Ebola in Westafrika

11. Oktober 2014 23:54; Akt: 11.10.2014 23:54 Print

Die Waisen von Monrovia

von Krista Larson, AP - In Westafrika macht der Ebola-Virus Tausende Kinder zu Waisen. Aus Angst vor Ansteckung werden sie gemieden und bleiben in verseuchten Häusern zurück.

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Zuerst wurde Promise Coopers Mutter krank. Sie klagte über Kopfschmerzen und hohes Fieber. Drei Tage später starb sie auf dem Weg ins Krankenhaus in Monrovia, der Hauptstadt Liberias. Einen Monat darauf zeigte der Vater die gleichen Symptome. Als auch ihr kleiner Bruder Success zunehmend apathisch wurde, wusste die 16-Jährige, dass es sich nicht um Malaria handeln konnte. Mindestens 3700 Kinder haben nach Unicef-Angaben in Liberia, Guinea und Sierra Leone einen oder beide Elternteile durch Ebola verloren.

Bis Mitte Oktober erwarten Experten eine Verdopplung dieser Zahl. Über Ebola hatte Promise im Radio gehört. Wenn sie ihren Vater pflegte, wusch sie sich sofort danach die Hände. Ihre drei mittleren Geschwister schickte sie zum Spielen nach draussen. Trotz allem schien der Kampf aussichtslos. Promise musste verzweifelt zusehen, wie die siebenköpfige Familie zerfiel. Mit gerade einmal fünf Monaten starb der kleine Success, gegen Ebola konnte er trotz seines hoffnungsvollen Namens nichts ausrichten. Als ein Krankenwagen die Leiche holte und gleichzeitig den kranken Vater mitnahm, zeigte auch der elfjährige Emmanuel Junior Ebola-Symptome. Auch er verschwand im Krankenwagen.

Niemand sieht nach dem Rechten

Die Nachricht verbreitete sich durch die liberianische Hauptstadt wie der tückische Virus selbst: Die Coopers hatten Ebola. Niemand kam, um nach dem Rechten zu sehen, nicht einmal die Grosseltern. Normalerweise findet sich in Liberias grossen, tief religiösen Familien immer irgendwo ein Platz für ein Kind, das seine Eltern verloren hat. Doch Ebola und die Angst vor Ansteckung und Tod lösen diesen Zusammenhalt auf.

Promise war nun allein mit dem 15-jährigen Benson und der 13-jährigen Ruth. Ein Onkel brachte ein bisschen Geld vorbei, doch aus Angst vor Ansteckung wollte er keinen berühren. Wo immer sich die Kinder setzten, versprühten die Leute hinterher Desinfektionsmittel. Wollten sie etwas einkaufen, wurden sie nicht bedient. Beim Wasserholen machten die Frauen Umwege, um nicht bei den Coopers vorbei zu kommen. «Warum wollt ihr nicht mit mir reden?», fragte Promise schluchzend.

«Warum, Gott, will keiner uns besuchen? Wir sind doch auch Menschen.» Mit dem Geld eines Cousins nahmen sie ein Taxi zur Ebola-Klinik, um ihren Vater zu suchen. Nach endlosem Warten vor den stacheldrahtbewehrten Mauern erfuhren die Kinder durch einen Wachmann vom Tod ihres Vaters. Ob ihr Bruder noch lebte, konnte keiner sagen. Die Mädchen brachen schluchzend zusammen.

Bruder Emmanuel überlebte

Doch dann hatten sie Glück: Kanyean Molton Farley, ein engagiertes Gemeindemitglied, nahm sie unter seine Fittiche. Hungrig und mittellos wäre die 16-jährige Promise sonst Männern schutzlos ausgeliefert. Und noch einmal war das Schicksal gnädig: Unter Fotos von Ebola-Überlebenden erkannten die Geschwister im Fernsehen ihren Bruder Emmanuel. «Das ist er!», rief Promise. Zusammen mit Farley holte sie Emmanuel nach Hause.

Dann bekam Ruth Fieber. Promise wandte sich verzweifelt an Farley. Da wegen der Sperrstunde bis zum Morgen kein Krankenwagen fuhr, teilten die Kinder im einzigen Schlafraum mit Matratzen eine provisorische Quarantänezone ab. Am nächsten Morgen waren Promise und die Brüder allein. Statt auf dem Fussboden schliefen sie nun im Bett ihrer Eltern. In manchen Nächten weinten die Jungen aus Sehnsucht nach der Mutter. Promise konnte sie nicht trösten: «Ich sagte ihnen, Ma und Pa sind nicht mehr da, und wir müssen uns jetzt auf unser Leben konzentrieren.»

Auch Ruth geht es besser

Vor ein paar Wochen kam ihre Tante Helen Kangboals, die erste Verwandte seit Monaten. Sie ass ein bisschen Reis mit Nichte und Neffen, doch nun wird auch sie gemieden. Wieder kommen will sie trotzdem: «Ich muss kommen, weil alle sie aufgegeben haben», sagt die Frau beim Stillen ihrer einjährigen Tochter Faith. «Ich muss den Mut haben, zu kommen.»

Wie zuvor ihr Bruder überlebte auch Ruth, nach drei Wochen ging es ihr besser. Noch ist sie schwach und erholt sich bei Farleys Familie. Sobald sie gesund ist, will sie zurück in ihr Elternhaus. Dort erinnert kaum noch etwas an die Verstorbenen: Die Kleider wurden verbrannt, einzig die Fotos auf den Wählerausweisen der Eltern sind den Kindern geblieben. An Success erinnern zwei Dosen Babypuder, die noch immer auf einem Tisch stehen.