Deutschland

25. August 2015 22:07; Akt: 25.08.2015 22:07 Print

Die hetzende Minderheit

Die Mehrheit der Deutschen steht den Flüchtlingen positiv gegenüber – die fremdenfeindliche Minderheit wird dafür immer radikaler.

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In Deutschland häufen sich die Anschläge gegen geplante oder bereits in Betrieb genommene Flüchtlingsunterkünfte. Am Wochenende randalierten Rechtsextreme zwei Tage lang in der sächsischen Stadt Heidenau. Darüber geht fast vergessen, dass die Mehrheit der Deutschen den Flüchtlingen gegenüber positiv eingestellt ist.

Laut dem jüngsten ZDF-Politbarometer glauben 60 Prozent der Befragten, dass Deutschland die zurzeit sehr hohe Zahl von Flüchtlingen verkraften kann. Zugleich wünschen sich drei Viertel der Bevölkerung, dass Flüchtlinge aus Kriegsgebieten besser behandelt werden sollen als etwa Asylbewerber aus dem Balkan.

Dreimal mehr Angriffe auf Flüchtlingsheime

Gleichzeitig steigt in Deutschland die Anzahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten: 2014 waren es 990 solche Taten – 23 Prozent mehr als im Jahr 2013, wie die NZZ schreibt. Ähnlich sieht es bei der Anzahl Angriffe auf Flüchtlingsheime aus: Im Jahr 2014 stieg die Zahl gegenüber dem Vorjahr von 55 auf 170 – die Attacken gegen die Fremden haben sich damit in nur einem Jahr mehr als verdreifacht. Angesichts der massiv höheren Flüchtlingszahlen in diesem Jahr dürfte dieser beunruhigende Trend noch einmal deutlich zunehmen.

Besonders empfänglich für rechtsextremes und fremdenfeindliches Gedankengut scheinen die Menschen im ostdeutschen Bundesland Sachsen zu sein. So ist es wohl kein Zufall, dass die islamkritische Pegida-Bewegung in der Landeshauptstadt Dresden entstand. Und auch die rechtsextreme NPD ist in Sachsen nach wie vor gut in der Bevölkerung verankert.

Wer steht hinter rassistischen Hetz-Posts?

NPD-Mitglieder und andere Rechtsextreme nutzen das Internet, um – anonym oder namentlich – ihre Hetzparolen zu verbreiten. Mit dem Bericht «Fremdenhass in Freital» versuchte «Spiegel TV» vergangenen Sonntag herauszufinden, was das für Menschen sind, die übelste rassistische Posts in die «asozialen Netzwerke» schreiben.

Als Erstes trafen die Spiegel-Journalisten im sächsischen Freital auf Dirk Jährling. Der junge, gut aussehende Mann ist Betreiber eines rechten Szenetreffs und inszeniert sich auf der Strasse als deeskalierender Vermittler. Seine andere Seite zeigt er im Internet. Auf Videos hetzt er gegen Ausländer mit Sätzen wie: «Fakt ist: Wenn das deutsche Volk sich jetzt nicht wehrt, wird es in dreissig Jahren kein deutsches Volk mehr geben – das ist Fakt.»

Mit dem Post «In Buchenwald, Auschwitz und Sachsenhausen ist noch genug Platz» machte auch ein Klaus Wenzel auf sich aufmerksam. Er ist nicht mehr der Jüngste, auch nicht mehr der Schlankste und arbeitet als 1-Euro-Jobber bei einem Verein zur Wiedereingliederung für Langzeitarbeitslose.

Ein Sozialfall und Drohgebärden

Im Interview mit «Spiegel TV» erklärt er, er habe trotz unzähliger Bewerbungen noch nie einen richtigen Job gehabt. Jetzt bekomme er wenigstens etwas Geld für seine Arbeit und die Wohnung werde ihm vom Staat bezahlt. Auf die Frage, warum er denn dann auf die Flüchtlinge sauer sei, weiss er keine Antwort.

Die erschreckendsten Posts schliesslich stammen von einem User, der sich Mike Hess nennt. Das «Spiegel TV»-Team kommt einem Mann Mitte zwanzig auf die Spur und findet ihn mit Freunden und Bier in einer Bar. Dass er keine Lust auf ein Gespräch hat, macht er mit Droh-Gesten gegenüber den Journalisten deutlich. In einem seiner vergleichsweise harmlosesten Posts schreibt er: «Im Mittelalter hat man solche Häuser niedergebrannt. Hab ich in Geschichte gelernt.»

(kmo)