Hasna Aitboulahcen

19. November 2015 12:49; Akt: 24.11.2015 11:05 Print

Die Terroristin, die ein Party-Leben führte

Hasna Aitboulahcen ist die erste Selbstmordattentäterin Europas. Die Cousine des Drahtziehers der Anschläge in Paris war als Frau bekannt, die gerne feierte.

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In der Morgendämmerung des Mittwochs stürmte die Raid-Spezialeinheit eine Wohnung im Pariser Quartier Saint-Denis. Drinnen waren mehrere Männer, die an den Terror-Attacken beteiligt gewesen sein sollen. Und zwei Frauen. Eine davon war Hasna Aitboulahcen.

Die junge Frau trug eine Sprengstoffweste. Auf einem Amateur-Video sind zuerst Schüsse zu hören. Dann ruft ein Polizist ihr zu: «Wo ist dein Freund?» Sie schreit verzweifelt zurück: «Er ist nicht mein Freund.» Wieder fallen Schüsse. Als die Polizisten sie in die Enge treiben, drückt Hasna Aitboulahcen den Zünder.

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Damit hat sie eine neue Ära eröffnet: Hasna Aitboulahcen gilt als erste Selbstmordattentäterin in Westeuropa. Wer ist die «Kamikaze-Frau», wie Attentäterinnen in Frankreich genannt werden? Inzwischen ist bestätigt, dass Hasna Aitboulahcen die Cousine von Abdelhamid Abaaoud ist, dem Drahtzieher der koordinierten Attacke auf Paris. Sie soll ihm auch Unterschlupf geboten haben. Er starb ebenfalls beim Einsatz in Saint-Denis.

Partygirl, das auf niemanden hörte

Was Medien weiter über die 26-Jährige berichten, klingt allerdings weniger nach einer radikalislamischen Jihadistin als vielmehr nach einer jungen Frau, die ein durchaus weltliches Leben führte. Gemäss «Daily Mail» beschrieben Freunde sie als extrovertiertes Partygirl, das gerne rauchte und Alkohol trank sowie diverse Männerbekanntschaften pflegte.

Ihr Bruder Youssouf Aitboulahcen habe sie als Frau beschrieben, die kein Interesse an Religion hatte, niemals den Koran las und erst seit kurzem einen Schleier trug. «Sie lebte in ihrer eigenen Welt», zitiert «Daily Mail» den Bruder. Sie habe permanent Whatsapp und Facebook genutzt. Sie habe seine Ratschläge ignoriert und ihm gesagt, er sei nicht ihr Vater oder Ehemann, also solle er sie in Ruhe lassen. Ein Bild, das sie offenbar nackt in der Badewanne zeigt, untermauert den Eindruck einer nicht streng religiösen Frau.


«Vom Jihad besessen»

Die Selbstmordattentäterin wurde 1989 in Clichy-la-Garenne geboren, hatte marokkanische Wurzeln und den französischen Pass. Ihre Eltern kamen 1973 nach Frankreich. Sie war Leiterin einer Baufirma, die 2012 in Konkurs ging. Damals war Hasna Aitboulahcen im Dorf Creutzwald an der Grenze zu Deutschland gemeldet. Anwohner beschreiben sie gegenüber der Zeitung «Le Républicain Lorrain», als «ein bisschen verpeilt». «Sie hat Alkohol getrunken. Wir haben sie die Cowboy-Frau genannt, weil sie immer einen grossen Hut trug.»

Laut ihrem Bruder wurde Aitboulahcen in mehreren Pflegefamilien gross, ihre Eltern trennten sich früh. Er selbst habe nur sporadischen Kontakt zu seiner Schwester gehabt, da sie nie zusammen wohnten. «Sie war schon in sehr jungen Jahren ein Opfer von Gewalt – misshandelt und zurückgewiesen. Sie bekam nie die Liebe, die sie brauchte», zitiert «Daily Mail» den Mann. Sie habe ein Lebensprojekt nach dem anderen gehabt.

Wann und wo Hasna Aitboulahcen sich zu radikalisieren begann, ist unbekannt. Doch sie war Polizei, Justiz und Nachrichtendienst schon vor längerer Zeit aufgefallen. Sie sei «vom Jihad besessen» gewesen, sagt Polizei-Experte Jean-Michel Decugis. «Sie wollte seit Jahren in den Jihad ziehen.»

«Ich werde nach Syrien gehen, inschallah!»

Am 11. Juni veröffentlichte Hasna Aitboulahcen ein Foto von sich in den Social Media. Darunter schrieb sie laut «La Dernière Heure»: «Ich werde bald nach Syrien gehen, inschallah, ich werde bald in die Türkei reisen!»

So weit kam es allerdings nicht. «Sie konnte nie nach Syrien oder in den Irak reisen, aber sie hat ihre Dienste angeboten, um Anschläge in Frankreich durchzuführen», sagt Decugis. Im August veröffentlichte sie das Foto, das sie im Niqab zeigt. Anfang September postete sie ein letztes Bild: Es zeigt ein Paar rosa Boxhandschuhe.

(hal)