US-Republikaner

25. Dezember 2011 22:13; Akt: 26.12.2011 22:11 Print

Ein Querdenker mischt den Wahlkampf auf

von Peter Blunschi - Er will den Sozialstaat abschaffen und alle Soldaten nach Hause holen: Mit radikalen Ansichten rückt Ron Paul im US-Präsidentschaftswahlkampf an die Spitze.

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: Der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses hat bislang eine Achterbahnfahrt erlebt. Mit dem Sieg bei der Vorwahl in South Carolina war er zuletzt ganz oben. Unklar ist, wie lange dies so bleibt, denn Gingrich schleppt viel Ballast mit sich herum. : Der Ex-Gouverneur von Massachusetts und Multimillionär gilt als mehrheitsfähig. Doch viele Konservative tun sich schwer mit dem Mormonen, sie halten ihn für zu glatt und abgehoben. Nach gutem Start in die Vorwahlen ist er zuletzt in Rücklage geraten. Der 53-jährige Italoamerikaner sass zwölf Jahre für den Bundesstaat Pennsylvania im Senat, ehe er 2006 abgewählt wurde. Er politisiert am rechten Rand der Partei. Lange war er ein krasser Aussenseiter, doch in Iowa gewann er knapp gegen Romney. : Der Texaner hat mit seinen libertären, staatskritischen Ansichten eine grosse Fangemeinde erobert. Diese hat ihm bei den bisherigen Vorwahlen zu teilweise guten Resultaten verworfen. Eine Chance auf die Nomination hat er trotzdem nicht. Der Gouverneur von Texas stieg im August ins Rennen ein und erreichte in den Umfragen sofort Spitzenwerte. Doch nach einigen Patzern stürzte er immer tiefer ab. Nach schwachen Ergebnissen in Iowa und New Hampshire stieg er aus dem Rennen aus. : Er war Gouverneur von Utah, US-Botschafter in China und ist bekennender Mormone, wie Mitt Romney. Huntsman wollte sich als moderate Alternative zu diesem anbieten, doch wirklich durchsetzen konnte er sich nie. Am 16. Januar warf er das Handtuch. Die Kongressabgeordnete aus Minnesota hat fünf eigene und 23 Pflegekinder. Sie ist eine Favoritin der Tea-Party-Bewegung und berüchtigt für ihr loses Mundwerk. Nachdem sie bei der Vorwahl in ihrem Geburtsstaat Iowa nur den letzten Platz belegte, gab sie ihre Bemühungen auf. Der ehemalige Chef einer Pizza-Kette inszeniert sich als Anti-Politiker und kommt damit vor allem bei der Tea-Party-Bewegung an. Vorwürfe wegen sexueller Belästigung und peinliche Patzer haben ihm jedoch geschadet - so sehr, dass er am 3. Dezember 2011 seine Kandidatur vorläufig auf Eis gelegt hat. Mit seiner zupackenden Art hat er sich als Gouverneur von New Jersey schnell Respekt verschafft. Für viele Republikaner ist er ein Hoffnungsträger, doch am 4. Oktober 2011 stellte Christie ein für allemal klar, dass er nicht kandidieren wird. : Die ehemalige Gouverneurin von Alaska erhält viel Aufmerksamkeit, doch ob sie in der Lage wäre, gegen Barack Obama zu gewinnen, haben viele bezweifelt. Am 5. Oktober 2011 hat sie ihren Verzicht auf eine Kandidatur bekanntgegeben. Der Bruder von George W. Bush (l.) hat sich als früherer Gouverneur von Florida Respekt verschafft. Einen weiteren Bush im Weissen Haus will er den Amerikanern aber offensichtlich nicht zumuten. «Ich kandidiere nicht», hielt er in einer Mitteilung fest. Der Kongressabgeordnete von Wisconsin hat den radikalen Budget-Sparplan der Republikaner entworfen. Das macht ihn für viele in der Partei zu einem möglichen Kandidaten, doch Ryan will davon bislang nichts wissen. Der populäre Gouverneur von Indiana und Budgetdirektor in der Regierung von George W. Bush galt als Favorit der Parteiführung. Am 22. Mai 2011 erklärte er jedoch aus Rücksicht auf seine Familie den Verzicht auf eine Kandidatur. : Dem ehemaligen Gouverneur von Arkansas gelang 2008 zum Auftakt der Vorwahlen ein Überraschungssieg. Dieses Mal hat der Baptistenprediger frühzeitig das Handtuch geworfen. : Der Gouverneur von Minnesota hat versucht, sich als solider Konservativer zu profilieren. Allerdings fehlt es ihm an Charisma. Im Juli stieg er als erster Kandidat aus dem Rennen aus. Der New Yorker Immobilienmogul sorgte mit markigen Sprüchen für Furore und erklomm in den Umfragen kurzzeitig den Spitzenplatz. Dann krebste er zurück: Seine vermeintliche Präsidentschaftskandidatur war wohl nur ein Werbegag für seine TV-Show «The Celebrity Apprentice».

