. Wir können ihn nicht umbringen, aber wir brauchen einen Sündenbock – den Jungen.›»

Der Bub sei dafür bestraft worden, dass er vergewaltigt worden sei, sagt auch Michael Luongo, Autor des Buchs «Gay-Reisen in die Muslimische Welt»: «Der Fall zeigt die Scheinheiligkeit des IS. Und dass es in Teilen des Nahen Ostens und in gewissen Kulturen geduldet wird, wenn man der penetrierende Part beim Sex unter Männern ist– weil das nicht als unmännlich angesehen wird.»

Berichte über hochrangige Schwule beim IS

Der IS toleriere Sex unter Männern, solange der aktive Part einen gewissen Status habe, so Nahas, der sich heute bei der Organisation für Flucht, Asyl und Migration (ORAM) für die Rechte Homosexueller einsetzt. «Sie wissen, dass sie nicht verfolgt werden, wenn sie nur hoch genug in der Hierarchie stehen.» Es gebe Berichte von Männern in höheren Rängen innerhalb der Terrormiliz, die Sex mit Männern hätten. Auch sei eine Website mit kompromittierenden Bildern von IS-Kämpfern aufgetaucht – bestätigt ist deren Echtheit allerdings nicht.

In einigen Fällen schlossen sich schwule Männer auch dem IS an, um sich selbst und ihre Familien zu schützen. Manche denunzierten andere Gays, um nicht in Verdacht zu geraten, selber homosexuell zu sein. Andere zeigten ehemalige Sexualpartner an, weil sie denken, das Richtige zu tun.

Homophobie nimmt in ganz Syrien zu

Nicht nur der IS und andere Islamisten verfolgen Nicht-Heterosexuelle in Syrien, sondern auch das Regime und sogenannte gemässigte Rebellen. Laut ORAM-Mitarbeiter Nahas eskaliert der Hass gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender in der ganzen syrischen Gesellschaft.

(20M)