Premiere in Asien

12. November 2016 17:37; Akt: 12.11.2016 17:37 Print

Dürfen Homosexuelle in Taiwan bald heiraten?

von Ralph Jennings, AP - Homo-Ehen mit völlig gleichen Rechten gibt es in einigen Ländern. Asien hinkt weit zurück. Jetzt könnte Taiwan für eine Premiere sorgen.

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Taiwanische Parlamentarier arbeiten derzeit an drei Gesetzesvorlagen zur Gleichstellung von Homo-Ehen, eine davon soll demnächst im Parlament debattiert werden und könnte schon in wenigen Monaten verabschiedet werden. (Taipei, Taiwan, 25. Oktober 2016) Log Chen lebt seit drei Jahren in einer festen Partnerschaft. Eine Gesetzesänderung würde ihnen die Zukunftsplanung leichter machen, sagt die 32-Jährige. «Wenn meiner Partnerin etwas zustossen würde, bliebe ich mit nichts zurück.» (Taipei, Taiwan, 3. November 2016) Taiwan würde im Fall einer Legalisierung dem Beispiel der USA, Kanadas, Kolumbiens, Irlands und 16 anderer Länder folgen, die in den vergangenen 15 Jahren Ehen mit gleichgeschlechtlichen Partnern legalisiert haben, wie die Humans Rights Campaign sagt. (Taipei, Taiwan, 31. Oktober 2016) Die Softwareingenieurin Su (links) und ihre Partnerin haben bei den Menschen, denen sie begegnet sind, kaum Ablehnung verspürt. (Taipei, Taiwan, 4. November 2016) Die meisten Leute akzeptierten ihre Beziehung und ihr Recht, Kinder grosszuziehen, sagt Su (links). (Taipei, Taiwan, 4. November 2016) Insgesamt sind ungefähr 80 Prozent der Taiwaner im Alter zwischen 20 und 29 Jahren für die volle Anerkennung von Homo-Ehen. (Taipei, Taiwan, 25. Oktober 2016) Homo-Ehen mit völlig gleichen Rechten gibt es schon in einer Reihe von Ländern, so in den USA. Aber Asien hinkt da weit zurück. Jetzt könnte Taiwan für eine Premiere sorgen. ( (Taipei, Taiwan, 25. Oktober 2016) «Jetzt, wenn etwas mit dem Kind passiert, ist der andere Partner wie ein Fremder», sagt Su (links), eine 35-jährige Softwareingenieurin in Taipeh. (Taipei, Taiwan, 4. November 2016)

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Su Shan und ihre Partnerin ziehen zusammen fünf Monate alte Zwillinge auf, aber nur eine der Frauen ist die rechtmässige Mutter der Kinder. Aber das ändert sich vielleicht bald: Taiwan könnte der erste Staat in Asien werden, der Homo-Ehen legalisiert.

«Wenn etwas mit dem Kind passiert, ist der andere Partner wie ein Fremder», sagt Su, eine 35-jährige Softwareingenieurin in Taipeh. In einer rechtlich voll anerkannten Ehe gleichgeschlechtlicher Partner könnten dagegen beide Entscheidungen etwa über die medizinische Behandlung fällen.

Mehrheit in Taiwan für Homo-Ehe

Taiwanische Parlamentarier arbeiten derzeit an drei Gesetzesvorlagen zur Gleichstellung von Schwulenehen, eine davon soll demnächst im Parlament debattiert werden und könnte schon in wenigen Monaten verabschiedet werden. Eine Legalisierung wird auch von Tsai Ing-wen unterstützt, der ersten Präsidentin Taiwans.

Insgesamt sind ungefähr 80 Prozent der Taiwaner im Alter zwischen 20 und 29 Jahren für die volle Anerkennung von Homo-Ehen, wie Tseng Yen-jung, Sprecherin der Gruppe Taiwan LGBT Family Rights Advocacy, sagt. Laut einer Umfrage der Zeitung «United Daily News» vor vier Jahren befürworten 55 Prozent der Bevölkerung einen solchen Schritt, 37 Prozent sind dagegen.