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Die Massenmedien, die Mitbewerber, das republikanische Establishment – sie alle haben Ron Paul lange ignoriert. Oder belächelt als exzentrischen Querkopf, den man nicht ernst nehmen muss. Doch kurz vor der ersten Vorwahl am 3. Januar in Iowa rückt Paul vermehrt in den Fokus. Umfragen zeigen, dass der Kongressabgeordnete aus Texas reelle Chancen hat, die Ausmarchung im ländlichen Bundesstaat für sich zu entscheiden.

Auf den ersten Blick spricht nur wenig für Ronald Ernest Paul. Er ist bereits 76-Jährig und sieht keinen Tag jünger aus. Seine hagere Gestalt kleidet er häufig in etwas zu grosse Anzüge, was ihn in den Fernsehdebatten unvorteilhaft aussehen lässt. Auch als mitreissenden Redner kann man ihn nicht bezeichnen. Von seinem Auftreten her erfüllt Paul so gut wie keine Voraussetzung, um als Präsidentschaftskandidat bestehen zu können.

Gradlinig und unbeugsam

Und doch hat der Texaner eine grosse und enthusiastische Fangemeinde. Es sind jüngere, gut ausgebildete Menschen, die den studierten Arzt als eine Art Heilsbringer verehren. «Er ist der einzige, der unsere Probleme versteht», sagte der 28-jährige Jason Nunn, der einen Wahlkampf-Auftritt Pauls in Iowa verfolgte, dem Magazin «Time». Seine Anhänger verhelfen ihm mit vielen Kleinspenden zu einer gut gefüllten Wahlkampf-Kasse.

Ein Geheimnis von Dr. Pauls Erfolg ist seine Prinzipientreue, die ihn wohltuend abhebt von der Phrasendrescherei seiner Konkurrenten. Wenn man den Favoriten Mitt Romney als Windfahne bezeichnet, dann ist Ron Paul der Fahnenmast – gradlinig und unbeugsam. Er spricht Klartext, etwa wenn er betont, der Wohlstand in den USA sei eine Illusion und basiere auf geborgtem Geld. In Wirklichkeit sei die Nation «bankrott».

Radikaler Staatsabbau

Ron Pauls Weltbild lässt sich als ultraliberal oder libertär bezeichnen. Er lehnt alles ab, was das Individuum in seiner Entfaltung behindert, und dazu gehört auch der Sozialstaat. Die Zentralregierung in Washington will er auf ein Minimum reduzieren und mehrere Ministerien ganz abschaffen. Ebenso verschwinden soll die Steuerbehörde IRS und mit ihr gleich die Einkommenssteuer. Auch die Notenbank FED gehört für ihn auf den Abfallhaufen, dafür will er zurück zum Goldstandard.

