Aufruhr in Syrien

24. März 2011 12:28; Akt: 24.03.2011 12:41 Print

Dutzende Regimegegner erschossen

Die Proteste gegen die Regierung in Syrien sind eskaliert: Zahlreiche Demonstranten wurden in der Stadt Daraa erschossen. Die USA und die UNO verurteilten die Gewalt.

Erste Aufnahmen von den Ausschreitungen in Daraa. (Video: Al Jazeera/YouTube)
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Mit Gewalt und ohne Gnade geht die syrische Führung gegen die Regimegegner in der Stadt Daraa vor. Ein Bewohner der Stadt, der am Abend nach Damaskus geflohen war, sagte der Nachrichtenagentur dpa, Polizisten in Zivil und Soldaten hätten am Mittwoch das Feuer auf eine Gruppe von mehreren Tausend Zivilisten eröffnet.

Diese seien aus den nördlich von Daraa gelegenen Dörfern gekommen, um die Blockade der Stadt durch die Sicherheitskräfte zu beenden. Nach diesen Angaben wurden Dutzende Menschen getötet. Von offizieller Seite gab es keine Bestätigung. Der Augenzeuge sagte, die Familien von 22 Getöteten hätten die Leichen ihrer Angehörigen in einem Spital in Damaskus abholen können. Weitere Opfer würden noch vermisst.

«Massaker an der Bevölkerung»

Oppositionelle hatten zuvor berichtet, Angehörige der Sicherheitskräfte hätten in der Nacht zum Mittwoch die Al-Omari-Moschee in Daraa gestürmt und 17 Demonstranten erschossen. Dutzende Menschen seien verletzt worden. «Das Regime hat hier ein Massaker an der Bevölkerung verübt», sagte ein Augenzeuge. Syrische Oppositionelle teilten im Internet mit, die Sicherheitskräfte hätten am frühen Morgen das Feuer auf eine Gruppe von rund 300 Menschen eröffnet, die sich vor und in der Moschee versammelt hatten.

Das Syrische Menschenrechtskomitee mit Sitz in London meldete auf seiner Website, dass ein Soldat von seinen Vorgesetzten erschossen worden sei, nachdem er sich geweigert habe, die Moschee zu stürmen. Die Organisation berief sich aus Quellen aus Daraa, der Bericht konnte aber nicht unabhängig bestätigt werden.

Prominente Aktivisten verhaftet

Die syrische Regierung stellte den Vorfall ganz anders dar. Die Nachrichtenagentur Sana meldete, eine bewaffnete Bande habe in Daraa auf einen Krankenwagen geschossen und einen Arzt, einen Sanitäter sowie den Fahrer getötet. Daraufhin seien die Sicherheitskräfte eingeschritten. Sie hätten mehrere Angreifer verletzt und einige von ihnen festgenommen. Auch ein Sicherheitsbeamter sei während des Gefechts ums Leben gekommen.

Nach Angaben der arabischen Liga für Menschenrechte hatten die syrischen Behörden seit Wochenbeginn mehrere prominente Aktivisten festgenommen, darunter einen bekannten Schriftsteller, der sich mit den Demonstranten solidarisch erklärt hatte. Loay Hussein sei am Dienstag in seinem Haus in Damaskus aufgegriffen und sein Computer beschlagnahmt worden, erklärte der Leiter der Organisation, Abdul Karim al Rihawi.

Aufruf zu Freitags-Demos

Die Al-Omari-Moschee ist seit sechs Tagen Zentrum der Proteste gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad. Wie in anderen arabischen Staaten fordern die Demonstranten in Syrien, wo seit fast 40 Jahren ein Notstandsgesetz in Kraft ist, mehr politische Freiheiten. Die Staatsmacht reagierte mit einer Welle von Verhaftungen. Letzte Woche waren in Daraa vier Demonstranten getötet worden, als die Sicherheitskräfte mit Waffengewalt eine Kundgebung auflösten. Ein elfjähriges Kind starb, nachdem es Tränengas eingeatmet hatte.

Die Proteste in Syrien beschränken sich bislang vor allem auf Daraa und das Umland, ausserdem gab es kleinere Kundgebungen in der Hauptstadt Damaskus. Aus Oppositionskreisen hiess es, auch in der Stadt Aleppo sei es am Mittwoch zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Dabei habe die Polizei Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. Für Freitag haben Aktivisten über Online-Netzwerke wie Facebook zu Massendemonstrationen im gesamten Land aufgerufen.

Protest vor UNO in Genf

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Gewalt gegen friedliche Demonstranten und forderte eine transparente Untersuchung der Todesfälle. Der Sprecher des US-Aussenministeriums, Mark Toner, sagte, Washington sei tief besorgt über die Anwendung von Gewalt und Einschüchterung durch die syrische Regierung.

In Genf demonstrierten am Mittwoch vor dem UNO-Sitz rund 50 syrische Oppositionelle, die in der Schweiz leben. Sie riefen die UNO und die europäischen Regierungen auf, den «Massakern» in Syrien ein Ende zu setzen. «Wir demonstrieren, um die Massaker in der belagerten Stadt Daraa zu verurteilen», sagte Haysam Serrieh, ein Vertreter der Demonstranten, der in Zürich unterrichtet, der Nachrichtenagentur SDA.


Ein Handyvideo, das angeblich den Marsch auf Daraa vom Mittwoch zeigt.

(pbl/sda/ap)