Kim Jong Un

10. Oktober 2014 16:17; Akt: 10.10.2014 16:17 Print

Ein dicker Diktator, viele dünne Gerüchte

Keine Spur vom nordkoreanischen Dikator Kim Jong Un – auch nicht am Jahrestag der Gründung der Arbeiterpartei. Die Gerüchteküche brodelt. Zu Recht?

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Das letzte veröffentliche Foto von Kim Jong Un zeigte ihn mit seiner Frau am 3. September bei einem Konzert. Seitdem war er von der Bildfläche verschwunden. Selbst zum 69. Jahrestag der Arbeiterpartei in Nordkorea tauchte er nicht auf. Die Gerüchteküche brodelte. Gerücht 1: Kim Jong Un ist krank. Eine der nordkoreanischen Führung nahestehenden Quelle sagt, er habe sich das Bein verletzt, weil er übergewichtig ist. Gerücht 2: Kim soll einem internen Coup zum Opfer gefallen und von Hwang Pyong So, der Nummer zwei im Staat, gestützt worden sein. Hwang Pyong So ist Kim Jong Uns Stellvertreter in der Nationalen Verteidigungskommission. «Bild.de» berichtete, Hwang Pyong So sei am Wochenende mit einer Delegation im Präsidentenjet nach Südkorea gereist. Dabei sei er von Bodyguards begleitet worden, die sonst nur Kim Jong Un beschützen. Gerücht 3: Eine interne Familienfede soll der Grund für Kims Verschwinden aus der Öffentlichkeit sein. So könnte die 27-jährige Schwester Kim Jong Uns, Kim Yo Jong, seinen Posten übernommen haben. Gerücht 4: Kim Jong Un soll den Militärführer Hwang Pyong So (l.) als Sündenbock missbrauchen - aus strategischen Überlegungen: Dass Kim Jong Un die Nummer zwei für Gespräche nach Südkorea schickte, wird als Indiz gewertet, dass Kim einen Sündenbock sucht, sollten die Gespräche zwischen den beiden Ländern nicht erfolgreich verlaufen. Gerücht 5: Kim Jong Un soll sich aus propagandistischen Gründen rar machen. Die Botschaft an sein Volk: Der grosse Führer arbeitet sich halb zu Tode und braucht jetzt mal Erholung.

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Zum ersten Mal seit drei Jahren zeigte sich Kim Jong Un nicht am Jahrestag der Gründung der Arbeiterpartei. Und nicht nur das: Der nordkoreanische Diktator ist seit nunmehr sechs Wochen vom Bildschirm der Öffentlichkeit verschwunden. Das nährt die Vermutungen, es könnte in dem von der Aussenwelt abgeschotteten Land nicht alles rundlaufen.

20 Minuten hat sich Zutaten aus der Gerüchteküche herausgepickt und sie dem Nordkorea-Experten Patrick Köllner zur Einschätzung unterbreitet.

Gerücht 1: Krankheit

Der 31-jährige Kim Jong Un soll krank sein. Der Kommentar des Staatsfernsehens nährte dieses Gerücht: «Unser Marschall erhellt dem Volk den Weg wie eine Flamme – trotz seines Unwohlseins.» Jetzt hat eine der nordkoreanischen Führung nahestehende Quelle gesagt, Kim Jong Un habe sich das Bein verletzt, als er ein militärisches Manöver begutachtete. «Ende August oder Anfang September verletzte er sich am Knöchel und am Knie, weil er übergewichtig ist. Zunächst konnte er noch laufen, aber die Verletzung hat sich verschlimmert.» Seine Genesung dürfte drei Monate in Anspruch nehmen, hiess es.

Dazu der Experte:

«Kim Jong Un hat offenbar gesundheitliche Probleme. Es gibt aber keine Anhaltspunkte dafür, dass seine Rolle in Staat und Partei geschwächt ist», sagt Köllner. «Die Staatsmedien berichten nach wie vor über Besuche Kim Jong Uns von Militäreinheiten, Kooperativen etc. im Land. Wann genau die Visiten stattgefunden haben, ob vor oder nach dem Verschwinden Kim Jong Uns, weiss man aber nicht.»

Gerücht 2: Interner Putsch

Kim soll einem internen Coup zum Opfer gefallen und von Hwang Pyong So, der Nummer zwei im Staat, gestürzt worden sein. Der hohe Militär ist Kim Jong Uns Stellvertreter in der Nationalen Verteidigungskommission. «Bild.de» berichtet, Hwang Pyong So sei am Wochenende mit einer Delegation im Präsidentenjet nach Südkorea gereist. Dabei begleiteten ihn Leibwächter, die sonst nur Kim Jong Un beschützen.

Dazu der Experte:

«Dass Hwang Pyong So den Staatsführer gestürzt haben soll ist reine Spekulation. Es gibt keine Anzeichen für einen internen Putsch», sagt Köllner. «Hwang Pyong So ist seit Kurzem Kim Jong Uns offizieller Stellvertreter in diesem wichtigen Gremium und wurde auch bereits vom Parlament bestätigt. Dies wurde seit Monaten erwartet, ist also nichts Ungewöhnliches. Das hat unseres Wissens nach nichts mit Kim Jong Uns Rückzug aus der Öffentlichkeit im letzten Monat zu tun.»

Gerücht 3: Familienfehde

Eine interne Familienfehde soll der Grund für Kims Verschwinden aus der Öffentlichkeit sein. So könnte die 27-jährige Schwester Kim Jong Uns, Kim Yo Jong, seinen Posten übernommen haben. Sie zeigte sich erstmals im März dieses Jahres in der Öffentlichkeit, als sie ihren Bruder zur Parlamentswahl in ein Wahllokal begleitete.

Dazu der Experte:

«Auch Gerüchte über eine Familienfehde haben keinen Anhaltspunkt. Das sind reine Spekulationen», sagt Köllner.

Gerücht 4: Der Sündenbock

Kim Jong Un soll den Militärführer Hwang Pyong So als Sündenbock missbrauchen – aus strategischen Überlegungen: Dass Kim Jong Un die Nummer zwei für Gespräche nach Südkorea schickte, wird als Indiz gewertet, dass Kim einen Sündenbock sucht, sollten die Gespräche zwischen den beiden Ländern nicht erfolgreich verlaufen.

Dazu der Experte:

«Nordkorea hat eine hochrangige Delegation nach Südkorea geschickt. Dass Kim Jong Un seinen Stellvertreter in der Nationalen Verteidigungskommission, Hwang Pyong So, mitschickte, ist nicht bedenklich», sagt Köllner. «Es erscheint eher als symbolischer Akt, um die Beziehungen zu verbessern und sendet ein Signal an Südkorea.»

Gerücht 5: Propaganda

Kim Jong Un soll sich aus propagandistischen Gründen rarmachen. Die Botschaft an sein Volk: Der grosse Führer arbeitet sich halb zu Tode und braucht jetzt mal Erholung.

Dazu der Experte:

«Dass Kim Jong Un der Öffentlichkeit fernbleibt, sehe ich nicht als bewusste Taktik», sagt Köllner. «Eigentlich präsentieren sich nordkoreanische Regierungschefs häufig der Öffentlichkeit, um Präsenz und Macht zu markieren – so wie Kim Jong Un es auch in den letzten drei Jahren getan hat. Auch dass Kim Jong Un nicht an den Feierlichkeiten zum 69. Jahrestag der Arbeiterpartei in Nordkorea teilnahm, ist nicht weiter ungewöhnlich. Sein Vater Kim Jong Il nahm zu Lebzeiten nur zweimal an den Feierlichkeiten teil.»

(cfr/gux)