Erdogans Offensive in Syrien

28. Februar 2018 12:34; Akt: 28.02.2018 12:34 Print

Bilanz nach einem Monat «Operation Olivenzweig»

von Ann Guenter - Am 20. Januar hat die Türkei ihre Offensive auf die syrische Kurden-Enklave Afrin gestartet. Ankara zufolge läuft alles wie geschmiert. Stimmt das?

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Türkisches Artilleriefeuer vor der syrischen Kurden-Enklave Afrin. «Afrin fällt nach und nach», sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vor Anhängern im türkischen Gaziantep. «Nun erwarten wir die Eroberung.» Die Rhetorik des Präsidenten rund um die Militäroffensive in Syrien weckt hohe Erwartungen bei seinen Anhängern (im Bild: uniformierte Kinder jubeln Erdogan bei einer AKP-Veranstaltung in Ankara zu). Gut einen Monat nachdem die «Operation Olivenzweig» angelaufen ist, fragt sich, ob diese erfüllt werden. Denn Beobachter zweifeln, ob die Einnahme Afrins so einfach wird. So scheint die Offensive, obgleich nur unweit von der türkisch-syrischen Grenze entfernt, immer wieder ins Stocken zu geraten. «Das hat drei Gründe», sagt Nahostexperte Guido Steinberg. «Der logistische Aufwand ist enorm hoch. Die Versorgungswege müssen geschützt werden. Und: Die türkische Armee ist nicht auf dem Stand, auf dem sie sein sollte.» Letzteres ist im Zusammenhang mit den Säuberungen in den Reihen der türkischen Armee zu sehen. Mittlerweile haben die Kurden den syrischen Machthaber Bashar al-Assad um Hilfe gebeten. Daraufhin schickte Damaskus letzte Woche einige Milizen zur Verstärkung nach Afrin. Die Operation der Türkei wird dadurch noch riskanter. Nicht, dass eine Einnahme der kurdischen Stadt besonders schwierig wäre. Doch: «Die türkische Armee wird dies mit schierer Feuerkraft und massiver Gewaltanwendung tun. Das dürfte auch mit unverhältnismässig grossen Verlusten für die Türkei einhergehen», sagt Steinberg. Derweil machten im Osten Syriens neue Luftangriffe der syrischen Regierungstruppen eine von Russland ausgerufene Waffenruhe für die syrische Rebellenenklave Ost-Ghuta zunichte. Nach Angaben syrischer Staatsmedien beschossen die Aufständischen einen «humanitären Korridor», um die Einwohner an der Flucht zu hindern. Die von Russland ausgerufene und gleich wieder gebrochene tägliche Feuerpause bleibt deutlich hinter der Forderung des UNO-Sicherheitsrats nach einer landesweiten 30-tägigen Waffenruhe zurück. Letzte Woche nahmen Aktivisten die Lage in Syrien zum Anlass, mit Lastern drei Stunden lang um das UNO-Hauptquartier in New York City zu fahren. Inspiriert vom Film «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri», klagten sie die Untätigkeit des Sicherheitsrates an.

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Seit etwas mehr als einem Monat läuft die türkische «Operation Olivenzweig» gegen die syrische Kurden-Enklave Afrin. An der Offensive hält die Türkei trotz der UNO-Resolution für eine Waffenruhe in Syrien fest. Man werde weiterhin «entschlossen» gegen «terroristische Organisationen» kämpfen, die die «territoriale Unversehrtheit und politische Einheit Syriens bedrohen», liess Ankara verlauten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will den Einsatz so lange fortsetzen, «bis der letzte Terrorist vernichtet ist». Er fügte hinzu, dass man seit Beginn der Offensive über 2000 «Terroristen neutralisiert» habe. Das Wort «neutralisieren» verwenden türkische Behörden meist, ohne näher zu erklären, ob die gemeinten Personen getötet, gefangen genommen oder ausgeliefert wurden. Die Zahl ist für Medien nicht überprüfbar.

Warum die Offensive stockt

Erst am Montag bezeichnete Erdogan die Operation als vollen Erfolg: «Afrin fällt nach und nach», sprach er zu einer Menschenmenge im türkischen Gaziantep. «Nun erwarten wir die Eroberung.»

Ist der propagierte Hurra-Optimismus berechtigt? Eher weniger, meint Gudio Steinberg in einer vorläufigen Bilanz zur «Operation Olivenzweig».

