Syrien-Krieg

04. November 2019 11:11; Akt: 04.11.2019 11:43 Print

Diese Kinderzeichnungen gehen unter die Haut

Syrische Kinder verarbeiten ihre traumatischen Kriegserfahrungen in Zeichnungen. Diese machen betroffen.

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Diese beiden Bilder stammen von Azzam (10), der seinen Bruder und seine Mutter im Krieg verloren hat. Zu Beginn der Therapie zeichnete er immer wieder seinen toten Bruder, bombardierte Häuser und brennende Häuser. «Das Bild zeigt elementare Bedrohung und Verstörung. Zwei Menschen, die Kinder schützend im Arm halten. Die kleine, überlagerte Figur oben links ist möglicherweise die Erinnerung an den Bruder», sagt Maltherapeutin Irena Degunda. Dem 10-jährigen Azzam geht es heute besser. Er lebt zusammen mit seinen drei Geschwistern bei seiner SOS-Mutter, wird liebevoll betreut und besucht die Schule. Heute malt er positiver: Das Bild soll den Wiederaufbau in Aleppo zeigen. Diese Zeichnungen sind das Werk von Nada (11). Das syrische Mädchen verlor die Eltern im Krieg. 2018 kam es ins SOS-Kinderdorf Saboura. «Feuer, Explosion, Bomben, Vernichtung, Enthauptung und Menschen, die weinen: Mit wenigen Strichen meisselt sich der Horror des Krieges ins Herz», sagt die Maltherapeutin. Nada sagte zur SOS-Psychologin, sie habe Angst gehabt, die hässlichen Dinge wie das brennende Haus mit den schreienden Menschen zu zeichnen. «Auf dem Bild von Nada ist zu erkennen, dass sie sich an ihrem aktuellen Aufenthaltsort geborgen fühlt. Es zeigt ein Haus, etwas Sonne, Wiesengrund, Blumen, einen Schmetterling und zwei Menschen, die in Gestik und Mimik Lebenslust versprühen. Schön!», sagt Expertin Degunda. Dieses Bild hat Baraa (8) gezeichnet. Sie verlor ihren Vater, später wurde ihre Mutter schwer krank und sie brachte ihre Kinder ins Kinderdorf. Auch sie hat Bomben gemalt, die im nächsten Moment einschlagen. Sie erzählte der Therapeutin, dass sie das selbst erlebt habe. Sie habe gerade Wäsche aufgehängt und sei fröhlich gewesen. Nach dem Tod ihres Vaters flüchtete Baraa zusammen mit ihrer Mutter und ihren fünf Geschwistern aus dem belagerten Ost-Ghouta nach Damaskus. Sie träumt davon, Sportlehrerin zu werden. Im Bild bringt sie Kindern das Fussballspielen bei. Menschen ohne Arme und ohne Beine. Menschen mit abgetrenntem Kopf. Menschen, die um ihr Leben rennen. So zeichnet Rema (9) zu Beginn ihrer Trauma-Zeichentherapie ihre Erinnerungen an ihre Heimat. Rema und ihre drei Geschwister, darunter auch die 11-jährige Nada, haben ihre Eltern im syrischen Krieg verloren. In der Trauma-Zeichentherapie zeichnet Rema heute Menschen, die Fussball spielen, Rad fahren und schwimmen – umgeben von Blumen und Herzen. «Als ich dieses Bild gemalt habe, war ich glücklich», sagte sie zur Psychologin.

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Seit 2011 herrscht in Syrien Krieg, Frieden ist nach der jüngsten Eskalation im Norden des Landes nicht in Sicht. Darunter leiden speziell die Kinder, die schlimme Dinge mitansehen müssen. Vom Schrecken des Krieges zeugen auch die Zeichnungen der Kinder, die im Rahmen einer Trauma-Zeichentherapie im SOS-Kinderdorf Saboura in Syrien entstanden sind. Darin verarbeiten die Kinder schlimme Kriegserfahrungen.

Azzam (10) etwa hat im Krieg seinen Bruder und seine Mutter verloren. Der Bub zeichnete, um zu vergessen: Immer wieder malte er seinen toten Bruder, bombardierte Häuser und brennende Autos. Nicht minder unter die Haut gehen die Zeichnungen von Nada (11), Rema (9) und Baraa (8) (siehe Bildstrecke oben).

«Der Horror meisselt sich ins Herz des Betrachters»

«Es sind sehr eindrückliche, berührende Bilder von Bedrohung, Gewalt und Verstörung», sagt die Maltherapeutin Irena Degunda. Hoffnungsvoll stimme, dass die Kindern die Möglichkeit ergreifen würden, das Erlebte in den Zeichnungen auszudrücken. Die Gräuel des Krieges seien in den Bildern unübersehbar: «Feuer, Explosionen, Bomben, Vernichtung, Enthauptung und weinende Menschen. Der Horror meisselt sich durch die wenigen Striche ins Herz des Betrachters.»

