Grüner Wahlsieger

28. März 2011 16:27; Akt: 28.03.2011 16:45 Print

Die sparsame «schwäbische Hausfrau»

Mit Winfried Kretschmann hat Deutschland einen neuen Politstar. Er dürfte als erster Grüner ein Bundesland regieren – auch weil er alles andere als ein Bürgerschreck ist.

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Winfried Kretschmann am Abend der Wahl in Stuttgart. (Bild: Reuters/kai Pfaffenbach)

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Am Tag nach dem historischen Wahlsieg blieb Winfried Kretschmann betont nüchtern. «Wir kommen in Baden-Württemberg in eine neue Phase: Wir müssen jetzt führen», sagte der grüne Spitzenkandidat am Montag in Berlin. Er wolle das Land «mit Besonnenheit, Mass und Mitte» lenken – in einer Koalition «auf Augenhöhe» mit der SPD. Auf den Grünen laste nun eine «grosse Verantwortung», sagte Kretschmann. Dem müsse die Partei gerecht werden.

Mit seiner wertkonservativen Grundhaltung entspricht der 62-jährige Lehrer für Ethik, Biologie und Chemie so gar nicht dem typischen Bild eines grünen «Bürgerschrecks». Aber gerade mit seinem bedächtigen, ernsthaften Wesen hat der langjährige Oppositionspolitiker, der meist im dunklen Anzug mit randloser Brille und markantem grauem Bürstenhaarschnitt auftritt, auch in konservativen ländlichen Regionen Baden-Württembergs Vertrauen gewonnen.

Kürzlich erzählte Kretschmann die Anekdote, wie er zu seiner Frisur kam: «Ich hatte immer einen braven Scheitel, bis meine Tochter gesagt hat, du hast eine Frisur wie ein CDUler.» Daraufhin legte er sich den Bürstenschnitt zu. Doch nicht nur seine Frisur wies jahrelang eine gewisse Nähe zur CDU auf. Auch Kretschmann selbst liebäugelte mit dem Gedanken, ein Bündnis mit der Union einzugehen. Schliesslich sei man früher nicht an der CDU vorbei gekommen, um eine Machtoption zu haben, gab er unumwunden zu.

Vom Linksextremismus geheilt

In seiner studentischen Sturm-und-Drang-Zeit hatte sich Winfried Kretschmann auch mal in maoistische Gruppen verirrt, sie aber wegen ihrer autoritären Grundhaltung bald wieder verlassen. «Vom Linksextremismus bin ich geheilt», sagte er kürzlich mit Blick auf die Linkspartei. Seit 36 Jahren ist er mit einer Grundschullehrerin verheiratet. Die beiden haben drei erwachsene Kinder – zwei Söhne und eine Tochter.

Kretschmann geht in der Freizeit gerne mit seiner Frau auf der Schwäbischen Alb wandern, wo er «jeden Felsen kennt». Noch heute empfindet er nach eigenen Worten eine tiefe Liebe zur Natur, die ihn vor mehr als 30 Jahren zu den Grünen gebracht hat. Im kleinen Ort Laiz bei Sigmaringen wohnt er in einem ehemaligen Bauernhaus, gehört dem Kirchenchor und dem Schützenverein an. Er ist gläubiger Katholik, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und im Diözesanrat des Erzbistums Freiburg.

Solide Haushaltspolitik und Finanzplanung

Wenn Kretschmann im Landtag ans Redepult tritt, wird es auch auf der Regierungsseite still. Denn was er zu sagen hat, ist durchdacht, fundiert und von argumentativer Klarheit. Der scharfzüngige Redner mit der durchdringenden Stimme ergreift gerne bei Grundsatzfragen das Wort: bei Risiken der Bio- oder Gentechnik, beim islamischen Religionsunterricht oder bei der Frage, ob muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten dürfen.

Kretschmann gehörte schon der ersten grünen Parlamentsgruppe an, die 1980 in Stuttgart erstmals in das Parlament eines Flächenlandes einzog. Solide Haushaltspolitik und Finanzplanung sind seine Lieblingsthemen. In der Schlichtungsrunde zu «Stuttgart 21» im vergangenen Jahr warb er für das günstigere Alternativkonzept «Kopfbahnhof 21» und überzeugte in der Rolle der sparsamen «schwäbischen Hausfrau». Das verbindet ihn mit dem SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid, seinem designierten Koalitionspartner.

Seine Bodenständigkeit trug massgeblich dazu bei, dass viele konservative Wähler ihn als Alternative zu Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wahrnahmen, auch wenn er mit seiner sperrigen Art deutlich weniger medienwirksam wirkt als andere Parteikollegen. «Ministerpräsident war nie mein Lebenstraum. Wenn man in der Politik ist, muss man aber die Ämter, die auf einen zukommen, auch selbstbewusst annehmen», sagte er vor der Wahl. Nun ist das Amt offenbar zu ihm gekommen.

(pbl/sda/ap)