In gesellschaftlichen Belangen vertritt er christlich-konservative Werte. So ist Ron Paul, der vor seinem Einstieg in die Politik vor 40 Jahren als Gynäkologe praktiziert hatte, ein strikter Gegner der Abtreibung. Die Regelung dieser Frage will er allerdings den einzelnen Bundesstaaten überlassen. Gleiches gilt für die Schwulenehe oder die Drogenliberalisierung. Gegenüber illegalen Einwanderern vertritt der Texaner eine harte Linie.

«Linke» Aussenpolitik

Mit diesen Ansichten würde Ron Paul perfekt zur aktuellen staatskritischen Linie der Republikaner passen. Tatsächlich hat man ihn als «intellektuellen Paten» der Tea-Party-Bewegung bezeichnet. Doch es gibt noch einen anderen Ron Paul: In aussen- und sicherheitspolitischen Fragen bewegt er sich näher bei linken Aktivisten wie Noam Chomsky als bei neokonservativen «Falken» wie Dick Cheney und Donald Rumsfeld.

Ron Paul lehnt die nach 9/11 beschlossenen Einschränkungen der Bürgerrechte ab, ebenso die Kriege im Irak und in Afghanistan. Foltermethoden wie Waterboarding bezeichnet er als «unamerikanisch», die atomare Bedrohung durch den Iran hält er für überbewertet. Er will alle US-Soldaten nach Hause holen und die amerikanischen Hilfsgelder fürs Ausland streichen – auch die drei Milliarden Dollar pro Jahr für Israel.

Die Vereinigung der jüdischen Republikaner hat ihn wegen seiner «fehlgeleiteten und extremen Ansichten» zu Israel als einzigen Präsidentschaftskandidaten nicht zu einer Tagung Anfang Dezember eingeladen. Als absolute «Todsünde» aber gilt Pauls Überzeugung, dass die USA wegen ihrer ständigen Einmischungen im Nahen und Mittleren Osten eine Mitschuld haben an den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Positionen wie die SVP

Manches an Ron Pauls Positionen erinnert aus Schweizer Sicht an die SVP. Tatsächlich hat er auch hierzulande nicht wenige Anhänger. Der St. Galler Nationalrat Lukas Reimann etwa gehört zu ihnen. Pauls Weigerung, auch nur einen Millimeter von seinen radikalen Standpunkten abzurücken, macht ihn sympathisch – aber nicht mehrheitsfähig. Auf nationaler Ebene liegt er deutlich hinter Mitt Romney und Newt Gingrich zurück. Die Umfragen zeigen, dass Paul insbesondere bei den älteren Wählern wegen seinen Angriffen auf die Sozialwerke einen schweren Stand hat.

Die republikanische Elite reagiert trotzdem nervös auf den Höhenflug des Querdenkers. Ein Sieg in Iowa liegt durchaus drin, denn die dortige Vorwahl findet in landsgemeinde-ähnlichen Versammlungen (genannt Caucus) statt. Die begeisterte und gut organisierte Paul-Gefolgschaft könnte dort für eine Eigendynamik sorgen. Doch selbst wenn – eine echte Chance auf die Nomination wird ihm von unabhängiger Seite kaum eingeräumt.

Kandidatur als Unabhängiger?

Allerdings könnte er genug Delegierten-Stimmen sammeln, um beim Nominierungs-Parteitag im August als Spielverderber zu agieren – oder als «Königsmacher», so die «Washington Post». Und nach wie vor steht die Drohung im Raum, dass Ron Paul im November 2012 als unabhängiger Kandidat zur Präsidentschaftswahl antreten könnte. Explizit ausgeschlossen hat er dies nie. Ähnlich wie Ross Perot 1992 könnte er den Republikanern den Wahlsieg vermasseln und Barack Obama zu weiteren vier Jahren im Weissen Haus verhelfen.

Ron Paul verteidigt seine Ansichten zum Iran:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rheintaler am 25.12.2011 22:37 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild für Unsere Politiker!

    Mal einer, der zu seinem Land steht und nicht immer Kompromisse eingeht!!!!!

