Pfarrer aus Pfungen

26. Oktober 2016 10:43; Akt: 26.10.2016 10:46 Print

Er verliess seine Schäfchen und hilft im Irak

von Ann Guenter - Andreas Goerlich hat seine Kirchgemeinde verlassen, um im Nordirak zu helfen. Während er auf Flüchtlinge aus Mosul wartet, wird sein Engagement daheim nicht nur positiv gesehen.

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Pfarrer Andreas Goerlich im interreligiösen Flüchtlingscamp in Dawdia. Er wartet hier auf die Flüchtlinge aus der umkämpften Millionenstadt Mosul, doch «alle Bewohner sind eingesperrt, sie können die Stadt nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen». Der Pfarrer organisiert hier unter anderem ein Fussballturnier, in dem Flüchtlinge aus verschiedenen Camps und Einheimische aus mehrere Dörfern in gemischten Gruppen gegeneinander antreten. Beim Besuch von 20 Minuten herrscht Anspannung unter den Zuschauern. Als das erste Goal fällt ... ... ist der Jubel zumindest auf der einen Seite der kleinen Tribüne gross. Das Spiel endete übrigens mit einem Sieg der Campkinder über die Dorfkinder. Während die muslimischen Dörfer ihre Fussballplätze den Flüchtlingen gratis zur Verfügung stellen, verlangt das Oberhaupt eines christlichen Dorfes umgerechnet zehn Dollar pro Spiel. Darauf angesprochen, ist der Mann unangenehm berührt. Man brauche das Geld für den Unterhalt des staubigen Platzes, für Wasser und für das Licht. Der Plan des Camps Dawdia. Hier leben 4700 muslimische, jesidische und christliche Flüchtlinge in Containern zusammen. «Diskussionen gibt es etwa wegen Essens- und Waschgewohnheiten», sagt der Pfarrer. «Momentan versteht man vieles gerne falsch. Das war früher nicht so.» Jetzt steht der Winter vor der Tür. «Wir brauchen Decken, Medikamente, Nahrungsmittel und warme Kleidung», sagt Pfarrer Andreas, der für den Schweizer Verein Khaima tätig ist.

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Die Kirchgemeinde Pfungen bei Winterthur ist gespalten. Stein des Anstosses ist ausgerechnet der Gemeindepfarrer, Andreas Goerlich. Er verliess seine Schäfchen nach fünf Jahren, um für zwei Jahre in den Irak zu ziehen und dort humanitär tätig zu sein. Wasser predigen und Wein trinken, ist seine Sache nicht: «Ich will das Christentum leben, nicht nur davon reden», sagt er.

Dennoch steht in den Sternen, ob er in Pfungen wieder als Pfarrer tätig sein kann. Die Kirchenpflege hat sich laut dem «Landboten» indirekt gegen seine Rückkehr ausgesprochen. Man hätte sich gewünscht, dass Goerlich sich für die Kirchgemeinde konstant und gleich stark eingesetzt hätte wie für seine Auslandsprojekte, hiess es. Der Pfarrer würde daheim für Aufbauarbeit gebraucht, sollte es zur Kirchenfusion mit der Gemeinde Dättlikon kommen.
Doch nicht alle Kirchgänger sehen das so. Einige stellen sich hinter den Pfarrer. Der habe die Menschen erreicht und zur Mithilfe mitgerissen, und «das ist mir im Zusammenhang mit dem christlichen Glauben wichtiger als Bürokratie», so ein Votum aus der jüngsten Kirchgemeindeversammlung.

«Nebeneinander wie einst»

Das ist ganz im Sinn des umtriebigen 51-Jährigen, der sich gerne als Networker bezeichnet. Und das ist er auch: Wo die grossen Hilfswerke sich in aufwändiger Bürokratie und teuren Sicherheitsaufwendungen zu verlieren scheinen («Wieso muss das UNHCR hier in brandneuen Autos herumfahren?», fragt sich der Pfarrer etwa), betreibt Vater Andreas Effizienz im Kleinen. Wie ein Hansdampf in allen Gassen, arbeitet er an mehreren kleinen Projekten gleichzeitig und versucht, die Arbeit kleinerer NGOs sowie Menschen aller Religionen und Konfessionen zusammenzuführen.

