Exekutionen in Saudiarabien

05. Januar 2016 08:33; Akt: 05.01.2016 10:37 Print

Droht ein Krieg zwischen Saudis und dem Iran?

von K. Moser - Experte Sebastian Sons über die Hintergründe und die Folgen der Massenhinrichtung in Saudiarabien.

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Der saudische König Salman wollte mit der Massenexekution am 2. Januar 2015 eine Botschaft an die Welt und an sein Volk aussenden. Doch sie wurde nicht verstanden. 47 Menschen wurden hingerichtet, vorwiegend mutmassliche al-Qaida- und IS-Terroristen. Aber auch vier schiitische Kleriker, darunter der saudische Oppositionsführer Nimr al-Nimr. In der Folge kam es zu heftigen Protesten in der schiitischen Welt. In der iranischen Hauptstadt Teheran griffen Demonstranten die saudische Botschaft an. Die «Rache Gottes» werde das saudische Königshaus ereilien, drohte das geistliche Oberhaupt des Iran, Ayatollah Chamenei. Saudiarabien kündigte erst die diplomatischen und später alle wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Iran. (Bild: Saudischer Aussenminister Adel al-Jubair) Nach Protesten kappt auch Bahrain die Beziehungen zum Iran. Demonstranten in Teheran. (3. Januar 2016) Demonstranten versuchen in Teheran ein neues Strassenschild mit dem Namen des hingerichteten Nimr al-Nimr anzubringen. (3. Januar 2016) Auch die Fahnen der USA und Israels werden bei den Demonstrationen gegen Saudiarabien verbrannt. Einige Teile der Botschaft wurden verwüstet: Laut dem Twitterer Amin Khorami zeigt das Bild einen von den Demonstranten verwüsteten Raum in Der Vertretung Saudiarabiens. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Am Tag nach der Hinrichtung des Geistlichen kam es zu zahlreichen Demonstrationen in mehreren Ländern: Pakistanische Schiiten protestieren in Karachi. (3. Januar 2016) Zahlreiche schiitische Vertreter veruteilten die Exekution: Der Anführer der libanesischen Hizbollah, Hassan Nasrallah, in einer Fernsehansprache. (3. Januar 2016) Proteste bis nach Indien schon am Tag der Hinrichtung: Schiiten demonstrieren in Srinagar, das während der Sommermonate die Hauptstadt des indischen Teils Kaschmirs ist. (2. Januar 2016) Besonders ausgeprägt waren die Proteste in Bahrain: Ein Demonstrant in Daih, einem Vorort der Hauptstadt Manama. (2. Januar 2016) Sie Sicherheitskräfte in Bahrain setzten Tränengas gegen die vorwiegend jugendlichen Demonstranten ein. Auch Frauen demonstrierten in Bahrain. Auch in Saudiarabien selber kam es zu Protesten: Demonstranten mit Postern al-Nimrs in Tarut. Al-Nimr war einer der Anführer der Proteste von Shiiten während des arabischen Frühlings. Schon zuvor kam es zu Protesten wegen seiner Verhaftung und Verurteilung: Demonstration im ostsaudischen al-Awamiya. (30. September 2012) Eine Anhägerin der shiitischen Huti-Miliz im Jemen demonstriert für al-Nimr vor der saudischen Botschaft in Sanaa. (18. Oktober 2014)

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47 Menschen exekutierte Saudiarabien am Samstag, die meisten waren mutmassliche sunnitische Terroristen. Doch es war der Tod des Schiiten Nimr a-Nimr, der weltweite Reaktionen auslöste. Saudiarabien-Experte Sebastian Sons erklärt, was das für Folgen hat.

Herr Sons, was bezweckte Saudiarabien mit den Exekutionen?
Saudiarabien versteht sich schon länger als Kämpfer gegen den islamistischen Terrorismus. Das wollte man – auch gegenüber Kritikern aus der westlichen Welt – unter Beweis stellen, indem man vorwiegend mutmassliche Terroristen exekutierte, die laut saudischer Aussage der al-Qaida oder dem IS nahestanden.

Warum richtete man auch schiitische Geistliche hin?

Saudiarabien fühlt sich vom Iran und von proiranischen Staaten wie Bahrain, Jemen und Syrien zunehmend unter Druck gesetzt. Das Königshaus befürchtet, dass diese Entwicklung die saudischen Schiiten beeinflussen könnte, die weder wirtschaftlich noch politisch integriert sind und als Ketzer diffamiert werden. Der hingerichtete Geistliche Nimr al-Nimr führte die schiitische Opposition an und rief zum Sturz des Königshauses auf. Diesen Regimekritiker und drei weitere schiitische Kleriker wollte man – eingebettet in die vielen anderen Todesurteile – möglichst stillschweigend beseitigen.

Jetzt reden alle nur vom Schiiten al-Nimr.
Genau, die Strategie ist nicht aufgegangen: Niemand spricht darüber, dass Saudiarabien mutmassliche jihadistische Terroristen hinrichtete.

Gibt es auch innenpolitische Gründe für die Exekutionen?

Das Königshaus wollte der eigenen Bevölkerung in Zeiten der Krise zeigen, dass es massiv gegen seine Feinde vorgeht – seien es islamistische Terroristen oder iranisch beeinflusste Schiiten. Die Botschaft war, dass man sich von niemandem einschüchtern lässt. Es sollte ein klares Signal der Stärke sowohl nach innen als auch nach aussen sein.