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  • Kax Rich am 26.12.2011 01:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ron Paul

    Ein kandidat der wirklich mal die wahrheit und freiheit vertitt ..!!ronpaul 4 2012

  • US-Expert am 26.12.2011 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Chance

    Zu unamerikanisch. Mit ihm wird sich auch nichts verbessern in den USA und in dessen Aussenpolitik.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Patrick Clément am 29.12.2011 22:10 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke 20min, dass ihr euch Zeit genommen habt, selbst einen differenzierten Artikel über Ron Paul zu verfassen. Von den Nachrichtenagenturen kam lange nichts, bis heute.

  • Martin am 27.12.2011 23:59 Report Diesen Beitrag melden

    Woow

    Die Kommentare hier zeigen wie aufgeklärt viele Menschen mittlerweile sind! Das freut mich! Ron Paul 4 2012!

  • Peter Saxer am 27.12.2011 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Links-Rechts Schema gilt bei Ihm nicht!

    Ron Paul durchbricht das klassische Links/Rechts Schema. Die Rebublikaner mögen seine Aussenpolitik der Nicht-intervention (aka. kein Imperialismus) nicht, die Demokraten möchten mehr Sozialstaat nach Michael Moore. Ron Paul interessiert das alles nicht. Er vertritt die gleiche Meinung seit 30 Jahren. Woher er diese hat? Von genialen Vertretern der Austrian Economics wie Ludwig von Mises, Hayek hat er seine wirtschaftlichen Grundsätze, von den Gründervätern wie Jefferson und Washington die Aussenpolitschen: Ehrliche Freundschaft, Handel und Diplomatie mit allen Länder, keine sinnlosen Kriege.

  • Manuel Frieser am 27.12.2011 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Innen"politik"

    Innenpolitisch sind seine Ansichten absurd und kontraproduktiv. Die USA sind im Vergleich zu anderen westlichen Staaten bereits ultra liberal eingestellt mit einem minimalen Sozialstaat. Das Resultat: Wenige Superreiche mit riesiger Lobby, eine schwindende Mittelschicht und eine stetig wachsende Unterschicht, die am Hungertuch nagt. Das einzige, was der Staatsabbau da bringen würde, sind noch weniger Steuern für die Reichen. Das löst wohl keine Probleme!

    • t.b. am 27.12.2011 20:51 Report Diesen Beitrag melden

      irrtum

      entgegen den letzten paar präsidenten ist er nicht für den steuerabbau bei den reichen. er will eine tiefere staatsquote. und die werden wir in zukunft überall brauchen. wohin das gegenteil geführt hat, sehen wir aktuell in fast allen ländern rund um den globus.

    • J.S. am 28.12.2011 17:24 Report Diesen Beitrag melden

      Ergänzung zum Irrtum

      Nur durch den den Staat ist es zu solchen Verhältnissen gekommen. In einer freien Marktwirtschaft leben selbst die Ärmsten nicht in Armut. Jeder noch so kleiner Eingriff des Staates in die Wirtschaft sorgt für ein Ungleichgewicht, bei dem wenige profetieren und viele leiden, das sieht man natürlich am deutlichsten an den Ländern die sehr "Links" sind. Wenn jeder Mensch die chance auf ein besseres Leben durch seine eigene Arbeit hat, werden alle Menschen sich darum bemühen und so den größtmöglichen Wirtschaftswachstumg schaffen und damit verbunden den Lebensstandart aller massiv erhöhen.

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  • Souffleur am 27.12.2011 10:52 Report Diesen Beitrag melden

    Ron Paul

    Ja Ron PAul sagte ich schon vor JAhren und alle haben mich ausgelacht.

    • c. darwin am 27.12.2011 12:09 Report Diesen Beitrag melden

      dann

      hatten Sie ja genügend Zeit zum Nachdenken, was diese Heiterkeit ausgelöst hatte

    • Der Libertäre am 27.12.2011 17:44 Report Diesen Beitrag melden

      @ C. darwin

      Wer zu Letzt lacht, lacht am Besten . . . Dieser Kommentar zum Kommentar bring jetzt mich zum Lachen, ha, ha!

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