So wie im Flüchtlingscamp Dawdia in der Nähe der Provinzhauptstadt Dohuk. Der Schweizer Verein Khaima (zu Deutsch schützendes Zelt) betreibt dieses zusammen mit einer jesidischen und einer muslimischen NGO. Flüchtlinge aus verschiedenen Religionsgruppen leben hier friedlich nebeneinander. «Das Ziel ist es, dass sie nicht nur nebeneinander, sondern wie einst wieder miteinander leben», sagt Pfarrer Andreas.

Grosszügige Muslime, geschäftstüchtige Christen

Als 20 Minuten ihn Ende September in Dawdia besucht, ist er ganz in seinem Element: Er organisiert ein riesiges Fussballturnier, in dem Flüchtlinge aus verschiedenen Camps und Einheimische aus mehrere Dörfern in gemischten Gruppen gegeneinander antreten. «Wir haben sogar Trikots besorgt, damit sich die Kids auch später an etwas festhalten können. Das Langzeitprojekt wird ein Fussballstadion sein, das die Flüchtlinge selbst bauen. Die Leute in den Camps müssen etwas tun. Sonst wird man doch wahnsinnig.»

Allerdings trifft der Pfarrer nicht nur auf Nächstenliebe: Während die muslimischen Dörfer ihre Fussballplätze den Flüchtlingen gratis zur Verfügung stellen, verlangt das Oberhaupt eines christlichen Dorfes umgerechnet zehn Dollar pro Spiel. Statt sich in langen Erklärungen zu versuchen, führt der Pfarrer 20 Minuten direkt zum Verantwortlichen. Dieser, sichtlich unangenehm berührt, erklärt langatmig, dass man das Geld für den Unterhalt des staubigen Platzes, für Wasser und für das Licht brauche. Aber mehr als zehn Dollar werde man für den Platz sicher nicht verlangen.

«Gut», meint Vater Andreas auf dem Weg zurück nach Dohuk und grinst breit. «Jetzt hat er sich öffentlich und sogar gegenüber der ausländischen Presse festgelegt. Mit dem Preis kann er jetzt nicht mehr hochgehen, ohne sein Gesicht zu verlieren.» Der italienische Rebellenpriester Don Camillo hätte an Goerlich seine wahre Freude gehabt.

Warten auf die Flüchtlinge von Mosul

Dem pragmatischen Pfarrer nimmt man ab, dass er schnell und unbürokratisch helfen will. Er arbeitet mit der kleinen Schweizer NGO Aramaic Relief zusammen, das diesen Herbst auch Decken ins Flüchtlingslager Dawdia bringt. Oder er richtet Nähateliers für Witwen der vom IS getöteten Männer ein, damit sie längerfristig ein Einkommen haben und somit sozial geachtet werden. Oder er organisiert Abende unter dem Motto «Listening to Neighbours» («Den Nachbarn zuhören»), wo sich Christen, Jesiden und Muslime austauschen sollen, um das starke Misstrauen zu überwinden, das die Terrormiliz «Islamischer Staat» zwischen den Religionsgruppen säte. «Flüchtlinge müssen lernen, sich selbst zu helfen und auf eigenen Beinen zu stehen. NGOS sollten nicht einfach das Notwendigsten bringen, langfristig ist so niemandem geholfen»

Derzeit bereitet sich Vater Andreas auf die erwarteten Flüchtlinge aus der umkämpften Millionenstadt Mosul vor. «Alle Bewohner sind eingesperrt, sie können die Stadt nur über eine der fünf verminten Brücken verlassen.» Da die Christen bereits geflohen und in Camps und den umliegenden, bereits befreiten Dörfern untergekommen sind, rechnet der gelernte Seelsorger vor allem mit sunnitischen Flüchtlingen aus Mosul.

