Marine Le Pen

14. Januar 2011 21:25; Akt: 15.01.2011 08:42 Print

Die zuckersüsse Rechtsextreme

von Annika Joeres, AP - Jean-Marie Le Pen gibt die Führung des französischen Front National nach 40 Jahren ab. Die Parteiführung dürfte in der Familie bleiben: Am Sonntag wird wohl seine Tochter übernehmen.

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Marine Le Pen (am 6. Januar 2011 in Nanterre). (Bild: Keystone/AP)

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Elegant und festen Schrittes geht sie aufs Podium, das blonde Haar sitzt ebenso wie ihre markigen Worte. Gleich wird Marine Le Pen mit ihrer rauchigen Stimme eine schneidige Rede halten. Die Anhänger der neuen Ikone der Rechtsextremen in Frankreich bejubeln sie schon auf dem Weg zum Podium. Marine Le Pen hat in den vergangenen Monaten in mehr als 70 dieser immer gleich verlaufenden Auftritte vor Mitgliedern der Front National für sich geworben, hat gegen Migranten gehetzt, den Euro zum Verbrechen und Muslime zu Besetzern des französischen Territoriums erklärt. An diesem Wochenende wird Marine Le Pen in die Fussstapfen ihres Vaters Jean-Marie Le Pen treten: Die 42-Jährige will sich am Sonntag in Tours zur neuen Parteichefin küren lassen.

Umfragen geben der gelernten Anwältin einen unaufholbaren Vorsprung vor ihrem einzigen innerparteilichen Herausforderer Bruno Gollnisch. Denn während ihr jahrzehntelang radikal hetzender Vater für viele Franzosen unwählbar war, rechnet sich die Front National mit der smarten Tochter grössere Chancen aus. Die Partei hofft bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2012 wie schon im Jahr 2002 mindestens in die Stichwahl zu kommen. Nach neuesten Umfragen ist dies nicht ausgeschlossen. Ein Drittel aller Franzosen findet die rechtsextreme Politikerin gar sympathisch.

Dabei unterscheidet sie sich nur oberflächlich von ihrem Vater. Jean-Marie Le Pen fand seine Anhänger in den eher älteren Generationen, bei den Kriegsversehrten und in männerdominierten konservativen Zirkeln. Oft wirkte der 82-Jährige mit der altmodischen Hornbrille wie ein störrischer Mann ohne Charme. Regelmässig sorgt er mit seinen geschichtsvergessenen Äusserungen für Skandale. So behauptete er 2005, die deutsche Besatzung Frankreichs während des zweiten Weltkrieges sei «gar nicht so unmenschlich» gewesen, und die Gaskammern der Nationalsozialisten seien nur ein «Detail der Geschichte».

Marine Le Pen gab sich empört über die strategischen Entgleisungen und drohte damit, ihre Parteiarbeit komplett einzustellen. Schliesslich reisst der Vater mit seinen Ausfällen das mühsam aufgebaute Bild einer demokratischen Partei immer wieder ein. Marine Le Pen hat lange Zeit versucht die rechtsextreme Partei zu entdämonisieren, sie wieder gesellschaftsfähig zu machen. Sie befand den Islam und das Judentum für «normale Religionen» - ein internationaler Konsens, der in den Ohren der Anhänger der Front National aber nahezu revolutionär geklungen haben muss. Die Umfragen geben dem versöhnlicheren Konzept der künftigen Parteichefin recht.

Demoskopen sprechen von «Sympathie-Kapital»

Französische Demoskopen sprechen schon von ihrem «Sympathie-Kapital». Immerzu scheint sie zu lächeln, schüttelt Hände, bleibt auch bei aggressiveren Nachfragen von Journalisten und Kritikern freundlich. Nie wird sie ausfällig, wie es ihrem impulsiven Vater häufiger passierte. In Talkshows wirbt sie mit ihrem sogenannten ökonomischen Programm und erzählt, wie sie Frankreich vom Euro befreien möchte. Nach der Krise der europäischen Währung ein fast schon konsensfähiges Thema in Frankreich. Auch bei gesellschaftlichen Fragen gibt sie sich moderner und widerspricht dem starken erzkatholischen Flügel der Partei, der geschiedene Gläubige aus der Kirche ausschliessen möchte. Schliesslich hat Le Pen selbst zwei Ehen hinter sich.

Aber die biedere Fassade reisst sie nun selbst ein. Marine Le Pen weiss genau, wann sie wieder ein Tabu brechen muss, um Aufmerksamkeit zu schüren und ihrer rechtsextremen Basis aus dem Mund zu sprechen. Vor den Anhängern aber blitzt das alte Gesicht der Front National voller Feindseligkeiten wieder auf. Dann fordert sie mit donnernder Stimme, die Todesstrafe wieder einzuführen, kriminelle Einwanderer ohne Verfahren auszuweisen und bezichtigt alle Muslime, radikal islamistisch zu sein. Inhaltlich unterscheiden sich Vater und Tochter nur wenig. Von ihm hat sie gelernt, gezielt einen Eklat zu provozieren. Betende Muslime auf dem Bürgersteig seien «Besatzer des Landes», sagte sie in einer Rede vor Anhängern in Lyon. Bewusst wählte sie für ihre Provokation eine Veranstaltung der als besonders radikal verrufenen Mitglieder im Rhone-Tal des Nachbarlandes aus. Hier ist auch die Heimat ihres Konkurrenten Bruno Gollnisch.

Spätestens seit diesem Eklat ist die französische Gesellschaft alarmiert. Die Anti-Rassismusinitiative MRAP hat wegen ihres Vergleichs von Muslimen mit Nazi-Besatzern inzwischen Anzeige wegen Anstiftung zum Rassenhass erstattet, die Staatsanwaltschaft Lyon ermittelt bereits. Auch die bislang zurückhaltende Presse wie die Wochenzeitung «Express» bezeichnet Marine Le Pen nun als «neue Gefahr für Frankreich», die ihre Radikalität nur mit Zucker übergiesse. Viele befürchten, die Tochter könnte in der französischen Republik noch mächtiger werden als ihr Vater.