«Die Kinder können sich den Bezugspersonen anvertrauen»

Heute zeichnen die Kinder auch wieder hoffnungsvollere Bilder: So will Azzam Ingenieur werden. Seinen Traum hat er in ein Bild übersetzt. Darin baut er zusammen mit Bauarbeitern die zerstörten Häuser in Aleppo wieder auf.

Positiv stimmen solche Bilder Derya Kilic, die bei SOS-Kinderdorf Schweiz für den Bereich Digital & Marketing zuständig ist: «Die Kinder, die zum Teil nichts anderes als Krieg und Vernichtung kennen, können sich den Bezugsperson anvertrauen und über Vergangenes sprechen. Das zeigt, wie fortschrittlich unsere Arbeit ist.» Beeindruckend sei, wie sich die Mitarbeiter auch von Rückschlägen in der Therapie nicht entmutigen liessen.

«Schlussendlich ist das Ziel unserer Arbeit, den Kindern eine selbstbestimmte Zukunft zu ermöglichen. Und dafür bin ich allen Beteiligten in diesem Heilungsprozess unendlich dankbar.»

(daw/jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • IchDuWir am 04.11.2019 11:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das macht betroffen...

    Was diese Kinder erlebt haben, macht mich betroffen, sprachlos, traurig und ich muss weinen. Das tröstende ist, dass es Menschen gibt, die so wichtige Hilfe leisten. Den Kindern ein Leben ermöglichen. Die machen einen tollen, wichtigen Job. Schei... Krieg!

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  • Ralf Rüdiger am 04.11.2019 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    aus humanitären Gründen verbieten

    Kriege müsste man, allein schon aus humanitären Gründen, eigentlich längst gesetzlich verbieten lassen.

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  • österreich_bua am 04.11.2019 11:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grausamkeiten werden sich immer wiederholen

    Verantwortlich dafür ist europäische & amerikanische Politik - voran die Wirtschaftspolitik, die diese Grausamkeiten möglich machen. Ohne dieser Rüstungsindustrie & dem Wirtschaftsdenken & -handeln, wird Wirtschaft blutig / tödlich !!! Auch wenn die Wirtschaft in manchen Ländern stagniert, so kann diese durch Rüstungsexporte die Wirtschaftszahlen "verschönern" zum Leidwesen tausender Menschen & Kindern. Solange sich dbzgl nicht ab sofort was ändert, wird der Wahnsinn nicht ändern. Es trifft ja nicht nur Syrien, sondern auch Jemen & andere Länder auf dieser Erde !!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • 50+ am 04.11.2019 14:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir werden es nie lernen

    ähm, ihr seid euch schon bewusst, dass dies kein neuzeitliches Phänomen ist? Die Geschichte des Menschen ist brutal, so wie die Natur brutal ist. Leider geht es beim Menschen nicht mehr nur um das Überleben und zur Sicherung des Erhalts der Spezie, nein, es geht zu oft nur um Geld, Macht oder Religion. Traurig aber leider wahr

  • Marieluise am 04.11.2019 14:27 Report Diesen Beitrag melden

    Trauriger Rekord

    In Afghanistan sind nach Angaben des Uno-Kinderhilfswerks Unicef 600'000 Kinder unter fünf Jahren bedrohlich unterernährt. So schwer betroffen seien sonst nur die Bürgerkriegsländer Jemen und Südsudan, sagte ein Unicef-Sprecher am Freitag in Genf.

  • larry amberg am 04.11.2019 14:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es kommt wie's kommen muss.

    wer hat die "arabische" welt eingeteilt ? kolonialisten wie :"frankreich - england - usw zuletzt nicht zu vergessen deutschland ." auf Die... und uns kommen nun , all die (sozialbittsteller) um wieder gut machung zu fordern. Und wir können fast nicht nein sagen . zumal auch vom deutschen kanzler versagen 2015.

  • 5 vor 12 am 04.11.2019 14:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gut und Böse?

    So lange es Massenvernichtungswaffen gibt, vor allem Atomwaffen, ist die Welt in kolossaler Gefahr", sagte er in einem Interview mit der britischen BBC. Daher sei es nötig, dass alle Staaten sich dazu verpflichten, ihre Atomwaffen zu zerstören. "Um uns zu retten und die Welt", so Gorbatschow. Laut einem Medienbericht hat sich US-Präsident Donald Trump über die Möglichkeit erkundigt, Hurrikans mit Atombomben bekämpfen zu können.

  • B. Kerzenmacher am 04.11.2019 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Die immer

    wieder gestellte Frage: Was kommt nach dem Daesh (IS)? Der Daesh (IS) ist Ideologie und Ideologie lässt sich nicht einfach ab- oder auflösen. Der Deash ist faktisch überall, wo Bildungsnotstand und Armut in Verbindung mit dem Islam herrschen. Dies kann in Mosul, Aleppo, aber auch in London, Paris oder Brüssel sein. Der radikale Islamismus braucht keine Organisation. er muss nur die Geisteshaltung frisch halten. Futter dafür gibt es täglich, nicht zuletzt durch die seit Jahrzehnten anhaltende Finanzierung von Terrororganisationen durch Staaten wie Katar oder das KSA.