«Gut einen Monat nach Beginn der Offensive scheint die türkische Armee Probleme damit zu haben, mehr als wenige Kilometer nach Afrin vorzudringen», sagt der Nahostexperte und Islamwissenschaftler. Das Stocken habe drei Gründe: «Der logistische Aufwand ist enorm. Die Versorgungswege müssen geschützt werden. Und: Die türkische Armee ist nicht auf dem Stand, auf dem sie sein sollte.»

Säuberungen machen sich auch in Syrien bemerkbar

Letzteres ist eine Konsequenz der Säuberungen seit dem Putschversuch im Juli 2016. «Die Säuberungswelle ist mit enormen Einschnitten in den militärischen Reihen einhergegangen», sagt Steinberg. «Intellektuelle Fähigkeiten gingen verloren, im Kampf gegen die kurdischen Milizen fehlen jetzt das Know-how und der militärische Sachverstand erfahrener Offiziere. Das merkt man nun auch in Syrien.»

Nicht, dass eine Einnahme der kurdischen Stadt militärisch besonders knifflig wäre, doch: «Die türkische Armee kann das nur mit schierer Feuerkraft und massiver Gewaltanwendung tun. Das dürfte auch mit unverhältnismässig grossen Verlusten für die Türkei einhergehen», sagt Steinberg. «Darüber hinaus muss Ankara nach der Einnahme Afrins damit rechnen, dass die Kurdenpartei PYD und ihr militärischer Arm YPG in den Untergrund gehen und eine Kampagne starten werden, der das türkische Militär nicht unbedingt gewachsen ist.»

Afrin dürfte nur schwer zu halten sein

Eine weitere Schwierigkeit wird sein, Afrin halten zu können. «Die Stadt ist der türkischen Armee gegenüber ausschliesslich feindselig gestimmt, immerhin ist Afrin die Hochburg der PYD – oder der PKK in Syrien, wenn man so will», sagt Steinberg.

Um all diese Schwierigkeiten wisse auch Ankara. «Tatsächlich sieht es im Moment so aus, als ob die Türkei in Afrin nur mit angezogener Handbremse vorgeht und die Stadt vielleicht gar nicht einnehmen wird. Eben weil sie die damit einhergehenden Gefahren kennt.»

Zusätzliches Risiko: Assads Hilfe für die Kurden

Mittlerweile haben die Kurden den syrischen Machthaber Bashar al-Assad um Hilfe gebeten. Ist von ihm tatsächlich Unterstützung gegen die Türkei zu erwarten? «Ausgeschlossen ist es nicht», sagt Steinberg. «Immerhin hat die Assad-Regierung vor einer Woche einige Milizen zur Verstärkung geschickt.»

Das verleiht der «Operation Olivenzweig» einen weiteren riskanten Aspekt. Denn das Assad-Regime hat zum Ziel, die Kontrolle über ganz Syrien in den Grenzen von 2011 wieder herzustellen. «Selbstverständlich hat Assad kein Interesse daran, dass dann in Afrin die Türken stehen», erklärt Steinberg.

Kommt dazu, dass die syrischen Kurden sich der Rebellion nie offen angeschlossen haben. Sie kooperierten mit den Amerikanern und den Russen und, vor allem bei den Kämpfen um Ost-Aleppo, mit dem syrischen Regime. «Deswegen gibt es jetzt eine Grundlage für eine künftige Zusammenarbeit zwischen diesen beiden Seiten», sagt Steinberg. «Das macht die Operation in Afrin für die Türkei zusätzlich gefährlich, weil sie sich damit eben auch gegen das langsam erstarkende syrische Regime stellt.»

Mehr Schaden oder mehr Nutzen für Erdogan?

So fragt sich, ob die «Operation Olivenzweig» Erdogan unter dem Strich mehr schadet als nützt. Der Leiter der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London, Rami Abdel Rahman, etwa bezweifelt, dass die Türkei in Afrin so einfach siegen wird.

Andere Beobachter hingegen vertreten den Standpunkt, dass Erdogan längerfristig profitieren wird, weil er mit der Offensive die islamisch-nationalistische Mehrheit für die Wahl 2019 mobilisieren kann.

Wie sieht Steinberg das? «Mittlerweile hat es bei Erdogan Tradition, dass er innenpolitisch punktet, wenn er die nationalistische Karte spielt und rigoros gegen die PKK auftritt – und damit auch gegen die syrischen Kurden.» Insofern sei die Interpretation, dass Erdogan innenpolitisch von der «Operation Olivenzweig» profitiere, nicht falsch.

