Giftanschlag auf Doppelagenten

14. September 2018 14:49; Akt: 14.09.2018 20:01 Print

Die vielen grossen Aber in der Geschichte der Russen

Alexander Petrow und Ruslan Boschirow wollen als gewöhnliche Touristen in Salisbury gewesen sein, als Sergej Skripal vergiftet wurde. Nur weist diese Geschichte einige Ungereimtheiten auf.

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Verblüffende Voraussicht: Kurz nachdem der russische Präsident die im Fall Skripal international Gesuchten dazu aufrief, sich doch zu melden, bekannten sich zwei Russen im Fernsehen dazu, eben diese Gesuchten zu sein. Ihre Namen seien Alexander Petrow und Ruslan Boschirow, sagten sie im Interview mit RT. Sie seien die Männer, die auf den von der britischen Polizei veröffentlichten Fahndungsfotos zu sehen seien. Sie gaben sich als unbescholtene Touristen aus, die in Salisbury lediglich «die berühmte Kathedrale» hätten besichtigen wollen. «Salisburys Kathedrale mag zwar bemerkenswert sein. Aber bei einem bloss dreitägigen Aufenthalt in London ausgerechnet diesen Ort zum Hauptziel zu machen, wo man sich doch entspannen wollte in der britischen Hauptstadt, ist nicht schlüssig», schreibt die NZZ. In diesem Hotel in London wohnten die beiden Russen während ihres Aufenthaltes. Hier fand die britische Polizei laut «Sun» Spuren von Nowitschok. Petrow und Boschirow erklärten, am 4. März – dem Tag des Anschlages – Salisbury bald wieder verlassen zu haben, weil die Strassen der Stadt «von Schneematsch» bedeckt gewesen seien. Aufnahmen von Überwachungskameras von jenem Tag zeigen ein etwas anderes Bild. Überhaupt fragen sich viele: Seit wann lassen sich kälteerprobte Russen von etwas Schneematsch abschrecken? Die Polizei geht davon aus, dass die zwei Russen am Vortag des Giftanschlages in Salisbury einen «Testlauf» unternahmen. Vor allem schlugen sie nach ihrer Ankunft in Salisbury an jenem 3. März nicht etwa den südöstlichen Weg Richtung Kathedrale ein, sondern ... ... liefen in nordwestliche Richtung, wo das das Haus von Sergej Skripal steht. Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass das Nervengift auf die Türklinke der Skripals gesprüht wurde. Ex-Doppelagent Skripal und seine Tochter waren durch das Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden. Vier Monate später kamen ein 45-jähriger Brite und seine 44-jährige Partnerin mit dem Gift in Berührung – durch ein Parfümfläschchen. Die Frau starb wenige Tage später, der Mann erblindete. Die beiden russischen «Touristen» Petrow und Boschirow erklärten jetzt via RT, dass sie noch nie mit dem Nervengift Nowitschok zu tun gehabt hätten und auch nichts über ein Parfümfläschchen wüssten. Boschirow: «Wäre es nicht etwas merkwürdig, dass wir als Männer Frauenparfüm auf uns tragen?» Die britische Regierung bezeichnete die Darstellung der beiden Männer als «Beleidigung der öffentlichen Intelligenz». London vermutet, dass es sich bei den Männern um Geheimagenten handelt.

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«Eine Beleidigung der Intelligenz der Öffentlichkeit» sei das, was die zwei Russen da im Fernsehen aufgetischt hätten, heisst es vonseiten von Downing Street. Die Männer gaben sich gegenüber dem Sender RT als Alexander Petrow und Ruslan Boschirow aus – jene Männer also, die Grossbritannien per internationalen Haftbefehl in Zusammenhang mit dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter sucht.

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Die Briten sind überzeugt: Die beiden Russen sind Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes, und der Auftrag, Skripal zu töten, kam vom russischen Präsidenten selbst. Beweise wurden bislang keine vorgelegt, obgleich es auch jetzt wieder hiess, gegen die beiden Männer lägen «klare Beweise» vor.

Der russische Präsident Wladimir Putin dagegen versicherte diese Woche erneut, sein Geheimdienst habe mit dem Fall nichts zu tun, und dass die beiden international Gesuchten Zivilisten sein müssten, die sich bestimmt bald von sich aus melden würden. Und tatsächlich! Sogleich meldeten sich Petrow und Boschirow beim quasi staatlichen Sender RT und wiesen jede Schuld von sich.

In dem in verblüffender Voraussicht des russischen Präsidenten angekündigten Interview gaben sich die zwei Russen als unbescholtene Touristen aus, die kurz vor dem Giftanschlag auf Skripal allein deswegen in Salisbury gewesen seien, um «die berühmte Kathedrale» zu sehen – und das, wie der «Guardian» trocken anmerkt, «sogar zweimal».

Das Interview «war so voller offensichtlicher Widersprüche und urkomisch schlecht inszeniert», dass selbst die Interviewerin Margarita Simonjan das Kichern kaum habe verbergen können, so der «Guardian» weiter. Mit ihrem Gebrummel und falsch ausgesprochenen Ortsnamen hätten die beiden Russen mit ihrer Geschichte nicht einmal den standfestesten Putin-Anhänger überzeugen können.

