Integration

19. Januar 2016 18:59; Akt: 19.01.2016 18:59 Print

Die grössten Baustellen in der Flüchtlingskrise

von K. Moser - Allein Deutschland muss über eine Million Flüchtlinge integrieren. Eine Herkulesaufgabe.

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Einer von vielen Ansätzen: Die Berliner Handwerkskammer bringt unter dem Motto «Flüchtling ist kein Beruf» Flüchtlinge und Handwerksbetriebe zusammen. (Bild: AFP/Tobias Schwarz)

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Über eine Million Flüchtlinge erreichten im vergangenen Jahr die Europäische Union. Genauso viele reisten 2015 nach Deutschland – zusammen mit solchen, die bereits in den Jahren zuvor in die EU gelangt waren. Sie kommen aus Nordafrika und dem Nahen Osten – die meisten sind Muslime und kennen die westliche Kultur nicht.

All diese Menschen müssen nun schleunigst integriert werden – die wichtigsten Herausforderungen am Beispiel Deutschland.

Effiziente Bürokratie
Angesichts der immensen Anzahl Zuwanderer kam die einst hochgelobte deutsche Bürokratie an ihre Grenzen. Tausende unregistrierte Migranten befinden sich irgendwo in Deutschland. Hinzu kommen all die Menschen, die im Chaos der Ankunft mehrfach registriert sind. Nicht einmal die Hälfte der Ankömmlinge konnte bisher ein Gesuch auf Asyl stellen. Und nicht zuletzt kommen grosse Mängel bei der Vernetztheit der regionalen und überregionalen Datenbanken zum Vorschein. In der Bürokratie sieht der Soziologe Manfred Güllner denn auch eine der grössten Herausforderungen.

Arbeitsmarkt
Ein wichtiger Punkt der Integration ist die rasche Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Allein Bayern will bis 2019 60'000 Flüchtlingen zu Jobs verhelfen. «Wir brauchen Fachkräfte», heisst es vonseiten der Wirtschaft. Bloss: Laut neuesten Studien sind rund 30 Prozent der Afghanen schlecht bis gar nicht ausgebildet. Ebenso viele Syrer haben zwar eine Matur oder einen Uni-Abschluss – die sprachlichen Hindernisse bleiben jedoch bestehen. Aus- und Weiterbildung ist gefragt. Zu denken gibt allerdings die Erfahrung von Lothar Semper, Chef der Handwerkskammer München und Oberbayern, laut der«Welt», wonach sieben von zehn Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak ihre 2012 in Deutschland angefangene Lehre abgebrochen haben – bei deutschen Bürgern sind es drei von zehn. Der Schweizer Migrationsexperte Gianni D'Amato sieht zudem nicht nur den Staat in der Pflicht: «Wichtig wäre, Praktikumsstellen anzubieten, in denen diese Menschen einsteigen könnten», am Dienstag zu Radio SRF.

Individuelle Ansätze
Für eine erfolgreiche Integration sind individuelle Ansätze nötig. Unbegleitete Minderjährige haben andere Bedürfnisse als Kinder, die mit ihrer Familie nach Europa kamen. Es ist aufwendiger, familienlose Männer zu integrieren als Familienväter. Oder, wie es der Kriminologe Christian Pfeiffer gegenüber 20 Minuten formulierte: «Familienväter sind leichter zu integrieren als alleinstehende Männer, Frauen sind sowieso kein Problem, und die Kinder wachsen hier auf.» Bei der grossen Anzahl familienloser junger Männer sieht Pfeiffer den grössten Handlungsbedarf. Neben der beruflichen Eingliederung schlägt er vor, alltägliche Kontakte mit der Gesellschaft herzustellen – etwa durch sportliche, kulturelle oder handwerkliche Aktivitäten.

Schulen
Integration muss an den Schulen stattfinden, sagt Ahmad Mansour laut der «Bild». Der «Generation Allah»-Autor und Psychologe fordert ein Schulfach zur Vermittlung der westlichen Werte, eine Weiterbildung der Lehrer zum Thema Islam und die Professionalisierung der Integrationsmitarbeiter.

«Wir schaffen das!», verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015. «Bisher ist da nicht viel Erfolg vorzuweisen», sagte der Sozialwissenschaftler und emeritierte Professor Gunnar Heinsohn am Dienstag zu Radio SRF in Bezug auf die Integration von Asylsuchenden im Jahr 2014.

Wer recht hat, wird sich zeigen. Unbestritten bleibt, dass wir nicht darum herumkommen.