«Pulswärmer sind schon jetzt der Renner»

Diese müssen, das bestätigten auch mehrere kurdische Generäle, erst einen aufwendigen Screening-Prozess durchlaufen, bevor sie in den Camps unterkommen. «Alle werden ja nun verdächtigt, vom IS während zweier Jahre einer Gehirnwäsche unterzogen worden zu sein und Anschläge zu planen», sagt der Pfarrer. «Auf der anderen Seite haben die geflüchteten Christen und Jesiden klar gesagt, sie würden nie mehr nach Mosul zurückkehren, das Vertrauen sei kaputt.»

Jetzt steht auch noch der Winter vor der Tür. «Wir brauchen Decken, Medikamente, Nahrungsmittel und warme Kleidung», sagt der Pfarrer nur kurz und knapp. Er erzählt lieber von der Hilfe, die er bereits erfährt. «Eine Drogerie in Pfungen schickt uns Taschenwärmer. Wissen Sie, diese Dinger, die man schütteln und in Hosentaschen oder Schuhe stecken kann. Und die gestrickten Pulswärmer von den Kindern aus Pfungen sind schon jetzt der Renner im Camp.»

«Der da oben» und die Pfarrwahlkommission

Sein Enthusiasmus dürfte noch ein paar Mal geprüft werden. «Der da oben wird es richten», meint der unerschütterliche Goerlich. Richten muss es aber auch die Gemeinde Pfungen. Die Kirchenpflege konnte sich noch nicht dazu entschliessen, ihn nach zwei Jahren als Pfarrer wieder willkommen zu heissen. Sie lässt eine Pfarrwahlkommission über seine Rückkehr entscheiden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sulejka am 25.10.2016 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chapeau @ Herrn Pfarrer

    Ich bin auch der Meinung, dass dieser Pfarrer richtig entschieden hat, denn dort wo er jetzt ist wird er mehr gebraucht als momentan in der Gemeinde.

  • misia am 25.10.2016 23:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was gibt's denn da zu überlegen?

    Kriegt man denn auf der ganzen Welt einen christlicheren, engagierteren Pfarrer?

  • P. T. am 25.10.2016 23:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlich??

    Die ist, mit Verlaub, uncool, die Haltung der Kirchgemeinde!! Meine Hochachtung für den Einsatz des Pfarrers!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Wiederkehr am 26.10.2016 17:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Anbeter

    des Lichtbringers werdrm ihm seinen Einsatz nach Art ihrer Kultur belohnen

  • Spaniel am 26.10.2016 12:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute!

    Hut ab - alle Hochachtung vor diesem Mann. Taten Staat nur Worte! Alle Gute - solche Menschen braucht die Welt! Kommen Die Gesund wieder zurück.

  • Peter Notfallpfleger am 26.10.2016 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weder Hans noch Heiri

    So geht jeder von uns seinen eigenen Weg! Er hat nicht nur seine Berufung gefunden, er lebt sie auch, und das ist schön. Dass man aber in Pfungen nun halt eine andere Lösung sucht, verstehe ich auch! Wer weiss, mit welchen Gedanken er zurückkommt und dann auf die Gemeinde überträgt? Und so sein Trauma über das Erlebte über die ihm Anvertrauten auf negative Art verarbeitet indem er sie ständig aufrüttelt, an diesen Krieg und an das Leid erinnert, das einem religiösen Wahn und Bruderkrieg entspringt! Aber auch in Pfungen gibt es Bedürftige, denen Hilfe versagt bleibt!

    • lumpazi vagabundus am 26.10.2016 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Notfallpfleger

      Er darf helfen. Er darf nicht darüber erzählen. Wie seltsam...

    einklappen einklappen
  • Eulachtal 75 am 26.10.2016 03:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles Gute....

    ....an Pfarrer Andreas. Was die Kirchenpflege angeht sollte man eher dort über die Besetzung nachdenken. Sie sollten Stolz sein so einen Pfarrer zu haben. Kommen Sie Gesund wieder zurück, Andreas.

  • René B. am 26.10.2016 00:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo ein Mann der Tat

    Im Gegensatz zu vielen die hier immer nur lauthals Hilfe für die Flüchtlinge fordern, tut dieser Mann etwas, und das erst noch am richtigen Ort, nämlich vor Ort. An diesem Mann sollten sich viele ein Beispiel nehmen.