Grund genug für die britische Presse, sich auf die zahlreichen Ungereimtheiten in der Erzählung der beiden Russen zu stürzen. Und davon scheint es tatsächlich viele zu geben.

Ihre Angaben zum Nervengift

Ex-Doppelagent Skripal und seine Tochter waren in Salisbury durch das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok schwer verletzt worden. Vier Monate später kamen ein 45-jähriger Brite und seine 44-jährige Partnerin mit dem Gift in Berührung – durch ein Parfümfläschchen. Die Frau starb wenige Tage später, der Mann erblindete.

Petrow und Boschirow erklärten via RT, dass sie noch nie mit dem Nervengift Nowitschok zu tun gehabt hätten und auch nichts von einem Parfümfläschchen wüssten. Boschirow: «Wäre es nicht etwas merkwürdig, dass wir als Männer Frauenparfüm auf uns tragen?»

Das grosse Aber:

Die britische Polizei fand laut «Sun» Spuren von Nowitschok im Hotelzimmer, in dem die beiden Männer für zwei Nächte untergekommen waren.

Ihre Angaben zum Wetter

Petrow und Boschirow erklärten, am 4. März – dem Tag des Anschlages – Salisbury bald wieder verlassen zu haben, weil die Strassen der Stadt «von Schneematsch» bedeckt gewesen seien. Sie seien nach Salisbury gekommen, um die dortige Kathedrale zu sehen.

Das grosse Aber:

Aufnahmen von Überwachungskameras von jenem Tag zeigen, dass die Strassen kaum von Matsch bedeckt waren. Das Wetter sei an jenem Märztag für Schneematsch zu mild gewesen, schreibt die «Sun». Andere weisen gemäss NZZ belustigt darauf hin, dass es doch reichlich ungewöhnlich sei, dass kälteerprobte Russen sich vom angeblichen Schneematsch in die Flucht schlagen liessen.

Überhaupt, die Kathedrale. Dazu schreibt die NZZ: «Salisburys Kathedrale mag zwar bemerkenswert sein. Aber bei einem bloss dreitägigen Aufenthalt in London ausgerechnet diesen Ort zum Hauptziel zu machen, wo man sich doch entspannen wollte in der britischen Hauptstadt, ist nicht schlüssig.»

Ihre Angaben zum Vortag

Petrow und Boschirow erklärten, dass sie bereits am Vortag in Salisbury gewesen seien, um die Kathedrale zu sehen. Wegen der schlechten Witterung hätten sie aber nach «nicht einmal einer Stunde» kehrtgemacht. Von Skripal hätten sie noch in ihrem Leben nie gehört, wüssten also auch nicht, wo dieser in Salisbury gewohnt habe.

Das grosse Aber:

Überwachungskameras zeigen, dass die Russen sicher eineinhalb Stunden in Salisbury waren. Die Polizei geht davon aus, dass sie an jenem Tag einen «Testlauf» unternahmen. Vor allem schlugen sie gemäss «Sun» nach ihrer Ankunft in Salisbury an jenem 3. März nicht etwa den südöstlichen Weg Richtung Kathedrale ein, sondern liefen – genau: in nordwestliche Richtung, wo auch das Haus von Sergej Skripal steht. Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass das Nervengift auf die Türklinke der Skripals gesprüht wurde.

Ein enormer «Zahlenzufall» bei den Pässen

Die beiden Männer hätten viele offene Fragen zu beantworten, schreibt der «Guardian». Unter anderem auch diese: Wie erklären sich die beiden, die nach eigenen Angaben Geschäftspartner in der Fitnessbranche sind und mit Nahrungsergänzungsmitteln handeln, dass ihre Passnummern bis auf eine einzige Zahl identisch sind?

Und wie erklären die zwei Russen, dass sie für ihren dreitägigen Aufenthalt in Grossbritannien zwei alternative Rückflugdaten gebucht hatten?

In einer ersten Analyse schliesst der «Guardian» auf zwei mögliche Erklärungen rund um den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Skripal, «und keine von beiden zeichnet ein besonders optimistisches Bild».

Entweder habe der russische Präsident tatsächlich aus einem tiefsitzenden Hass gegenüber Doppelagenten gehandelt und den Anschlag in Auftrag gegeben. Das hiesse, dass Putin «jegliche strategische Voraussicht vermissen lässt und persönliche Animositäten» über die Interessen des Landes stellt.

Oder Putin habe die Operation rund um den Giftangriff tatsächlich nie selbst genehmigt. Das würde allerdings implizieren, dass er seinen mächtigen Sicherheitsapparat nicht unter Kontrolle habe und dessen Mitglieder ihre brutalen Racheakte im In- und Ausland im Alleingang durchführen könnten.

Die britischen Behörden haben klargemacht, dass sie alles tun würden, die beiden Russen zu fassen und in Grossbritannien vor Gericht zu stellen. Die Erfolgsaussichten dafür dürften gering sein.

(gux)