«Red Hand Day»

11. Februar 2011 22:47; Akt: 11.02.2011 22:58 Print

Die verlorene Unschuld der Baby-Brigaden

von Marc Kalpidis, dapd - «Kleine Bienen» oder «Small Boys»: Weltweit gibt es eine Viertelmillion Kindersoldaten. In Zentralafrika, Südostasien und Kolumbien ist die Lage für sie am schlimmsten.

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Ein somalischer Kindersoldat der islamistischen Terrororganisation Al Shabab. (Bild: Keystone)

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Die Kolumbianer nennen sie wegen ihrer Flinkheit «Kleine Bienen», in Sri Lanka gab man ihnen den Spitznamen «Baby-Brigaden», und in Liberia sorgten die berüchtigten «Small Boys» von Ex-Präsident Charles Taylor für Angst und Schrecken: Kindersoldaten kommen Experten zufolge in allen bewaffneten Konflikten dieser Erde zum Einsatz. Auf eine Viertelmillion wird ihre weltweite Zahl geschätzt. An das beklemmende Schicksal der minderjährigen Krieger erinnert jedes Jahr der internationale «Red Hand Day» am 12. Februar.

Entwurzelt und missbraucht

Ralf Willinger kennt die zerrütteten Biografien der Nachwuchskämpfer nur zu gut. Als Kinderrechtsexperte der Hilfsorganisation Terre des Hommes weiss er, weshalb sie schon früh aus ihren Familien gerissen und militärischem Drill unterworfen werden.

«Kinder sind leicht manipulierbar, furchtloser und gelten als 'entbehrlich'», erklärt Willinger. «Deshalb werden sie häufig für besonders gefährliche Missionen an vorderster Front eingesetzt, die Erwachsene nicht übernehmen würden.» Zum Entschärfen von Landminen etwa, als unauffällige Spione in Zivil oder menschliche Schutzschilde.

Dabei kämpfen nur wenige Kindersoldaten aus religiöser oder politischer Überzeugung. Drohgebärden der Rekrutierer, die Aussicht auf ein paar Dollar Sold oder Rache für ermordete Familienangehörige sind oft Motiv genug.

Einige erliegen dem Machtgefühl des Fingers am Abzug und stumpfen zu kaltblütigen Mördern ab. Andere erledigen Botendienste oder schleppen Truppenvorräte. Gerade Mädchen werden zudem häufig sexuell missbraucht.

Wer den Anforderungen nicht genügt, den schikanieren oder foltern seine Vorgesetzten. Kaum ein Kind übersteht diese Tortur ohne bleibendes psychisches Trauma.

Unrühmlicher Spitzenreiter Burma

Wie viele Minderjährige heutzutage als Soldaten ihre Unschuld verlieren, lässt sich nur schwer schätzen. Amnesty International geht von rund 250 000 aus, davon etwa die Hälfte in Afrika.

Viele dienen aber nicht in regulären Streitkräften, sondern kämpfen für nichtstaatliche Rebellengruppen oder paramilitärische Verbände, deren Stärke oft niemand genau kennt. Fest steht lediglich: In Zentralafrika, Südostasien und Kolumbien ist die Lage am schlimmsten.

Als Land mit den weltweit meisten Kindersoldaten gilt Burma. Zu den über 70 000 Minderjährigen der Regierungsarmee kommen Tausende weitere in den Reihen ethnischer Rebellengruppen. Auch in Kolumbien sollen bis zu 14'000 Kinder in den Revolutionären Streitkräften der FARC und anderen paramilitärischen Verbänden dienen.

Dort hat das staatliche Militär zwar offiziell keine Minderjährigen in seinen Reihen, wirbt aber gezielt Kinder als Spione und Informanten an.

Missachtung der Kinderrechtskonvention

Der Einfluss der internationalen Gemeinschaft ist begrenzt. In der UNO-Kinderrechtskonvention von 1989 konnte sie sich lediglich auf ein Mindestalter von 15 Jahren für Soldaten einigen. Per Zusatzprotokoll wurde die Altersgrenze für Zwangsrekrutierungen später auf 18 Jahre angehoben, immerhin 139 Staaten zogen mit.

Darunter aber auch Länder wie Kolumbien und die Demokratische Republik Kongo, die nach wie vor systematisch Kindersoldaten einsetzen. «Theorie und Praxis gehen da teils auseinander», seufzt Willinger.

Abschreckung aus Den Haag

Da sich nichtstaatliche Akteure wie die FARC oder die «Tamilischen Tiger» in Sri Lanka zudem nicht an völkerrechtliche Abkommen halten, setzen Menschenrechtsaktivisten grosse Hoffnungen in den Internationalen Strafgerichtshof.

Dieser feuerte 2006 ein symbolträchtiges Warnsignal ab, als er in seinem allerersten Prozess den kongolesischen Rebellenführer Thomas Lubanga wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten anklagte. Weitere Anklagen folgten, unter anderem gegen Liberias Ex-Staatschef Charles Taylor und den amtierenden sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir.

Von den medienwirksamen Anklagen in Den Haag verspricht sich der Westen einen Abschreckungseffekt auf potenzielle Täter. «Viele Rebellengruppen haben ja sehr gebildete und intelligente Leute in den Führungsebenen, die auch einen Ruf zu verlieren haben», glaubt Willinger.

Das Ende der Straflosigkeit spreche sich jedenfalls auch bis in den kongolesischen Dschungel herum. Ausserdem sprechen die Vereinten Nationen inzwischen Reiseverbote für identifizierte Täter aus und frieren ihre Konten ein.

Schwierige Resozialisierung

Für Kindersoldaten gilt derweil: Sie sind Täter und Opfer zugleich. Wer nach dem Ende des bewaffneten Konflikts aus der Truppe entlassen wird, schafft die Rückkehr in ein normales Leben meist nur mit psychologischer Hilfe. Die wenigsten haben eine Ausbildung genossen oder eine Schule besucht, können deshalb weder lesen noch schreiben.

Menschenrechtsorganisationen fordern deshalb die Industrieländer auf, ihre Asylregeln für ehemalige Kindersoldaten zu lockern und sie bei der Bewältigung ihrer traumatischen Erfahrungen stärker zu unterstützen.

Die Erfahrung zeigt: Je länger ein Krieg dauert, desto mehr Kindersoldaten werden eingesetzt. Und je mehr von ihnen sterben, desto jünger werden die Nachrückenden.

Angesichts immer neuer Krisenherde auf der Welt mag Ralf Willinger zwar nicht recht daran glauben, dass Kindersoldaten schon bald der Vergangenheit angehören: «Aber es besteht Hoffnung, dass sich wenigstens das Ausmass des Missbrauchs eindämmen lässt, wenn Völkerrecht und Strafverfolgung konsequent umgesetzt werden.»