Aufnahme läuft

27. Juni 2011 13:33; Akt: 28.06.2011 10:46 Print

Eine App horcht fehlbare Polizisten aus

Mit einer in den USA entwickelten App lassen sich bequem und diskret Gespräche aufzeichnen. Der Erfinder will den Bürgern damit ein Werkzeug gegen Beamtenwillkür in die Hand geben.

About the OpenWatch Project from OpenWatch on Vimeo.

Mit dem CopRecorder will Rich Jones gleich lange Spiesse für Bürger und Beamte im modernen Überwachungsstaat. (Video: openwatch.net)
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Eine der wichtigsten Voraussetzungen für zivilisierte Gesellschaften ist das Gewaltmonopol der Staatsmacht. Dem gegenüber steht das Problem, wer diese Macht kontrollieren soll, damit sie nicht gegen die Bürger missbraucht wird. Oder wie schon die alten Griechen und Römer sagten: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Ein amerikanischer Programmierer glaubt, eine moderne Antwort auf diese uralte Frage gefunden zu haben: CopRecorder. Diese App zeichnet diskret Gespräche auf und könnte zum Albtraum selbstherrlicher Ordnungshüter werden.

Entwickelt hat den CopRecorder der 23-jährige Universitätsabsolvent Rich Jones. Er bezeichnet sich selbst als Hacker und hat laut einem Bericht des US-Magazins «The Atlantic» mit anderen Apps genügend Geld verdient, um seine Zeit für eine gemeinnützige Sache einzusetzen. Seine Vision ist eine Gesellschaft, in der Bürger und Beamte über gleich lange Spiesse verfügen. Die Schwachen sollen sich mit dem CopRecorder gegen eine unrechtmässige Behandlung durch die Starken zur Wehr setzen können.

Jeden Tag 50 bis 100 Einsendungen

CopRecorder ist gratis und funktioniert auf dem iPhone und auf Android. Die Handhabung ist sehr einfach. Wenn die App gestartet wird, erscheint ein Aufnahmeknopf auf dem Bildschirm. Durch Drücken verschwindet die App komplett – aber im Hintergrund läuft ab diesem Zeitpunkt die Aufnahme. Damit ist sichergestellt, dass im Bedarfsfall schnell gestartet werden kann und die betroffene Amtsperson davon nichts mitbekommt. Um die Aufnahme zu beenden, muss man die App erneut aufrufen.

Anschliessend kann die Tondatei mit Zusatzinformationen wie einer Ortsangabe und einer Beschreibung versehen und an Rich Jones übermittelt werden. Wenn er eine Aufnahme für relevant und interessant befindet, publiziert er sie anonymisiert auf seiner Website openwatch.net. Rund 50 000 Benutzer haben CopRecorder bisher heruntergeladen. Von ihnen bekommt Jones täglich zwischen 50 und 100 Aufnahmen zugeschickt. Darunter findet er laut eigenen Angaben jeden zweiten Tag etwas Interessantes.

Problematische Alkoholtests

Ein prominentes Beispiel in seiner Sammlung ist der Fall eines Bürgers, der nach einem Restaurantbesuch in eine Alkoholkontrolle geriet. Mit einem bestimmten Hintergedanken startete er CopRecorder: Er ist Strafverteidiger und wollte schon immer wissen, warum alle seine Mandanten die Alkoholtests der Polizei mitmachen, obwohl sie gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind. Im Verlauf der Kontrolle gelang es ihm mehrmals, mit dem CopRecorder Fehlverhalten der Polizei zu dokumentieren. Im Wissen, dass er an diesem Abend nichts getrunken hatte, konnte er alles seelenruhig über sich ergehen lassen.

Das Ziel von openwatch.net ist nicht primär, Polizisten blosszustellen, sondern die Bürger für ihre Rechte zu sensibilisieren. Im Fall des nüchternen Strafrechtverteidigers heisst das: Laut Gesetz muss ein Autofahrer die Scheibe nur einen Spalt öffnen, um mit der Polizei kommunizieren zu können. Auf die Frage, ob er Alkohol getrunken hat, muss er nicht antworten. Tests wie auf einem Bein stehen darf er im Unterschied zum Blastest ablehnen.

Der totale Überwachungsstaat

Rich Jones sagt, Julian Assange und Wikileas hätten ihn zur Entwicklung von CopRecorder inspiriert. Seine Alle-Macht-dem-Bürger-Geschichte hat allerdings auch problematische Aspekte: In manchen US-Staaten wie Massachusetts und Illinois ist es verboten, heimlich eine Begegnung mit der Polizei zu dokumentieren (ebenso in der Schweiz). Das kümmert Jones nicht. «Ich akzeptiere auch Aufnahmen aus solchen Staaten», sagt er gegenüber «The Atlantic».

Jones will dem allmächtigen Überwachungsstaat selbstbewusste, mündige Bürger entgegensetzen. Am besten, jeder besässe ein Smartphone mit installiertem CopRecorder. Inwieweit die Überwachungsgesellschaft dem Überwachungsstaat vorzuziehen ist, scheint allerdings zweifelhaft.

