Türkisches Minen-Drama

15. Mai 2014 09:03; Akt: 16.05.2014 11:37 Print

Erdogan-Berater tritt Demonstranten

Es ist das schwerste Grubenunglück der türkischen Geschichte. Dennoch lässt sich Ministerpräsident Erdogan zu unsensiblen Aussagen hinreissen – und sein Berater wird gewalttätig.

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Zwei Wochen nach dem schwersten Bergbauunglück in der Geschichte der Türkei gehen die Emotionen hoch: Am Sonntag, 25. Mai, demonstrieren Tausende in Istanbul mit falschen Särgen. Darauf steht: «Ich wurde in der Mine von Kozlu getötet.» Bei gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Polizisten in der Türkei ist ein Mann durch einen Kopfschuss getötet worden. Eine kleine Gruppe von Demonstranten hatte am 22.5.2014 ihren Unmut über das Grubenunglück von Soma sowie den Tod eines jugendlichen Demonstranten bei den Gezi-Unruhen im vergangenen Jahr kundgetan. Erst drei Wochen vor dem Unglück erinnerte der Oppositionspolitiker Özgür Özel im Parlament, die Kontrollen seien zu lasch. Seine Forderungen wurden ignoriert, wie man den beiden AKP-Politikern im Hintergrund ansieht. Das Bild avanciert zum Symbol für das Versagen der Regierung. Einen Tag nach dem schwersten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei mit bislang 274 Toten tritt Erdogan-Berater Yusuf Yerkel einen Mann, der in Soma gegen die Regierung demonstrierte. Yerkel verteidigt sich: «Er beleidigte mich und den Premierminister. Hätte ich da ruhig bleiben sollen?» Das Grubenunglück im türkischen Soma am 13. Mai löste in verschiedenen Städten der Türkei Demonstrationen aus. Die Menschen protestierten gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in den Minen. Mindestens 274 Minenarbeiter sind nach einer Explosion und einem anschliessenden Brand in einer türkischen Kohlemine am Dienstag gestorben. Ein geretteter Kumpel mit seinem Vater. Noch immer sind Hunderte Arbeiter unter Tage eingeschlossen. Verzweifelte Angehörige warten vor dem Bergwerk ... ... und vor einem Spital in Soma, in dem gerettete Kumpel behandelt werden. Mehr als 80 Verletzte konnten bisher gerettet werden, einige sind in lebensbedrohlichem Zustand. Der Schock steht vielen ins Gesicht geschrieben. Viele Minenarbeiter helfen beim Versuch, ihre Kollegen zu retten. Dutzende versuchen vor einem Spital in der Region Soma, Informationen über den Gesundheitszustand ihrer Angehörigen zu bekommen. Ein verletzter Kumpel wird von einer Sanitäterin betreut. Menschen vor dem Eingang eines Spitals in der Region Soma. Rettungskräfte und Arbeiter beim Eingang der Kohlemine in Soma, in der es zu einer Explosion kam. In dem Bergwerk kam es zu einer Explosion und danach zu einem Feuer. Dichter Rauch behindere die Rettungsarbeiten, berichteten türkische Fernsehsender. Die Explosion habe sich in etwa zwei Kilometern Tiefe ereignet und sei nach ersten Untersuchungen von einem Fehler in der elektrischen Anlage ausgelöst worden, hiess es. Verwandte von Kohlemine-Arbeitern eilen zum Bergwerk.

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Nach dem verheerenden Minenunglück im türkischen Soma steigt die Zahl der Toten weiter. Mindestens 274 Bergleute sind demnach bisher tot geborgen worden, über hundert werden nach wie vor vermisst. Auch in der Nacht zum Donnerstag harrten weiter Angehörige an der Unglücksstelle aus. «Mein Bruder ist noch dort unten, er ist 22 Jahre alt», klagt eine Frau. «Er wurde schon gerettet, wir haben ihm im Fernsehen gesehen. Aber danach wurde er mit einem Rettungsteam wieder nach unten geschickt. Und jetzt wissen wir nicht, wo er ist.»

Schon jetzt ist das Unglück das schwerste in der türkischen Bergbaugeschichte. 787 Arbeiter sollen sich zum Zeitpunkt der Katastrophe unter Tage befunden haben. Ministerpräsident Erdogan hatte am Mittwoch eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen und einen Staatsbesuch in Albanien abgesagt.

Gleichzeitig zeigte der 60-Jährige aber wenig Fingerspitzengefühl. Solche Unglücke, so Erdogan, gehörten zum Kohlebergbau. Ausserdem würden in China fast täglich Menschen unter ähnlichen Umständen sterben. Leicht surreal mutete an, als Erdogan einen Vergleich mit den USA zog: «361 Menschen starben 1907 in den Minen der USA.» Unsensible Kommentare – insbesondere auch angesichts der Kritik, die wegen der mangelhaften Sicherheit in türkischen Minen gegen die Regierung Erdogan laut geworden ist.

Nicht nur die Angehörigen der Minenarbeiter reagierten empört. In Ankara und Istanbul kam es zu Protesten, die Polizei setzte schliesslich Tränengas ein. Erdogan selbst wurde bei seinem Besuch in Soma bedrängt und flüchtete – von Polizisten umringt – in einen Supermarkt. Als der Protest abflaute, fuhr der Regierungschef in einem schwarzen Wagen davon.

Ein Foto heizt die Empörung jetzt noch weiter an: Erst auf Social Media aufgekommen, hat das Bild jetzt auch die traditionellen türkischen Medien erreicht. Es zeigt Yusuf Yerkel, einen Erdogan-Berater, der mit voller Wucht einen am Boden liegenden Mann tritt.

Die Szene stammt aus Soma, der Mann am Boden ist ein Demonstrant, wie etwa «Hürryet» oder die türkische Ausgabe der BBC melden. Erdogan-Berater Yerkel verteidigte seinen brutalen Körpereinsatz gegen den am Boden liegenden Mann damit, dass dieser «ein militanter Linker ist, der aus einer anderen Stadt nach Soma gekommen ist. Er beleidigte mich und den Premierminister. Hätte ich da ruhig bleiben sollen?»

Auf Youtube kursiert ein Video, das den Tritt des Regierungsbeamten in Zeitlupe zeigt. Sehen Sie selbst:

(Quelle: Youtube/Rufenza)

(gux)