Akzeptanz ist stark gewachsen

Diese breite Unterstützung spiegelt die allgemeine freiheitliche Gesinnung Taiwans wider, mit einer Offenheit für Massnahmen zur Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen. Hinzu kommt aber auch, dass die meisten der 23 Millionen Einwohner dem Buddhismus und anderen traditionellen chinesischen Religionen folgen, für die sexuelle Orientierung oder Homo-Ehen kein grosses Thema sind.

Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist seit den 1990er-Jahren stetig gewachsen, unterstützt durch eine bereits etablierte feministische Bewegung, wie Jens Damm erklärt, Dozent an der Chang-Jung-Universität in Taiwan.

Viele asiatische Länder verbieten gleichgeschlechtlichen Sex

Das traditionelle Rollenverständnis und der starke Druck von Eltern auf ihre Kinder, zu heiraten und Nachwuchs zu zeugen, bildeten aber weiter Hürden. Und die Insel hat nicht viele offen schwule oder lesbische Berühmtheiten aufzubieten, die sich an die Spitze stellen könnten. Der Schriftsteller und TV-Talkshow-Gastgeber Kevin Tsai ist eine der wenigen Ausnahmen.

Taiwan würde im Fall einer Legalisierung dem Beispiel der USA, Kanadas, Kolumbiens, Irlands und 16 anderer Länder folgen, die in den vergangenen 15 Jahren Ehen mit gleichgeschlechtlichen Partnern legalisiert haben, wie die Humans Rights Campaign sagt. Das ist eine in der US-Hauptstadt Washington angesiedelte Gruppe, die für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi-und Transsexuellen kämpft. Aber unter asiatischen und nahöstlichen Ländern, von denen mindestens 20 immer noch Sex zwischen Männern oder zwischen Frauen verbieten, wäre Taiwan eine auffallende Ausnahme.

Präsidentin unterstützt Legalisierung

«Es ist ein grosser Schritt in der Geschichte der Menschenrechte», sagt Yu Mei-nu von der regierenden Demokratischen Fortschrittspartei. Sie ist die Initiatorin der Gesetzesvorlage, die demnächst im Parlament zur Debatte ansteht. «Wenn das in Taiwan durchgebracht werden kann (...), ist das ein Modell für andere asiatische Länder.»

Taiwans Justizministerium hat sich nicht speziell für einen der drei Entwürfe starkgemacht, aber in der vergangenen Woche auf seiner Website «anhaltende Offenheit» in Sachen Homo-Ehen versprochen. Präsidentin Tsai hat zuletzt im Oktober bekräftigt, dass sie eine Legalisierung unterstützt.

Zukunftsplanung wäre leichter

Schwule und Lesben selber haben in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Lobby gebildet. Ungefähr 100 von ihnen haben eigene Gruppen gebildet, die sich für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen einsetzen. Die jährliche Gay-Rights-Parade im Oktober in Taipeh zog Zehntausende Menschen an.

Log Chen lebt seit drei Jahren in einer festen Partnerschaft. Eine Gesetzesänderung würde ihnen die Zukunftsplanung leichter machen, sagt die 32-Jährige. «Wenn meiner Partnerin etwas zustossen würde, bliebe ich mit nichts zurück.»

Widerstand von konservativen Politikern wächst

Sind solche Fragen wie eine gemeinsame Krankenversicherung und Hinterbliebenenversorgung auch motivierende Faktoren, geht es natürlich auch schlicht um Liebe und Respekt, wie Jay Lin, Gründer und Direktor des Taiwan International Queer Film Festival, sagt. «Es gibt eine Menge Leute, die seit Jahren in einer liebevollen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben und das gern mit einem Ring besiegeln würden», so der Vater von zwei kleinen Zwillingssöhnen. Im Falle einer Legalisierung würden er und sein Partner eine Ehe in Betracht ziehen.