Nur: Bis 2019 dauert es noch lange. Und: «Die Rhetorik rund um diese Operation hat bestimmte Erwartungen geweckt. Ich bin mir nicht sicher, wie die türkische Regierung der Bevölkerung das verkaufen will, wenn die Fortschritte gegen die PYD und die YPG nicht erwartungsgemäss ausfallen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ueli dr Hecht am 28.02.2018 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Do your Job

    Netter Bericht, man könnte aber noch darauf hinweisen, dass es sich um einen illegalen Angriffskrieg auf ein fremdes Staatsgebiet handelt, und das die Türkei hauptsächlich islamistische "Rebellengruppen" einsetzt und nur eine geringe Anzahl eigene Soldaten. Desweiteren gilt die Waffenruhe des UN-Sicherheitsrates auch für Afrin, die Türkei wiedersetzt sich also direkt dem Waffenstillstand. Aber wahrscheinlich sind solche Fakten nicht relevant.

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  • Edmo am 28.02.2018 12:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wie kommt es?

    Schön, dass auch mal wieder der türkische Überfall auf Syrien angesprochen wird. Normalerweise hört man nur von Ost-Ghuta und während alle dorthin schauen, kann Erdogan im Nachbarstaat fast unbeobachtet wüten. Sehr seltsam, die Berichterstattung in unseren Medien.

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  • Tayyiban am 28.02.2018 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Wie ein Land radikalisiert wird

    Selvi, aus Erdogans Journalistenkabinett teilte mit, dass die AKP seit dem Angriff auf Afrin um mind. 5 Wahlpunkte auf 55% zugelegt habe. Menschenleben sind für Erdogan und Co. Wahlstimmen. Die hat er zwar nicht mehr nötig, doch umso mehr die Radikalisierung seiner Anhängerschaft.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rockpower am 01.03.2018 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Erdogan in den Untergang

    Alle, die mit dem Diktator nicht einverstanden sind, sind entsprechend seiner absurden Einschätzung Terroristen. Wie krank und machtgeil muss man sein, um so zu argumentieren. Sein osmanische Reich wird er nur in seinen Träumen zurückerobern, in der Realität sind nur noch die Profiteure dieses kranken Systems für ihren Führer, der heute noch frech behauptet, sein Land wäre eine Demokratie...

  • EMM am 28.02.2018 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmmm

    Also, Erdogan wird es schwierig haben Olivenzweig durchzuführen, weil viele Faktoren es erschweren werden. Die Kurdische Rebellen, können mit mehreren Akture Kooperieren, mit Assad, Russland, USA oder andere Europäische Partner. Kommt noch hinzu dass sie im Untergrund Operieren, und Assad auch Interesse hätte Syriens Soveränität zu Verteidigen, selbst wenn Erdogan die Besetzung Historisch gerne rechtfertigen würde. Letztendlich, wird es Zeitlich, und Ressourcenmässig eine enorme Herausforderung darstellen. Nach etwa 5 bis 10 Jahre, wird sich zeigen ob die (Operation Olivenzweig) eine Erfolg war :-/

  • Gruss aus Bern am 28.02.2018 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Türkei auf dem Weg in die Isolation

    Erdogan hat es bald einmal geschafft, die Türkei total zu isolieren, bezahlen werden dafür seine Landsleute, in wie ausserhalb der Türkei. Im Land, weil der Export einbricht und die Kapitalzufuhr von aussen am Versiegen ist. Ausserhalb des Landes wegen des miserablen Rufs des Neo-Sultanats, das sich im Eiltempo zum Unrechtsstaat entwickelt.

  • angelina am 28.02.2018 19:32 Report Diesen Beitrag melden

    olivenzweig

    es ist doch sehr merkwürdig und sogar respektlos, wenn mit "olivenzweig" in den krieg geht, wo dieses symbol doch den frieden bedeutet!!!

  • Attatürk am 28.02.2018 18:55 Report Diesen Beitrag melden

    Heute Afrin morgen Istanbul

    Mit jede Angriff macht Erdogan die Gegner stärker. Mal sehen wie lange er das aushält bis sein Geduldsfaden reisst und er Vollgas gibt. Es ist dann nicht mehr weit, dass dann viele sich mit den Terroristen sympathisieren und im Umkehrschluss die Türkei platt machen.

    • Sonia Sakaya am 01.03.2018 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Attatürk

      Ich korrigiere dich gerne. es sind die dreiheitskämpfer kurdistans die gegen die Assimilation und unterdrückung des kurdischen Volkes kämpfen! Wer Terrorist ist und Isis unterstützt hat sieht man auch jetzt wieder sehr gut

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