20-Minuten-Reportage

23. November 2018 13:30; Akt: 29.11.2018 16:21 Print

Der Starkoch von der Front gegen den IS

von Ann Guenter - Im syrischen Nordosten geht der Kampf gegen die Islamisten des «Islamischen Staates» (IS) in die letzte Runde. Eine Reportage von hinter und von der Front selbst.

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Vor einem Jahr prangte hier noch ein riesiges IS-Zeichen, die Kräfte der SDF taten ihr Bestes, es unkenntlich zu machen. Eine weitere Schule in einem der Dörfer, die wir passieren. Der IS hat Koranverse an die Mauern gesprayt. Die SDF belassen die Sprayereien - wohlweislich: Sie übermalen lediglich jede Erwähnung des so genannten «Islamischen Staates», ansonsten würden ihnen die Dorfbewohner die Übermalung von Koranversen als Frevelei auslegen. Dass der IS in der Region Deir ez Zor seine Wurzeln so tief graben konnte, ist kein Zufall. Die Provinz ist seit jeher eine Brutstätte des Extremismus in Syrien. Beduinen und Schäfer leben hier, der Salafismus ist weitverbreitet. Neben dem IS werden hier auch Terrorgruppen wie die Al Qaida verheert. Das zeigt sich etwa dann, wenn wir an Schulen vorbeifahren, die nach dem einstigen Al-Qaida-Führer Abu Musab al Zarkawi benannt sind: Sein Name prangt in grossen Lettern über dem Eingang der Schule im Dorf al Hussein. Sandstürme legten Anfang November die Offensive gegen die IS-Hochburg Hajin für Tage lahm: Die Sicht am Boden war schlecht, Jets der Anti-IS-Koalition konnten nicht abheben. Davon profitierte der IS, er konnte die Dörfer Sousa und Baghouz nahe der irakischen Grenze wieder einnehmen. Bis jetzt hält er sie. Das Ziel unserer Reise: Die Provinz Deir ez-Zor in Syriens Nordosten. Hier und vor allem in der Kleinstadt Hajin haben sich die letzten IS-Extremisten verschanzt. Der Beamte Arshak Baravi (54) ist bekannt als Journalistenschreck. Der Winter kommt – jetzt sind überall Öl-Öfen zu kaufen. Markt in Qamishli: Der Duft von Gewürzen liegt in der Luft. Ankunft im Nordosten Syriens: Die für diese Region so typischen Ölförderungskranen bei Sonnenuntergang. Bescheinigung für den Grenzübertritt Irak/Syrien: Dieses Papier muss man fortan zu jeder Zeit auf sich tragen. Die 20-Minuten-Reportage startete im irakischen Erbil und führte unsere Reporterin bis ins syrische al-Hasaka. Bald geht die Reise weiter. Wir reisen via Erbil, der Hauptstadt der irakischen Kurden, an. In Erbils Christenviertel Ankawa wird auch Alkohol ausgeschenkt. Der Alltag ist hier längst wieder eingekehrt. Ein Streifzug durch das Quartier gibt immer wieder Anlass zum Schmunzeln. Weniger Anlass zum Lachen gibt die fatalistische Fahrweise der Leute hier. Ein Besuch in der irakischen Metropole Mosul, aus der der IS erst vor eineinhalb Jahren vertrieben wurde. Auf Stipvisite im Hauptquartier von Najim al-Jubouri. Doch der irakischen General, der gerüchteweise neuer Verteidigungsminister des Landes werden könnte, ist leider nicht da. Wir besuchen das einzige Tattoo-Studio der Stadt. Es hat vor einem halben Jahr die Tore geöffnet, obwohl Tätowierungen im Islam verboten, haram, sind. Die Besitzer verraten uns, dass «Mamma» ein beliebtes Sujet ist. Unser Besuch im Studio fällt in die Gebetszeit. Eines von sechs entdeckten Massengräbern in Raqqa: Das Areal kennt man hier unter dem Namen «Euphrates Club». 300 Leichen wurden bislang geborgen. Es stinkt bestialisch. Allein heute barg das Team von Hilal Aldaher 15 Leichen auf der Fläche in der Grösse eines Fussballfelds. Die Totengräber von Raqqa: Gegen einen kleinen Lohn schaufeln sie die nur spärlich mit Erde bedeckten Leichen frei und packen sie in Säcke. Gegen den Gestank hilft auch der stärkste Mundschutz nichts. Immer, wenn die Männer des Grabungsteams öffnen, intensiviert sich der üble Geruch.«Er setzt sich überall fest, vor allem in den Haaren», sagt Mahmoud, der einst Arabischlehrer war. Die Toten werden abtransportiert. Sie sollen woanders begraben werden. Einzeln, in ordentlichen Gräbern. «Hier liegen viele Frauen und Kinder, aber mehrheitlich IS-Kämpfer», sagt Hilal Aldaher vom Aufbauteam des «Raqqa Civil Council». Diese Frau ist die Mutter zweier in Raqqa gefallener IS-Kämpfer. Sie kommt fast jeden Tag hierher, in der Hoffnung, ihre Söhne unter den Toten zu finden. «Jetzt habe ich nur noch meine Töchter», sagt sie. Sie gibt allen die Schuld, vor allem aber dem Westen. Sie umarmt mich weinend. Die syrische Stadt Qamishli in der Kurdenprovinz Shazeera ist in zwei Lager geteilt ... ... es gab hier erbitterte Kämpfe