Hatten Sie auch schon Begegnungen mit der Polizei, die Sie im Nachhinein gern aufgenommen hätten? Was halten Sie von der Idee eines CopRecorders? Diskutieren Sie mit.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Aristo Teles am 29.06.2011 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht verboten...

    So ein Quark, wir filmen an jeder Demo die Übertrettungen der Polizei. Diese Aufnahmen sind vor Gericht sehr wohl zugelassen. So auch privat, oder denkt ihr tatsächlich, wenn ihr von der Polizei "misshandelt" werdet und dieses Video dem Richter zeigt, ihn das kalt lässt....

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  • Jürg Weingärtner am 29.06.2011 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    Werde ich auch nutzen

    Gute Idee! Absolut notwendig, weil die Polizei nicht mal dann normal mit einem reden kann (auch wenn man Opfer eines Deliktes ist).

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  • G. Walt am 27.06.2011 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Schade, dass es CopRecorder

    nicht schon früher gab. Ich hätte ein paar Aufnahmen von der Zürcher Stapo beisteuern können, die selbst das Los Angeles Pollice Department vor Neid erblassen liessen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Tobias Claren am 31.12.2012 21:17 Report Diesen Beitrag melden

    Car Cam und Watch Cam sind Alternativen

    Für die Autofahrer unter euch: car cam oder driving cam bei ebay suchen. Ab 50 Euro zeichnet das Teil durchgehend auf, und sichert bei einem Unfall automatisch die letzten X Minuten. Sogar mit GOS und G-Sensor-Daten. Man kann auch per Knopfdruck nachträglich auslösen. Weiteres Gadget: Watch Cam Auch ebi ebay suchen. Gibt es endlich auch Wasserdicht. Mit HD-Auflösung. Aber beim Vergleich auch auf den internen Speicher achten. 8GB dürfte aktuell am lohnendsten sein. Evtl. auch 4GB.

  • Tino am 30.06.2011 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Polizist hat auch Persönlichkeitsrechte!

    Man muss nicht gleich Recht studiert haben, um das zu wissen: Man darf keine Aufnahmen machen, wenn das Gegenüber nicht sein Einverständnis gegeben hat. Ein Polizist ist ein Mitbürger wie jeder andere auch. Er hat genau gleich Anrecht auf seine Persönlichkeitsrechte, auch während seiner Arbeit!

  • Jürg Weingärtner am 29.06.2011 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    Werde ich auch nutzen

    Gute Idee! Absolut notwendig, weil die Polizei nicht mal dann normal mit einem reden kann (auch wenn man Opfer eines Deliktes ist).

    • Karl Schneider am 01.07.2011 12:35 Report Diesen Beitrag melden

      Stimmt leider.

      Habe ich leider auch schon so erlebt!!!!

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  • Aristo Teles am 29.06.2011 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht verboten...

    So ein Quark, wir filmen an jeder Demo die Übertrettungen der Polizei. Diese Aufnahmen sind vor Gericht sehr wohl zugelassen. So auch privat, oder denkt ihr tatsächlich, wenn ihr von der Polizei "misshandelt" werdet und dieses Video dem Richter zeigt, ihn das kalt lässt....

    • i.wietlisbach am 29.06.2011 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Dass, vieleicht nicht...

      nei es lässt ihn vieleicht nicht kalt, aber Beweis materiall wie Videos oder Sprachaufnahmen sind ohne das einverständnis der gefilmten oder des Aufgenommenen keine eindeutige beweise.

    • Mickey Maus am 30.06.2011 06:23 Report Diesen Beitrag melden

      Und wieder...

      Wie schon beschrieben... eine Demo ist öffentlich. Bei einer Polizeikontrolle im Verkehr würde ich die Finger von dieser App lassen.

    • Mike Hüsler am 30.06.2011 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      Super Kommentar!

      Tja, in den meisten Fällen begeht die Polizei wohl einiges weniger Übertretungen als die Damen und Herren Teilnehmer von "Demos". Es ist auch nicht verwunderlich das Polizisten manchmal der Kragen platzt, wenn sie sich fast jedes Wochenende mit spätpubertierenden Personen abgeben muss, die, angefangen von einer "frechen Schnörrä", Beleidigungen, bis zu Sachbeschädigungen und Körperverletzungen, nichts anderes im Kopf haben!

    • Niklas Nüesch am 17.07.2011 20:00 Report Diesen Beitrag melden

      Gute App!

      An Demonstrationen werden die Übertretungen meist von einer destruktiven Minderheit begangen. Deshalb wird ja auch nicht jeder Polizist. Wenn man diesen Beruf ergreifft, sollte man sich dieser Tatsache bewusst sein und mit solchen Situationen umgehen können.

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  • Michael am 28.06.2011 23:37 Report Diesen Beitrag melden

    In Deutschland auch Strafbar

    Auch in Deutschland verstösst das heimliche Aufzeichnen gegen §201 StGB .(Die Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes),die mit erheblicher Geld oder gar Gefängnisstrafe Geahndet werden kann.Pikant ist das der Missbruach durch Amtspersonen höher geahndet wird... ^^