In welcher Krise steckt Saudiarabien?
Saudiarabien befindet sich vor allem in einer wirtschaftlich prekären Situation. Das liegt nicht nur an den gefallenen Ölpreisen, sondern auch an grundlegenden Strukturproblemen und einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit. Die Unzufriedenheit im Land nimmt zu. König Salman betont denn auch immer wieder die Kernpunkte wirtschaftlicher Fortschritt und Sicherheit. Letzteres will man erreichen, indem man im Ausland gegen den iranischen Einfluss vorgeht, sei es in Syrien oder im Jemen. Auf wirtschaftlicher Ebene rief das Königshaus einen Wirtschaftsrat unter Salmans Sohn Mohammed ins Leben, der auch von US-Consultants beraten wird.

Was sind die Folgen im Nahen Osten?
In der ganzen Region wird der konfessionelle Konflikt jetzt nochmals angeheizt, die Destabilisierung nimmt zu. Die Hinrichtung führte zu Protesten von Schiiten – auch in Saudiarabien. Das iranisch-saudische Verhältnis hat sich definitiv zusätzlich verschlechtert, und ohne Zusammenarbeit der beiden Länder ist meiner Ansicht nach keine Lösung der Probleme im Nahen und Mittleren Osten möglich.

Kommt es jetzt zur Eskalation?
Die Eskalation haben wir ja eigentlich schon: Wir haben mehrere Bürgerkriege, und in allen Krisenherden spielen die Saudis und die Iraner eine Rolle. Zu einer direkten Konfrontation auf militärischer Ebene kam es bisher nicht. Ich vermute, dass das so bleiben wird, weil sich beide Staaten relativ sicher sein sollten, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können. Man kann nur hoffen, dass das Königshaus begreift, dass seine westlichen Partner nicht mehr uneingeschränkt hinter Saudiarabien stehen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • panthomas am 05.01.2016 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Religionskriege absolut unnötig !

    Langsam aber sicher sollte die Menschheit begreifen, dass ein Religionskrieg absolut unnötig ist, er bringt mir Leid und Elend. Diese Kriege zeigten schon in der Vergangenheit, dass es nichts bring ausser den Tod!

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  • tja am 05.01.2016 10:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kontrollierter Flächenbrand

    Was wird folgen? Ein einschreiten der westlichen 'Partner' sicher nicht, da gibt es zuviel Geld zu verdienen. Also munter weiter Waffen an die Saudis liefern und ihnen ihr Öl abnehmen, damit sie weiter ihre diversen Stellvertreter Kriege mit dem Iran führen können. Schlussendlich bleibt alles beim alten.

  • Bruno am 05.01.2016 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage der Zeit

    Wenn man in den letzten Tagen die Schlagzeilen vom nahen Osten gelesen hat, wunderts mich nicht und ist nur eine Frage der Zeit. Keiner will nachgeben. Ist ja überall so!

Die neusten Leser-Kommentare

  • panthomas am 05.01.2016 11:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Religionskriege absolut unnötig !

    Langsam aber sicher sollte die Menschheit begreifen, dass ein Religionskrieg absolut unnötig ist, er bringt mir Leid und Elend. Diese Kriege zeigten schon in der Vergangenheit, dass es nichts bring ausser den Tod!

    • Suleyman am 05.01.2016 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @panthomas 

      Der glaube ist oftmals eher ein Fanatisierungsmittel als der Grund für einen Konflikt. Aber ja der Mensch sollte langsam verstehen das Gewalt unnütz ist.

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  • Dominik am 05.01.2016 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Bild vervollständigt sich

    Was wir in den heutigen Tagen miterleben ist nichts weiter als kontrollierte Geopolitik. Warum bricht wohl genau jetzt, wo das Erdöl so billig ist und gleichzeitig ein Umschwung zur alternativen Energiegewinnung stattfindet, ein neuer Konflikt zwischen den zwei Spitzenländern in der Ölförderung aus? Es geht jetzt, in dieser Übergangszeit, darum die "letzten paar Fässer" an den Mann zu bringen. In 20, spätestens 30 Jahren werden alle Ölreichen Staaten auf ihrer schwarzen Pampe sitzen bleiben. Und ratet mal wer liebend gerne einspringen würde, wenn der Iran und die Saudis anderweitig beschäftigt sind und der Ölpreis wieder steigt. Natürlich unser netter transatlantischer Nachbar.

  • Röne am 05.01.2016 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Waffen liefern und Geduld haben

    Sobald das Öl verbrannt ist, wird es dort wieder ruhiger. Manchmal braucht es etwas Geduld. Dass wir deren Öl brauchen ist eines, aber aktiv die Region mit Waffen unterstützen ist falsch.

  • Player am 05.01.2016 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Bald kommt der krieg ?

    irgend wann werden die beiden Länder aufeinander gehen, nicht heute vielleicht morgen.

    • Papierkorb am 05.01.2016 11:11 Report Diesen Beitrag melden

      Punkt Schluss Ende Aus Fertig Neu Start

      Nein wird nicht passieren.

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  • Bruno am 05.01.2016 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage der Zeit

    Wenn man in den letzten Tagen die Schlagzeilen vom nahen Osten gelesen hat, wunderts mich nicht und ist nur eine Frage der Zeit. Keiner will nachgeben. Ist ja überall so!