Allein in die USA

06. Juli 2014 22:43; Akt: 06.07.2014 22:43 Print

Die traurige Geschichte des 15-jährigen Gilberto

Auf der Flucht vor der Armut in Lateinamerika machen sich immer öfter Kinder allein auf den Weg in die USA. Viele überleben die gefährliche Reise nicht. Gilberto ist einer von ihnen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Gilberto Ramos wollte seiner kranken Mutter helfen. Er wollte in die USA auswandern, um Geld zu verdienen. Sie flehte ihn an, nicht zu gehen: «Die bessere Behandlung für mich wäre gewesen, wenn er geblieben wäre», sagt Cipriana Juarez Diaz heute unter Tränen.

Einen Monat später wurde Gilbertos verwester Körper in der texanischen Wüste gefunden. Er wurde zur Symbolfigur für die Gefahren, die auf illegale Einwanderer aus Lateinamerika lauern, die in die USA einreisen. Vor allem aber auch für den Trend, dass immer mehr Kinder allein die gefährliche Reise antreten. Offenbar fiel Gilberto einem Hitzschlag zum Opfer.

Ein Dorf ohne Wasser und ohne Abwassernetz

Gilberto war etwa 15 Jahre alt. Er wuchs in den wilden Cuchumatanes-Bergen im Norden Guatemalas nahe der mexikanischen Grenze auf. In seinem 2000 Meter hoch gelegenen Dorf San José las Flores steht die atemberaubende Schönheit der Landschaft im Kontrast zur bitteren Armut. Kein fliessendes Wasser, eine Latrine für das ganze Dorf und wenn es was zu essen gibt, sind es ein paar Tortillas oder Hafergrütze – jedenfalls nie genug.

Die Blechhütten, in denen Gilberto aufwuchs, sind nur zu Fuss zu erreichen, die nächste grössere Behausung ist eine Dreiviertelstunde entfernt, und man muss die Hinterlassenschaft einer Schlammlawine überklettern. Jeden Tag nahm Gilberto diesen Weg zur Schule.

Gilbertos Bruder lebt in Chicago

Gilbertos älterer Bruder Esbin schaffte es, sich bis nach Chicago durchzuschlagen, wo er einen Job in einem Restaurant ergatterte. Er schickt umgerechnet 100 Franken monatlich an die Familie, was den Ramos bescheidenen Wohlstand bescherte: Sie ersetzten die Blechhütte durch ein gemauertes Zweizimmerhäuschen, Gilberto bekam eine Schaumstoffmatratze.

Irgendwann schlug Esbin Gilberto vor, doch auch nach Chicago zu kommen. Dort könnte er wieder zur Schule gehen und abends und an den Wochenenden arbeiten.

4900 Franken pro Person

Am 17. Mai marschierte Gilberto los. Er trampte nach Chiantla. Dort traf er seinen Schlepper, einen Mann mit dem Spitznamen Kojote. Mehr als 4900 Franken sollte die Familie ihm bezahlen, davon mehr als die Hälfte im Voraus. Die Familie musste sich das Geld leihen und hat noch immer Schulden.

Der Rest ist unklar. Die letzte Nachricht kam kurz vor der Grenze: «Mir gehts gut, zahl die zweite Rate», liess Gilberto seinen Vater wissen. Dann passierte tagelang nichts. Nach einer Woche alarmierte Esbin das guatemaltekische Konsulat im texanischen Houston und meldete seinen Bruder vermisst. Am 15. Juni wurde Gilberto tot aufgefunden, mit Esbins Telefonnummer auf der Innenseite seiner Gürtelschnalle.

In San José las Flores betet die bettlägerige Mutter für ihn. Noch ist Gilbertos Leiche nicht überführt. Auf dem Hausaltar gibt es keine Fotos von Gilberto, die hat die Mutter alle in die USA geschickt. Um die Leiche identifizieren zu können.

Kalifornier wehren sich

Auf der anderen Seite der Grenze spielten sich am Mittwoch ganz andere Szenen ab: Mehrere Protestler im kalifornischen Murrieta sorgten dafür, dass Busse mit illegalen Immigranten umkehren mussten. Diese waren auf dem Weg zu einem Auffanglager in San Diego.

Der Bürgermeister von Murrieta hatte zu den Protesten aufgerufen, schreibt der Nachrichtensender CNN. Die Bürger sollten verhindern, dass die Einwanderer nach Kalifornien gebracht werden, weil die Auffanglager entlang der mexikanischen Grenze überfüllt sind.

(Quelle: YouTube/NewsNow)

(kle/ap)