Aber je näher ein möglicher Gesetzesschritt rückt, verhärtet sich bei einer kleinen Minderheit von fundamentalistischen Kirchen und konservativen Politikern der Widerstand. Dazu zählen Mitglieder der Kuomintang, die bereits in der Vergangenheit, als sie an der Macht war, mehrere Gesetzesvorstösse zur Legalisierung von Homo-Ehen blockiert hat.

«Wenn sie merken, dass es zwei Mütter gibt, sind sie fasziniert»

Gegner einer Gleichstellung warnen unter anderem vor einer Belastung von Taiwans Sozialsystem. Der Tod eines gleichgeschlechtlichen Partners würde den überlebenden von staatlichen Leistungen abhängig machen, da viele Paare keine Kinder hätten, die sie im Alter unterstützen könnten. Und hätten Paare Kinder, wäre für diese der Umgang mit anderen aus traditionellen Familien schwierig – ein Argument, das allerdings von vielen Sozialwissenschaftlern widerlegt worden ist.

Die Softwareingenieurin Su und ihre Partnerin haben bei den Menschen, denen sie begegnet sind, kaum Ablehnung verspürt. Die meisten Leute akzeptierten ihre Beziehung und ihr Recht, Kinder grosszuziehen, sagt Su. «Wenn wir mit unseren Kindern auf den Markt gehen, sagen Leute, wie niedlich sie sie finden. Und wenn sie merken, dass es zwei Mütter gibt, sind sie fasziniert.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sebastian Krümel am 12.11.2016 18:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und wo bleibt die Schweiz?

    wann legalisiert die Schweiz endlich die Homoehe?! Dies sollte in unserer Gesellschaft heutzutage normal sein. LOVE IS LOVE

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  • Zlottl am 13.11.2016 00:32 Report Diesen Beitrag melden

    Warum hinken wir immer hinterher?

    Wenn man das Frauenstimmrecht als Referenz nimmt, wird es in der Schweiz wohl noch 50 Jahre dauern, bis die Homoehe kommt. Ich kann wirklich nicht begreifen, wie da jemand dagegen sein kann. Die Homoehe schadet niemandem. Und wenn ihr meint, dass eure Religion diese verbietet, ist das ebenfalls irrelevant, da es hier um die Ehe vor dem Gesetz geht, und nicht um die kirchliche Ehe.

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  • afedial am 12.11.2016 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein grosser Schritt in die richtige Richtung...

    Mit den jetzigen noch konservativen, älteren Politikern wird es wohl noch auf Ablehnung gestellt bleiben. Aber in Kürze sollte diese blockierende Gegenwehr auch aufgelöst sein so dass dem nichts mehr im Wege stehen wird. Vorteil auch, dass der Buddhismus sehr tolerant ist!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pasci am 13.11.2016 15:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Ein weitere Schritt in die richtige Richtung! Die Ewiggestrigen werden zum Glück weniger. Liebe ist Liebe auch vor Gott!

  • Larisa&Jenny am 13.11.2016 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ohne Heirat

    Wenn Heiraten für uns immer noch Verboten ist. Dann kann man ja zusammen Leben ohne zu Heiraten, dann kann der Stat nichts machen.

    • Don Logan am 13.11.2016 16:45 Report Diesen Beitrag melden

      @Larisa&Jenny

      In der Schweiz können gleichgeschlechtliche Partner sich seit 2003 registrieren lassen. Ob man das mit heiraten gleichstellen kann? Wohl kaum

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  • Ueli am 13.11.2016 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    In Taiwan schon...

    Aber in den USA wird bald wieder Sitte und Ordnung herrschen!

  • Alina am 13.11.2016 08:56 Report Diesen Beitrag melden

    Eine Scheibe davon

    könnte sich die Schweiz abschneiden. Schon lange sollte das Normalität sein.

  • ToGoLoGo am 13.11.2016 08:51 Report Diesen Beitrag melden

    Taiwan ist ein Wunder

    Taiwan ist faszinierend. Nicht umsonst schaut China neidisch auf die Wirtschaftswunder Taiwan hoch. Dort entwickeln sich endlich die Menschenrechte, die dann einmal (in 300?) auch in China ankommen?