Edwards-Prozess

18. Mai 2012 13:16; Akt: 18.05.2012 13:23 Print

Ein Sünder, aber kein Verbrecher?

von Martin Suter - Der Prozess gegen den gefallenen US-Politiker John Edwards ist in der Endphase. Die Chancen auf einen Freispruch stehen gut, aber sein Ruf ist endgültig ruiniert.

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John Edwards und sein Verteidiger Abbe Lowell (r.) verlassen den Gerichtssaal. (Bild: Reuters/Ted Richardson)

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John Edwards trat nicht in den Zeugenstand. Auch Tochter Cate wurde nicht eingesetzt, um dem Vater im Gerichtssaal ein menschliches Gesicht zu geben. Und gar nichts war von Rielle Hunter zu sehen, der früheren Videofilmerin von Edwards' Präsidentschaftskampagne, die mit dem aufstrebenden Starpolitiker anbandelte und ihm später ein Kind gebar.

Offensichtlich war sich die Verteidigung ihrer Sache sicher, schlossen die meisten Beobachter des Prozesses in Greensboro, North Carolina. Edwards' Anwälte unter der Führung von Abbe Lowell beendeten ihren Teil nach bloss zwei Tagen. Sie schienen davon auszugehen, dass sie in den Köpfen der zwölf Geschworenen ausreichende Zweifel an der Schuld ihres Mandanten gesät hatten. Die Juroren würden nie der Anklage folgen und Edwards wegen Missachtung von Gesetzen über die Finanzierung politischer Kampagnen schuldig sprechen.

Die «zwei Amerikas»

In seinem zweistündigen Schlussplädoyer schwang sich der Chefankläger Bobby Higdon zur Höchstform auf. Er zitierte Edwards' Standardreden aus dem Wahlkampf, worin der Kandidat das Auseinanderbrechen des Landes in die «zwei Amerikas» der Reichen und Armen beklagte. «Gesetze zur Wahlkampf-Finanzierung sind dazu da, die beiden Amerikas am Wahltag zusammenzubringen», sagte Hidgdon. «John Edwards vergass seine eigene Rhetorik.»

Der Angeklagte soll nach Higdons Darstellung die entsprechenden Gesetze in sechs Punkten verletzt haben, als er fast eine Million Dollar an Spenden von zwei reichen Gönnern nicht als Wahlkampfbeiträge verbuchte. Der grösste Teil des Geldes wurde von Edwards' Assistenten Andrew Young dazu verwendet, Rielle Hunter und deren Tochter vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Zu diesem Zweck gab sich Young sogar als der Vater von Edwards' Tochter aus.

Zahlungen Dritter an Dritte

Verteidiger Lowell bestritt die Beschuldigungen vehement. In seinem Plädoyer erinnerte er daran, dass Young das Geld direkt von den Gönnern erhalten und viel davon für den Bau seiner eigenen Luxusvilla eingesetzt hatte. In den Gesetzen stehe nirgends, dass Zahlungen Dritter an Dritte als Kampagnenbeiträge zu gelten hätten. «Wenn Zahlungen für den Transport oder die Lebenskosten von Wahlkampf-Mitarbeitern keine Beiträge sind, wie können es dann Zahlungen an eine Geliebte sein?» Bei dieser Frage, berichteten Gerichtsreporter, sollen einige der Geschworenen genickt haben.

Gegen Edwards spricht der verwerfliche Charakter von dessen Verhalten. Der Politiker ging mit Rielle Hunter eine Beziehung ein, während bei seiner Frau Elizabeth ein tödlicher Brustkrebs voranschritt. Doch das berechtige nicht zu einen Schuldspruch, argumentierte Lowell. «Dieser Fall sollte den Unterschied definieren zwischen jemandem, der etwas Falsches tut und jemanden, der ein Verbrechen begeht», sagte er. «John Edwards hat seine Sünden gestanden. Aber er hat nicht zugegeben, das Gesetz gebrochen zu haben.»

Kritiker sprechen von Schauprozess

Falls Edwards freigesprochen wird, dürften viele seiner Gegner unzufrieden sein. Doch hinsichtlich der grösseren Fragen wäre ein Freispruch zu begrüssen, sagen Kritiker einer allzu starken Regulierung von politischen Kampagnen. Das Verfahren in North Carolina sei «nichts weniger als ein Schauprozess» und ein Sieg der Ankläger wäre ein «massiver Griff zur Macht», schreibt Jonathan Tobin in der Zeitschrift «Commentary». «Falls man dies durchgehen lässt, erhalten US-Staatsanwälte und ihre Herren im Justizdepartement den Freipass, eine Anklage gegen irgendeinen Politiker zu eröffnen, den sie nicht mögen.»

Im Fall eines Schuldspruchs drohen Edwards bis 30 Jahre Haft und eine Busse von bis zu 1,5 Millionen Dollar. Auch bei einem Freispruch wird er kaum in die Politik zurückkehren können: Der vier Wochen dauernde Prozess hat seinen ohnehin beschädigten Ruf vollends zerstört.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gurigundi am 19.05.2012 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was anderes erwartet?

    Klar stehen die chancen vor gericht gut, er ist ja auch politiker....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Gurigundi am 19.05.2012 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was anderes erwartet?

    Klar stehen die chancen vor gericht gut, er ist ja auch politiker....