zwischen der kurdischen YPG und den Regimetruppen. Die christliche Bevölkerung hier ist eher regimefreundlich. Vor einem Monat hingen im kurdischen Stadtteil überall YPG-Flaggen. Mittlerweile sind sie nicht mehr zu sehen, denn die Leute haben Angst, dass das Assad-Regime demnächst die Kurden-Quartiere einnehmen könnte. Vor dem Bürgerkrieg lebten hier rund 200'000 Menschen, heute sind es aufgrund der Binnenflüchtlinge mehr. Das grosse Thema am Mittwochmorgen ist der Tod des Sohnes von IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi. Dazu veröffentlichte der IS ein Foto eines jungen Mannes mit einem Sturmgewehr. Der 18-Jährige soll als Kurier für seinen Vater und hohe IS-Räte fungiert haben. (4. Juli 2018) General Najim Abdullah al-Jubouri war massgeblich an der Befreiung Mosuls beteiligt. Er lud 20 Minuten kurzerhand ... ... zu einem kurzen Rundgang in der Altstadt rund um die al-Nuri-Moschee ein, wo IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi 2014 sein «Kalifat» ausrief. Mit von der Partie waren US-Kongressabgeordnete, weswegen enorme Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, von Secret Service bis hin zum US- und irakischen Militär war alles dabei. Von diesem Gebäude warfen IS-Anhänger Menschen in die Tiefe: Gegner, Homosexuelle, Leute, die gegen die IS-Gesetze verstiessen. Auf unserer Fahrt durch die ehemalige IS-Hochburg Mosul fahren wir am 3. Juli 2018 an der Grossen Moschee des an-Nuri vorbei ... Hier hatte der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi 2014 das Kalifat ausgerufen. Er arbeitet bei 50 Grad, um Geröll und Leichen aus Mosuls Altstadt wegzuschaffen. Sein Lohn: umgerechnet 100 Dollar im Monat. «Ich bin so müde», sagt er. Die Zerstörung der Altstadt von Mosul ist enorm. Es wird ... ... Jahre brauchen, die Stadt wieder aufzubauen. Die UNO rechnet mit einem Milliarden-Dollar-Betrag. Überall zeugen Spuren von der erbitterten Schlacht gegen die Extremisten des IS. Es sieht nicht so aus, aber dies ist geordnete Zerstörung. Seit Monaten wird hier aufgeräumt. Mosul ist geprägt von der dreijährigen IS-Herrschaft und von der Schlacht um die Stadt bis zum Juli 2017. Die Altstadt ist ein einziger Trümmerhaufen. Bislang wurden 9000 Leichen geborgen. In Mosul wurde der IS in einer zähen, langen Operation letztes Jahr vertrieben. Die Gefahr einer Entführung sei hoch, im Norden der Stadt sei der IS weiterhin aktiv, heisst es. «Mosul ist sicher», insistiert General al-Jubouri. «Das, was wir hier seit der Befreiung im letzten Jahr erreicht haben, ist beachtlich. Ich bin sehr stolz.» General Najim Abdullah al-Jubouri war Befehlshaber der Niniveh Operations und massgeblich an der Befreiung Mosuls beteiligt. Auf dem Rückweg ins kurdische Erbil. Kinder versuchen anhaltenden Automobilisten allerhand zu verkaufen, von Wasser über Kaugummis bis zu Papiertaschentüchern. Ankunft im Osten Mosuls im Nordirak. Die Fahrt von Erbil hierher am Morgen des 3. Juli 2018 war turbulent. Der IS hatte ab 2013 alle Schilder nach Mosul mit «Staat» überschrieben, also zum Beispiel «Staat Baghdad» – ganz nach seiner Vorstellung eines Kalifats. Mittlerweile sind die Tafeln wieder mit dem Stadtnamen auf Arabisch überklebt. Um in die ehemaligen IS-«Hauptstadt» zu gelangen, muss 20-Minuten Reporterin Ann Guenter mehrere Checkpoints passieren. Draussen herrschen schon um 9.30 Uhr 46 Grad. Da hilft auch die Klimaanlage nicht mehr viel. Am Dienstag, 3. Juli, ist unsere Reporterin unterwegs nach Mosul. Die Terrormiliz Islamischer Staat hat in Syrien, aber auch im Irak den grössten Teil ihres früheren Herrschaftsgebietes wieder verloren. Allerdings ... ... sind die Jihadisten noch immer in beiden Ländern aktiv. In der einstigen IS-Hochburg Al-Raqqa herrscht derzeit Ausgangssperre. Offenbar sollen vertriebene IS-Kämpfer wieder Anschläge planen (Bild nach der Vertreibung des IS aus dem Jahr 2017). Berüchtigt: der Naim-Platz in Raqqa. Am «Kreisverkehr zur Hölle» richtete der IS Menschen öffentlich hin und übertrug dies auf Grossleinwänden. Wer nicht schaute, wurde bestraft. Eine Drohnenaufnahme von 2017 aus Mosul, der einstigen irakischen IS-Hochburg. Gerade jetzt ... ... hat die Stadt eine grossflächige Aktion im Westen der Stadt lanciert: Hunderte von Fahrzeugen karren die Trümmer weg, die von der dreijährigen Besetzung durch die Terrormiliz zeugen. Laut UNO wird der Wiederaufbau der Stadt noch Jahre dauern und über hundert Milliarden Dollar kosten.

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